06.11.2020 | Presseinfo Nr. 81

Eine erste Bilanz, aber es geht noch weiter.

Der Ausbildungsmarkt geht in die Verlängerung.

Jedes Jahr am 30. September endet das offizielle Berufsberatungsjahr zum Ausbildungsmarkt. Dann wird Bilanz gezogen. Gemeinsam mit den Paktpartnern analysiert die Agentur für Arbeit die Entwicklung und gibt erste Prognosen und Vorhaben für das kommende Jahr bekannt. So auch 2020. Das Jahr, in dem Corona die Welt auf den Kopf stellt.

Zwar wird coronabedingt der Ausbildungsstart vielfach nach hinten verschoben, eine vorläufige Bilanz zu ziehen macht aber Sinn. Der aktuelle Status Quo auf dem Ausbildungsmarkt solle jedes Jahr zur gleichen Zeit erläutert werden, so die Stimmen aller Paktpartner zum Ausbildungsmarkt. Dazu gehören:

Thomas Eiskirch (Oberbürgermeister der Stadt Bochum), Eric Weik (Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet), Dirk W. Erlhöfer (Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen), Michael Mauer (Kreishandwerksmeister), Stefan Marx (Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbund Ruhr-Mark) und Frank Neukirchen-Füsers (Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Bochum)

Die ersten wichtigsten Eckdaten im Vergleich lauten wie folgt:

Bewerber in Bochum 

  • insgesamt 2.402, minus 171 gegenüber Vorjahr
  • davon für das aktuelle Jahr noch 347 Bewerber unversorgt

Ausbildungsstellen in Bochum

  • insgesamt 2.195, minus 80 gegenüber Vorjahr
  • davon für das aktuelle Jahr noch 212 Ausbildungsstellen unbesetzt

Entwicklung Bewerber-Stellen-Relation in Bochum

  • 2020 kommen auf 100 Bewerber 91 Ausbildungsstellen
  • 2019 kommen auf 100 Bewerber 88 Ausbildungsstellen
  • 2018 kommen auf 100 Bewerber 77 Ausbildungsstellen

Ausbildungsbeginn ist im August oder September. Traditionell starten dann die dualen Ausbildungen in den Betrieben. Gleichwohl gibt es jedes Jahr die Möglichkeit, zu einem späteren Termin in die Ausbildung einzusteigen. Die Rede ist vom 5. Quartal auf dem Ausbildungsmarkt. Gemeinsame Nachvermittlungsaktionen der Agentur für Arbeit und der Kammern sollen über den Ausbildungsstart hinaus suchende Bewerber und Unternehmen zusammenbringen. Jedes Jahr aufs Neue werden in dieser Periode auch in letzter Minute noch neue berufliche Startchancen für Jugendliche geebnet und somit auch eine bessere Fachkräfteversorgung für die Unternehmen erzielt. In diesem Jahr kommt diesem 5. Quartal eine besondere Rolle zu.

Die Coronapandemie hat viele Prozesse, so auch auf dem Ausbildungsmarkt, nach hinten verschoben. Die Abschlussprüfungen der Schulen fanden teilweise später statt und neue Formate für die Bewerbungsverfahren mussten entwickelt werden. Unternehmen sahen sich durch die Pandemie häufig gezwungen andere Prioritäten zu setzen. Die Entscheidung zur Besetzung freier Ausbildungsstellen wurde daher vielerorts erst einmal verschoben und auch die Schulschließungen führten zu vielen neuen Herausforderungen. Um die Jugendlichen trotz der pandemiebedingten Einschränkungen gut zu beraten und beim Finden der passenden Ausbildung zu unterstützen, wurden viele neue Wege gesucht und der Ausbildungsmarkt geht in die Verlängerung. Neben der klassischen Telefonie steht nach wie vor die Videokommunikation oder auch mal ein gemeinsamer Beratungsspaziergang an der frischen Luft mit den Jugendlichen auf der Agenda der Berufsberatung. Zwar ist die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen in diesem Jahr trotz Corona fast stabil und das Bewerber-Stellen-Verhältnis hat sich statistisch verbessert. Aber die Vermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen und die Meldungen der noch unbesetzten Ausbildungsstellen und unversorgten Bewerber entsprechend hoch.

