Der dritte Bildungsweg: Studieren ohne Abitur
Wer als Teenager die Mittlere Reife erworben und die erste Berufsausbildung begonnen hat, ist zunächst auf das praktische Berufsleben ausgerichtet. Es ist eine Zeit, in der man wichtige Erfahrungen sammelt und sich qualifiziert. Zu einem späteren Zeitpunkt überlegt man dann vielleicht: Will ich beruflich mehr? Sind mir die Karrierewege, die ich suche, ohne ein Studium versagt? Kann ich auch ohne Abitur an die Hochschule?
Formal ist das kein Problem: In allen 16 Bundesländern ist der Zugang zur Hochschule auch auf dem so genannten „dritten Bildungsweg“ möglich. Erforderlich sind grundsätzlich der Abschluss einer staatlich anerkannten Berufsausbildung, eine erfolgreich absolvierte Aufstiegsfortbildung beziehungsweise mehrere Jahre Berufserfahrung.
Die Zugänge zur Hochschule werden gelockert
Noch ist die Zahl beruflich qualifizierter Studienanfänger gering: Sie lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2009 bei knapp 5.400 im Vergleich zu etwa 425.000 Studienanfängern insgesamt. Dabei kann Deutschland mehr kluge Köpfe gebrauchen, die den späten Weg an die Hochschule wagen. Vor allem der in Zukunft drohende Fachkräftemangel hat die Bundesregierung jetzt auf den Plan gerufen: Um mehr Berufstätige für ein Studium zu begeistern, soll seit Ende 2008 die „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ zusätzliche Anreize schaffen. Zu den Maßnahmen gehört unter anderem das Aufstiegsstipendium, von dem bisher mehr als 4.000 vergeben wurden.
Übliche Zugangspraxis: Eignungsprüfung, Auswahlgespräch, Probestudium
Im November 2008 beschloss die Hochschulrektorenkonferenz die „Neuordnung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte“ - Ziel: den Dritten Bildungsweg zu liberalisieren und zu vereinheitlichen, um einem drohenden Mangel an hoch qualifizierten Kräften auf dem Arbeitsmarkt weiter vorzubeugen. Im März 2009 schließlich einigten sich die Kultusminister der Länder darauf, dass Absolventen betrieblicher Aufstiegsfortbildungen – das heißt beispielsweise Meister im Handwerk, Techniker, Fachwirte und Inhaber gleichgestellter Abschlüsse - deutschlandweit den allgemeinen Hochschulzugang erhalten: Sie können ein Fach ihrer Wahl studieren, ohne eine Eignungsprüfung ablegen zu müssen. Ihr Abschluss ist der allgemeinen Hochschulreife, dem Abitur, gleichgesetzt. Damit, so die Minister, sei eine Möglichkeit des Aufstiegs durch Bildung gegeben.
Berufstätige mit mindestens zweijähriger Ausbildung plus dreijähriger Berufspraxis erhalten nach der neuen Regelung eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, wenn sie ein Einstellungsverfahren oder ein einjähriges Probestudium absolvieren. Der Beschluss der Kultusministerkonferenz dürfte inzwischen in allen Ländern umgesetzt sein. Damit wurde die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung deutlich erhöht.
Eines steht fest: Wer den dritten Bildungsweg gehen möchte, hat - wenn er nicht berufsbegleitend studiert - meist eine tief greifende Veränderung des eigenen Alltags und der zeitlichen Flexibilität vor sich. Noch gibt es in Deutschland nicht allzu viele Studiengänge, die Praktikern entgegen kommen und etwa am Wochenende stattfinden. In jedem Fall gilt: Je mehr Leidenschaft und je größer die eigene Überzeugung ist, desto leichter fällt es.



Bundesagentur für Arbeit
Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte in den einzelnen Bundesländern