29.10.2020 | Presseinfo Nr. 59

Virus lässt Ausbildungsmarkt „erkranken“

Die Agentur für Arbeit Bad Homburg zieht Bilanz zum Ende des Ausbildungsjahres 2019/2020: Das zurückliegende Ausbildungsjahr hätte sich in die Reihe, der vergangenen positiven Ausbildungsjahre mit steigenden Bewerber – und Ausbildungszahlen einreihen können, wenn nicht die Pandemie alles verändert hätte.
 

„Der Rückblick auf die vergangenen Ausbildungsjahre war stets ein positiver. Wir konnten im Agenturbezirk auf stetig wachsende Bewerber- und Ausbildungsplatzzahlen zurückblicken. Die duale Ausbildung wurde zunehmend auch von Schülerinnen und Schülern als Karrierestart favorisiert, die eigentlich mit der Allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung in früheren Jahren genau diesen Hochschulbeginn gesucht hätten. Kurzum wir waren auf einem sehr guten Weg, die Fachkräftesicherung voranzutreiben, und die in Rente gehende Generation der Baby-Boomer durch fachlich sehr gut ausgebildet junge Menschen zu ersetzen. Auch die Menschen mit Fluchthintergrund haben besonders in den letzten beiden Jahren dazu beigetragen, dass das Fachkräftepotential weiter voranschritt“, resümiert Matthias Oppel, Vorsitzender der Geschäftsführung.

„Umso mehr sehe ich mit Sorge die Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt, die die Pandemie hervorgerufen hat. Wir haben einen massiven Einbruch bei den Ausbildungsstellen erlitten. War doch gerade das vergangene Jahr eines der erfolgreichsten Ausbildungsjahre. Ausbildungsstellen, die im Frühjahr noch zur Besetzung anstanden, wurden aufgrund der unsicheren und nichtabzuschätzenden Lage nicht mehr besetzt. Auch in den Sommermonaten entspannte sich die Situation mit Blick auf die Ungewissheit, in den vor uns liegenden Monaten, nur schleppend. Ich verstehe durchaus, dass die Entscheidung für weniger oder in kleinen Betrieben für gar keine neuen Auszubildenden nicht leichtfertig, sondern schweren Herzens getroffen wurde. Dennoch stellt es uns gesamtgesellschaftlich vor eine enorme Anstrengung und Herausforderung. Die Pandemie wird viele Jugendliche zusätzlich darin bestärken, an die weiterführenden Schulen oder Hochschulen zu drängen. Dies entspannt auf den ersten Blick zwar die Situation, verschärft aber die Suche nach Fachkräften in den nächsten Jahren, die wir trotz der Pandemie benötigen. Denn der demografische Wandel macht vor der Pandemie keinen Halt. Hier stecken wir in einem Dilemma“, erklärt Matthias Oppel.

„Auch, wenn durch die Corona - Situation Bewerbungsprozesse in den Unternehmen ins Stocken geraten sind, so müssen wir in den nächsten Monaten versuchen, Perspektiven zu schaffen. Ich weiß, dass die Unternehmen trotz angespannter Lage noch Ausbildungsplätze nachbesetzen möchten. Ausbildung hat in Deutschland eine lange Tradition und ist eine Herzensangelegenheit der Unternehmen. All dies wurde und wird auf eine harte Probe gestellt.  Aber ich spreche hier nicht nur von den zukünftigen Auszubildenden. Diejenigen, die in den vergangenen Monaten noch in der Ausbildung waren, hatten ebenso wie die Betriebe mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen: Geschlossene Berufsschulen und insbesondere in den HoGa – Berufen mit geschlossenen Hotels und Restaurants zu tun. Eine Ausbildung war teilweise gar nicht mehr möglich. Zu den Branchen, die ihr Ausbildungsangebot überproportional reduzierten, gehörten neben dem Gastgewerbe, Medien, verarbeitendes Gewerbe und unternehmensorientierte Dienstleistungen. Wobei die Medien zudem noch im Umbruch in die „digitale Welt“ steckten. Wir hatten zeitweilig einen Einbruch von 25 Prozent, der ursprünglich zu besetzenden Ausbildungsplätze. Dieser Wert hatte sich zum Ende des Berichtsjahres etwas verbessert, so, dass wir uns nun unter der 20 Prozentmarke bewegen.