Insgesamt haben sich seit Beginn des Berufsberatungsjahres im Oktober 2019 bis zum Bilanzschluss Ende September dieses Jahres 2.402 Bewerber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Das sind gegenüber dem Vorjahr 171 Jugendliche oder 6,6 Prozent weniger. Die demografiebedingt sinkende Zahl der Schüler in den Abschlussklassen zeigt sich von Jahr zu Jahr deutlicher. Gegenüber den gemeldeten Bewerbern stehen derzeit 2.195 betriebliche Ausbildungsstellen. Im Vergleich zum letzten Berufsausbildungsjahr ist das ein Rückgang um 80 Ausbildungsstellen oder 3,5 Prozent. Rein rechnerisch kommen damit derzeit auf 100 Bewerber 91 Ausbildungsstellen. Im Jahr zuvor waren es nur 88 Stellen. Damit verbessert sich der Ausbildungsmarkt trotz Corona. Dennoch, viele Unternehmen sind mit der Besetzung ihrer Ausbildungsstellen noch im coronabedingten zeitlichem Verzug und so gibt es aktuell noch immer 212 unbesetzte Ausbildungsstellen. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 13,1 Prozent mehr unbesetzte Stellen. Die Anzahl der unversorgten Bewerber ist mit noch 347 Jugendlichen (71,8 Prozent) derzeit noch ungleich höher.

Frank Neukirchen-Füsers, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, betont, wie bedeutend das 5. Quartal in diesem Jahr zu bewerten ist: „In Anbetracht der Coronakrise haben wir in Bochum nicht nur einen stabilen Ausbildungsmarkt erhalten können, sondern die Bewerber-Stellen-Relation konnte sogar deutlich verbessert werden. Dies zeigt, die Bochumer Wirtschaftslage ist robust und die Unternehmen setzen auf die Zukunft mit Ausbildung. Es ist sehr wichtig, dass wir die kommenden Wochen noch einmal verstärkt nutzen, um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern. Die Meldungen sind trotz der Pandemie in Bochum zwar auf Arbeitgeberseite stabil, aber es gibt noch viele unversorgte Bewerber und auch die Unternehmen suchen weiter. Der Vermittlungs- und Entscheidungsprozess ist in diesem Jahr deutlich verspätet. Mindestens zwei Monate. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass die Vorstellung der Jugendlichen und die Anforderung der Unternehmen für viele Ausbildungsberufe immer wieder auseinanderklaffen. Das Gute ist: Viele Unternehmen melden auch jetzt noch weitere Ausbildungsplätze für dieses Jahr. Daher heißt es auch jetzt noch: Es gibt noch Chancen auf dem Ausbildungsmarkt und jeder sollte sie nutzen. Junge Menschen brauchen berufliche Perspektiven und die Unternehmen – trotz Corona – gute Fachkräfte.“ Ausbildungsverträge für das laufende Jahr können noch bis Ende Januar 2021 abgeschlossen werden. Arbeitgeber werden derzeit dahingehend beraten und die Berufskollegs sind vom Schulministerium aufgefordert, sich organisatorisch, pädagogisch und didaktisch auf einen späteren Ausbildungsbeginn einzustellen. Auch die Paktpartner engagieren sich natürlich im Rahmen der Nachvermittlungsaktionen der kommenden Wochen und bieten Beratung und Vermittlung an.

Oberbürgermeister Thomas Eiskirch verweist auf die gute Entwicklung der letzten Jahre und setzt weiter auf Solidarität: „Heute zeigt sich, dass die gute Entwicklung des Ausbildungsmarktes der letzten Jahre auch in der Krise stabil ist und Bestand hat. Aber natürlich trifft die Corona-Pandemie auch den Bochumer Ausbildungsmarkt. Viele Unternehmen stellen später als üblich ein und bieten damit vielen jungen Menschen einen Ausbildungsplatz und damit eine Zukunftsperspektive. Das ist ein wichtiges Signal, denn mehr denn je sind Solidarität, Mut und Zuversicht gefragt. Die Wirtschaft braucht Fachkräfte. Und die kriegt man am besten, indem man sie selber ausbildet. Auch bei der Stadtverwaltung: 150 Nachwuchskräfte haben in diesem Jahr ihre Ausbildung begonnen und in 2021 stellen wir ebenso viele ein. Der Fachkräftemangel bleibt gerade in der Zeit der Corona-Pandemie eine große Herausforderung. Deshalb ist es wichtig, den Ausbildungsmarkt zu stabilisieren und ein deutliches Zeichen zu setzen.“

