16.03.2021 | Presseinfo Nr. 16

Ein Jahr Ausnahmezustand

Es war ein bis dahin kaum vorstellbares Ereignis: Am 16. März 2020 geht ein ganzes Land in den Lock-Down. Über Nacht schließen Betriebe, Geschäfte und Dienstleistungsunternehmen. Der Arbeitsmarkt geht in den Krisen-Modus. Mit weitreichenden Folgen: Die Arbeitslosigkeit steigt sprunghaft an, Kurzarbeit wird in nie dagewesenem Ausmaß angezeigt. Dennoch hat der Arbeitsmarkt bislang bemerkenswert robust reagiert, so die Bilanz der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster nach einem Jahr.
 

„Auch wenn sich der Lock-Down bereits einige Tage vorher andeutete und wir uns, soweit es möglich war, vorbereitet haben: Das, was am 16. März am Arbeitsmarkt passierte, war jenseits all unserer bisherigen Erfahrungen“, berichtet Joachim Fahnemann, Leiter der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster, rückblickend. Die Telefone standen an diesem Montag in der Arbeitsagentur nicht mehr still. „Die Unsicherheit war groß“, erinnert er sich. Hilfreich seien in dieser Situation besonders zwei Dinge gewesen, so Fahnemann: „Zum einen haben wir sehr schnell unsere organisatorischen Prozesse angepasst und konnten so weiter für unsere Kundinnen und Kunden da sein, ob per E-Mail, Telefon oder inzwischen auch per Video-Chat. Zum anderen haben die erweiterten Möglichkeiten, Kurzarbeitergeld zu beziehen, den Unternehmen geholfen, ihre Beschäftigten zu behalten“.

Insgesamt 3.856 Anzeigen auf Kurzarbeit für 53.019 Beschäftigte gingen im Jahr 2020 in Münster ein. Im Kreis Warendorf waren es 3.041 Anzeigen für 41.776 Arbeitnehmer. Zum Vergleich: In der Spitze der Finanzkrise in 2009 waren es im gesamten Bezirk der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster, also in Münster und dem Kreis Warendorf, 710 Anzeigen für 21.708 Arbeitnehmer. „Viele Arbeitgeber haben im März und April, unmittelbar nach dem ersten Lock-Down vorsorglich Kurzarbeit angemeldet“, so Fahnemann. Darunter waren zahlreiche Unternehmen, die vorher noch nie mit dem Thema Kurzarbeit in Berührung gekommen waren. „Dazu gehören beispielsweise Friseurbetriebe, Arztpraxen, Einzelhandelsunternehmen, Kulturbetriebe oder Fitnessstudios. Dementsprechend groß war der Beratungsbedarf“, führt er aus.

Nicht alle Unternehmen, die Kurzarbeit angemeldet hatten, haben das Instrument auch tatsächlich gebraucht. Die Kurzarbeit erreichte im Agenturbezirk bereits im April 2020 ihren Höchststand. In Münster waren zu diesem Zeitpunkt 2.282 Unternehmen mit 22.561 Beschäftigten in Kurzarbeit. Im Kreis Warendorf waren es 1.613 Betriebe mit 17.276 Arbeitnehmern. „Für die betroffenen war die Kurzarbeit der Rettungsanker, mit dem Entlassungen verhindert werden konnten“, urteilt Fahnemann. Dabei sei es besonders darauf angekommen, die Anträge schnell zu bearbeiten und die Zahlungen auf den Weg zu bringen. „Ohne das besondere Engagement und die Flexibilität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei die Flut der Anträge nicht zu bearbeiten gewesen“, sagt der Agenturchef. Denn aus ganz unterschiedlichen Bereichen haben sie sich in das Thema Kurzarbeit eingearbeitet und die Fachabteilung unterstützt.

Besonders hart von der Pandemie betroffen war und ist auch weiterhin das Hotel- und Gaststättengewerbe. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten brach in diesem Sektor im Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahr in Münster um mehr als 8 Prozent ein, im Kreis Warendorf waren es sogar 11 Prozent. Rund die Hälfte der Betriebe musste kurzarbeiten. „In anderen Branchen war das Bild nicht so einheitlich“, berichtet Fahnemann. So waren im Juni im Kreis Warendorf 16 Prozent der Unternehmen im Handel in Kurzarbeit, in Münster waren es 19 Prozent. „Während zahlreiche Einzelhandelsunternehmen komplett schließen mussten oder nur unter starken Einschränkungen öffnen dürfen, ist die Situation im Lebensmittelhandel ganz anders. Hier wurde teilweise sogar mehr Personal benötigt“, erläutert er.

Trotz des massiven Einsatzes von Kurzarbeit ist die Arbeitslosigkeit spürbar gestiegen. Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Arbeitslosen im Sommer 2020. Gegenüber dem Vorjahr erhöhte sie sich im Juli in Münster um 23,8 Prozent auf 9.894 Personen. Im Kreis Warendorf betrug der Anstieg 22,8 Prozent auf 8.892 Arbeitslose. Dabei habe es nicht vorrangig zahlreiche Entlassungen gegeben, erklärt Fahnemann: „Vielmehr fehlten neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitsuchende und bereits Arbeitslose. Denn angesichts der unsicheren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Lage reagierten viele Unternehmen bei Neueinstellungen sehr zurückhaltend“. Nach den Sommerferien setzte bereits eine Erholung am Arbeitsmarkt ein. „Zwar sind noch immer mehr Menschen arbeitslos gemeldet, als in den Vorjahren. Dennoch ist die Situation grundsätzlich stabil“, so Fahnemann. Im Februar lag die Zahl der Arbeitslosen in Münster bei 9.161 Personen, 18 Prozent mehr als im Vorjahresvergleich. Im Kreis Warendorf waren 8.100 Arbeitslose gemeldet, 9 Prozent mehr als im Februar 2020.

„Wie sich die Situation weiterentwickelt, kann man aktuell nur schwer vorhersagen. Die Wirtschaftsstruktur in der Region ist aber sehr robust, viele Unternehmen haben sehr kreativ auf die Herausforderungen der Krise reagiert und in einigen Branchen zieht die Arbeitskräftenachfrage langsam wieder an“, sagt Joachim Fahnemann. „Damit haben wir gute Voraussetzungen am Arbeitsmarkt, um auch die kommenden Wochen zu bewältigen“.