Ein insgesamt höheres Angebot an Ausbildungsplätzen zeigt sich nur in den Branchen Bau sowie „Gesundheit und Pflege“. Auch der Einzelhandel/Lebensmittelbereich kann und konnte noch mit stabilen Zahlen und Stellenbesetzungen aufwarten. Gute Chancen hatte man zudem in den Branchen Immobilien, Banken/Versicherungen und IT. Ansonsten sind alle Branchen mit unterschiedlicher Ausprägung von der Reduzierung bzw. dem Wegfall von Ausbildungsplätzen betroffen“, weiß Matthias Oppel.

„Die Frage, die sich stellt: Wie wird es weitergehen? Dies hängt naturgemäß davon ab, wie sich die wirtschaftliche Situation in unserem Agenturbezirk, aber auch über die Grenzen hinweg entwickelt. Das Rhein-Main-Gebiet steht grundsätzlich für einen wirtschaftlichen Standort, der von der globalen Vernetzung der Unternehmen über die Maße profitiert. Jetzt erleben wir in weiten Teilen das Gegenteil, die globale Welt dreht sich langsamer, und damit auch die wirtschaftlichen Perspektiven. Eine Wechselwirkung, die uns in den nächsten Jahren noch beschäftigen wird.

Die in der Allianz für Aus- und Weiterbildung und die, im Konjunkturpaket beschlossenen Maßnahmen zur Ausbildung sind insbesondere für von Corona betroffene Betriebe deshalb eine wichtige Unterstützung. Die Ausbildungsprämie stellt eine Motivation für Betriebe dar, auch unter diesen schwierigen Bedingungen ihre Ausbildungsplatzanstrengungen aufrechtzuerhalten oder wiederaufnehmen zu können“, erläutert der Vorsitzende.

Die Bilanz im Einzelnen

Entwicklung im Agenturbezirk Bad Homburg

Rückgang an Ausbildungsstellen

Die Unternehmen im Agenturbezirk meldeten im Berichtsjahr 2019/2020 insgesamt 3.372 Berufsausbildungsstellen. Das waren 196 Stellen (--5,5 Prozent) weniger als im Berichtsjahr 2018/2019. Davon waren 389 Berufsausbildungsstellen unbesetzt, das sind 52 Stellen mehr als im Vorjahr (+15,4 Prozent). Die Relation gemeldeter Berufsausbildungsstellen je gemeldeten Bewerber lag bei 0,73.

Situation bei den Bewerberzahlen

Seit Beginn des Ausbildungsjahres suchten 4.603 Bewerberinnen und Bewerber eine Berufsausbildungsstelle über die Berufsberatung im Agenturbezirk. Das waren 445 Suchende (-8,8 Prozent) um eine Ausbildungsstelle weniger als noch vor einem Jahr.

382 Jugendliche waren zum Stichtag des 30. September 2020 noch unversorgt. Das waren 191 Jugendliche mehr als im Vorjahr (+100,0 Prozent). Die Relation unbesetzter Berufsausbildungsstellen je unversorgten Bewerber lag bei 1,02.

Entwicklung in den Kreisen

Hochtaunuskreis

Rückgang der Ausbildungsstellen

Im Hochtaunuskreis meldeten die Unternehmen und Betriebe bei der Agentur für Arbeit im vergangenen Berichtsjahr 1.094 Ausbildungsstellen. Das waren 118 Stellen (-9,7 Prozent) weniger als im Berichtsjahr 2018/2019. 100 Berufsausbildungsstellen waren unbesetzt, das sind 39 Stellen mehr, als im Vorjahr (+63,9 Prozent). Die Relation gemeldeter Berufsausbildungsstellen je gemeldeten Bewerber lag bei 0,82.