Dirk W. Erlhöfer, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen, unterstreicht die Pandemieherausforderungen und betont das hohe Engagement der Betriebe: „In diesem Jahr ist nur sehr wenig so, wie wir es aus den vergangenen Jahren kennen. Das gilt auch für die Ausbildung. Und doch haben sich die allermeisten Unternehmen der Region zur eigenen Ausbildung bekannt und bilden auch in diesen – gerade auch für industriell geprägte Unternehmen – sehr schwierigen Zeiten aus. Das ist ein gutes Zeichen, denn die Pandemie wird uns nicht ewig im Griff haben. Der Auszubildende von heute ist die Fachkraft von morgen. Der Fachkräftebedarf - in manchen Berufen, Regionen oder Unternehmen auch bereits ein regelrechter Fachkräftemangel - hat sich durch die coronabedingten Einschränkungen nicht erledigt, ist durch Kurzarbeit und Restrukturierungsbedarf allenfalls aufgeschoben. Damit unsere Wirtschaft morgen wieder durchstarten kann, ist das Engagement der Ausbildungsbetriebe jetzt und in diesem Jahr besonders wichtig.“

Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet, Eric Weik, verweist auf ein immer noch leichtes Plus der abgeschlossenen Ausbildungsverträge und betont die Wichtigkeit der Berufsorientierung: „Dass wir in den Sommermonaten in Bochum noch ein leichtes Plus bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr hatten und Ende Oktober nun ein geringes Minus von drei Prozent feststellen müssen (1.210 statt 1.248) zeigt, dass einige Ausbildungsverträge in der Probezeit aufgelöst wurden. Dies dokumentiert, dass wir noch mehr Konzentration auf die Berufswahlorientierung richten müssen – was natürlich in Corona-Zeiten besonders schwierig war, weil viele Beratungsmöglichkeiten wegfielen. Dass die Unternehmen sich auch in schwierigsten Zeiten nicht von der Ausbildung verabschiedet haben, finde ich klasse und richtig. Und auch in Bochum gilt: Es gibt noch freie Stellen, der Ausbildungsmarkt ist noch in Bewegung. Allen unversorgten Jugendlichen sage ich: Ihr habt immer noch Chancen.“

Kreishandwerksmeister, Michael Mauer, sagt, Corona habe die jungen Leute bei der Suche des passenden Ausbildungsplatzes massiv getroffen: „Es nützt kein Vergleich von Zahlen, denn jetzt heißt es einzig und allein: Das Beste aus der Situation machen. Dabei stehen die Chancen auch jetzt noch sehr gut. Nichts ist zu spät auf der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz. Es sind junge Menschen, die das Handwerk begeistern muss. Das Handwerk ist modern, innovativ, werteorientiert. Die Zukunft gehört denen, die sich zukunftsorientiert ihren Karriereweg im Handwerk bauen. Junge Menschen und Handwerk – ja, das passt gut zusammen. Bei den zahlreichen Onlineportalen, die das Handwerk zur Verfügung stellt, kann jeder seinen eigenen Karriereweg finden. Corona und Glaskugel sind Eins. Keiner hat Erfahrung aus der Vergangenheit. Es ist ein besonderes Jahr mit besonderen Herausforderungen. Meine Bewunderung gilt den jungen Menschen, die es gerade in dieser Zeit schaffen, ein hohes Maß an Flexibilität mitzubringen. Ebenso appelliere ich an die Unternehmen in ihrem Ausbildungsengagement nicht nachzulassen. Die Qualität im Handwerk ist ohne Qualität der Ausbildung kaum machbar.“

Stefan Marx vom Deutschen Gewerkschaftsbund gibt zu bedenken, dass aus dem Geschehenen der ersten Pandemiemonate jetzt gelernt werden muss und sagt: „Die Pandemie hat den Zugang zum Ausbildungsmarkt erheblich erschwert. Insbesondere für das Ausbildungsjahr 2020/2021 sind starke Nachwehen zu erwarten. Im Vorfeld sind schulische Berufspraktika, Ausbildungsmessen und sonstige Angebote der Berufsberatung ersatzlos ausgefallen. Politik und Verbände müssen hier sorgsam bleiben, damit die junge Generation nicht die große Verliererin der Coronapandemie wird. Sicherlich ist die Situation für alle verantwortlichen Personen schwierig und neu gewesen. Perspektivisch muss es nun darum gehen, aus dem Erlebten des ersten Lockdowns die richtigen Schlüsse zu ziehen, und sich für den Winter so vorzubereiten, dass die Ausbildung fortgesetzt werden kann. Dazu gehören auch neue Angebote und Bewerbungsverfahren für den kommenden Ausbildungsjahrgang 2021/2022 wie auch die gründliche Vorbereitung der Winter-Abschlussprüfungen. Insbesondere muss das Augenmerk auf das Fortsetzen der gemeinsamen Anstrengungen im Bereich der Beruflichen Orientierung gelegt werden. Hier sind die Ansätze auszubauen, welche auch unter den erheblichen Einschränkungen der Pandemie, einen Kontakt mit den Jugendlichen ermöglichen.“