Neustart im Museum

Einmal auf der Straße, immer auf der Straße? Dass man auf solche Sprüche nicht viel geben sollte, das kann man am Beispiel von Rolf Wassermann (61) sehen. Wie er es geschafft hat, die Obdachlosigkeit hinter sich zu lassen.

Ein bürgerliches Leben und ein Leben auf der Straße – Rolf Wassermann kennt beides. 2007 ging das eine zu Ende und das andere begann.  Er verlor erst seinen Job und dann sein Hab und Gut.  Das schlug sich auch auf die Psyche nieder – mit Selbstzweifeln, Ängsten und schließlich Depressionen. Die Konsequenz aus dieser Situation war dann für ihn: Obdachlosigkeit. Oft ging er ziellos durch die Straßen von Würzburg, immer wieder auch über die alte Mainbrücke:  „Mein Blick, wenn ich über diese Brücke ging, ging immer in die Ferne“, sagt er. Das Hier-und-Jetzt, das eigene Leben – damit konnte er sich einfach nicht mehr befassen.

Der Weg zurück

Das Leben davor sah für den heute 61-Jährigen ganz anders aus. Rolf Wassermann arbeitete als Ägyptologe und hatte einen geregelten Tagesablauf. Der Wissenschaftler war es gewohnt, sich mit Experten im Fachjargon über das antike Ägypten auszutauschen.  Er vermied allerdings den Kontakt zu anderen Menschen – weil er etwas menschenscheu war, wie er sagt: „Um ehrlich zu sein, ich habe immer geglaubt, dass ich die Leute ziemlich langweilen kann.“

Der Weg zurück zu einem Leben in der Mitte der Gesellschaft begann dann mit seinem Einzug in das Johann-Weber-Haus: ein sozialtherapeutisches Wohnheim für Männer, die vorübergehend auf Hilfe angewiesen sind. Ziel der Einrichtung ist es, den Bewohnern wieder ein eigenständiges und unabhängiges Leben zu ermöglichen. Sie werden beispielsweise unterstützt in Fragen des Wohnens und Arbeitens, bei Behördengängen und beim Umgang mit Schulden. Rolf Wassermann hatte nun wieder ein festes Dach über dem Kopf – und ergriff eine Chance, die sich ihm bot.  Im Siebold-Museum in Würzburg fing er als Museumsaufsicht an, zunächst als Ein-Euro-Kraft. Ermöglicht wurde das einerseits durch den Europäischen Sozialfonds im Rahmen des Bundesprogramms für Langzeitarbeitslose. Andererseits war es aber natürlich der Verantwortliche im Museum, der ihm die Chance gab.

Heute führt er Besucher durch das Museum, gibt sein Wissen an sie weiter und unterhält sie.

Entspannte Normalität

Bei der Rückkehr in ein geregeltes Arbeitsleben wurde Rolf Wassermann nicht allein gelassen. Unterstützung erhielt er etwa durch Judith Menz, die als Jobcoach tätig ist. Sie half ihm bei der Zeiteinteilung und bei der Strukturierung der Aufgaben. Den entscheidenden Anteil am erfolgreichen Wiedereinstieg hatte er aber selbst: Er zeigte sich offen dafür, Neues zu lernen, sich weiterzubilden – und in eine neue Rolle zu schlüpfen. Heute führt er Besucher durch das Museum, gibt sein Wissen an sie weiter und unterhält sie. Der Wandel vom menschenscheuen Wissenschaftler zum weltoffenen Museumsführer wundert ihn teils selbst. Er ist beliebt bei den Besuchern, davon zeugen unter anderem die Einträge im Gästebuch.

Mittlerweile arbeitet er nicht mehr als Ein-Euro-Jobber, sondern hat ein „normales“ Arbeitsverhältnis. Sein Vertrag läuft noch bis Ende 2017. Schon jetzt ergreift sein Arbeitgeber aber Maßnahmen, um eine Weiterbeschäftigung zu gewährleisten. Denn beide Seiten wollen ungern aufeinander verzichten. Außerdem gibt er seine Erfahrungen an Menschen weiter, die an Integrationsprogrammen teilnehmen und mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, wie er selbst in der Vergangenheit.

So wie in der Zeit seiner Obdachlosigkeit geht er auch heute noch regelmäßig über die alte Mainbrücke in Würzburg – aber heute mit einem völlig anderen Blick auf die Welt: „Ich latsche über die Brücke, eilig oder gemütlich, bewusst oder völlig unbewusst. Es ist die absolute, normale, entspannte Normalität.“