Situation der Bewerberzahlen

Seit Beginn des Ausbildungsjahres suchten 1.339 Bewerberinnen und Bewerber eine Berufsausbildungsstelle über die Berufsberatung. Das waren 5 Bewerber (+0,4 Prozent) mehr als noch vor einem Jahr.

109 Jugendliche waren zum Stichtag des 30. September 2020 noch unversorgt. Das waren 60 Bewerber/innen mehr. Dies entspricht einem Prozentsatz von 122,4 Prozent. Die Relation unbesetzter Berufsausbildungsstellen je unversorgten Bewerber lag bei 0,92.

Main-Taunus-Kreis

Rückgang an Ausbildungsstellen

Im Main-Taunus-Kreis meldeten die Unternehmen und Betriebe bei der Agentur für Arbeit im Berichtsjahr 794 Ausbildungsstellen. Das waren 155 Stellen (-16,3 Prozent) weniger als im Berichtsjahr 2018/2019. Davon waren 95 Berufsausbildungsstellen unbesetzt, das sind 17 Stellen mehr als im Vorjahr und entspricht einem Prozentsatz von 21,8 Prozent. Die Relation gemeldeter Berufsausbildungsstellen je gemeldeten Bewerber lag bei 0,60.

Situation der Bewerberzahlen

Seit Beginn des Ausbildungsjahres suchten 1.323 Bewerberinnen und Bewerber eine Berufsausbildungsstelle über die Berufsberatung. Das waren 238 Suchende (- 15,2 Prozent) um eine Ausbildungsstelle weniger als noch vor einem Jahr.

121 Jugendliche waren zum Stichtag des 30. September 2020 noch unversorgt. Dies entspricht einem Zuwachs von 54 Bewerberinnen und Bewerbern oder einen Prozentsatz von 80,6. Die Relation unbesetzter Berufsausbildungsstellen je unversorgten Bewerber lag bei 0,79.

Kreis Groß-Gerau

Anstieg an Ausbildungsstellen

Im Kreis Groß-Gerau meldeten die Unternehmen und Betriebe bei der Agentur für Arbeit im Berichtsjahr 1.484 betriebliche Ausbildungsstellen. Das sind 77 Stellen oder 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon waren 194 Berufsausbildungsstellen unbesetzt, das sind 4 Stellen weniger als im Vorjahr (- 2,0 Prozent). Die Relation gemeldeter Berufsausbildungsstellen je gemeldeter Bewerber lag bei 0,76.

Situation der Bewerberzahlen

Seit Beginn des Ausbildungsjahres suchten 1.941 Bewerber eine Berufsausbildungsstelle über die Berufsberatung. Das waren 212 Bewerber (- 9,8 Prozent) weniger als noch vor einem Jahr.

152 Jugendliche waren zum Stichtag des 30. September 2020 noch unversorgt. Das sind 77 Bewerber mehr, die noch ohne einen Ausbildungsvertrag oder eine Alternative dastehen. Dies entspricht einem Prozentsatz von 102,7. Die Relation unbesetzter Berufsausbildungsstelen je unversorgter Bewerber lag bei 1,28.

Hinweis zur Dateninterpretation

Die hier veröffentlichten statistischen Werte zeichnen nicht in Gänze das Ausmaß der Pandemie auf den Ausbildungsmarkt ab. Das Zahlenmaterial bezieht sich ausschließlich auf die gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber der Agentur für Arbeit und die dort gemeldeten Berufsausbildungsstellen. Zudem haben nicht alle Bewerber/innen und Unternehmen ihren aktuellen Status zur Suche bzw. zur Aufrechterhaltung von Ausbildungsplätzen angegeben, so dass es auch hier unter Umständen zu Abweichungen kommen kann.