20.01.2021 | Presseinfo Nr. 65

Der Arbeitsmarkt im Kreis-Euskirchen

Jahresrückblick 2020

  • Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Juni 2020 im Kreis Euskirchen nur leicht unter Vorjahresniveau.
  • Die Arbeitslosigkeit wuchs im Kreis Euskirchen im April und Mai 2020 gegenüber dem Vorjahr stark an
  • Kurzarbeit auf Rekordhöhe
  • Starke Steigerung der Arbeitslosigkeit in allen Personengruppen besonders betroffen waren junge Menschen, Menschen ausländischer Herkunft und Ältere über 50 Jahre
  • Arbeitskräftenachfrage eingebrochen: In der Jahressumme wurden 15,2 Prozent weniger sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet


„Der Arbeitsmarkt im Kreis Euskirchen ist 2020 wegen der Corona-Krise stark unter Druck geraten. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen zum Jahresende wieder leicht sanken, waren die Folgen des ersten Lockdows am Jahresende noch deutlich sichtbar. Mit dem September ist die Arbeitslosenquote aber in einen leichten Sinkflug gegangen, wie es weitergeht, ist aufgrund des zweiten Lockdowns nun schwer einzuschätzen. Die stabilisierende Wirkung der Kurzarbeit hat jedoch die Beschäftigung gesichert und eine höhere Arbeitslosigkeit verhindert“, bilanzierte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl, Rainer Imkamp, anlässlich der traditionellen Jahres-Pressekonferenz in Euskirchen.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung
„Bis zur Jahresmitte konnten wir erfreulicherweise keinen großen Einbruch bei der Beschäftigung insgesamt feststellen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist zum Vorjahr nur minimal gesunken“, erklärt Imkamp. Im Juni 2020 (die Wartezeit beträgt 6 Monate, neuere Daten liegen noch nicht vor) waren damit 57.767 Menschen im Kreis Euskirchen beschäftigt, im Juni 2019 lag dieser Wert noch bei 57.908. Somit sind 141 (-0,2 Prozent) Personen weniger in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung als im Vorjahr. Im Vergleich zum Vorquartal (März 2020: 58.660) sank die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aber 898 oder um 1,5 Prozent.

Arbeitsmarkt in der Pandemie
„Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus haben die Arbeitslosigkeit im Frühjahr mit dem Lockdown sprunghaft angsteigen lassen. Die sonst übliche Frühjahresbelebung ist gänzlich ausgeblieben. Wir haben für den Moment in etwa das Niveau des Jahres 2016 erreicht", so Imkamp. Die Arbeitslosenquote hatte im August 2020 mit 6,3 Prozent den höchsten Stand.

Im Jahr 2020 waren im Kreis Euskirchen durchschnittlich 6.124 Menschen zeitgleich arbeitslos gemeldet. Das waren 838 oder 15,8 Prozent mehr als im Jahresdurchschnitt 2019. Die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt 2020 betrug 5,7 Prozent, der höchste Wert seit 2015 (hier durchschnittlich 5,9 Prozent). Die Arbeitslosenquote stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Prozentpunkte. Während sich die negativen Folgen der Corona-Pandemie besonders stark im Bereich der Arbeitslosenversicherung (SGB III) bemerkbar machte, war der Einfluss im Jobcenter weniger ausgeprägt. Die Anzahl der arbeitslosen Menschen, die Leistungen durch das Jobcenter EU-aktiv erhielten, stieg im Jahresdurchschnitt vergleichsweise gering um 185 Personen an (+5,8 Prozent). In der Arbeitslosenversicherung steigerte sich die Anzahl der Arbeitslosen um 653 Personen (+31,4 Prozent).

Personengruppen
Signifikant waren die Auswirkungen der Pandemie bei den Menschen ausländischer Herkunft, insbesondere auch bei den geflüchteten Menschen. Bei den Menschen aus den Nichteuropäischen Asylherkunftsländern stieg die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich um 107 oder 27,6 Prozent. 2020 waren durchschnittlich insgesamt 1.316 Menschen (darunter aus den Nichteuropäischen Asylherkunftsländern: 497) mit ausländischer Herkunft arbeitslos. Das waren 247 oder 23,2 Prozent mehr als im Jahresdurchschnitt 2019.
Auch junge Menschen spürten in 2020 die Auswirkungen der Krise deutlich. Im Jahresdurchschnitt betrug die Arbeitslosenquote der jungen Menschen unter 25 Jahren 5,0 Prozent (+1,0 Prozentpunkte). 595 junge Menschen waren durchschnittlich im Jahr 2020 arbeitslos, 116 Jugendliche mehr als im Vorjahr (+24,3 Prozent).
Die Arbeitslosigkeit der lebensälteren Menschen über 50 Jahre nahm im Jahresdurschnitt um 254 oder 13,4 Prozent zu und lag 2020 im Durchschnitt bei 2.157.

Kurzarbeit
„Mit dem Beginn des Lockdowns im März stieg die Kurzarbeit binnen kürzester Zeit auf ein historisches Niveau. Der bisherige Höchststand wurde im April mit knapp 8.045 Personen in Kurzarbeit erreicht, das entspricht 13,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In der Finanz- und Wirtschaftskrise arbeiteten in Summe im gesamten Jahr 2009 “nur“ 3.195 Menschen kurz“, so Imkamp. Im Laufe des Jahres, parallel zu den Lockerungen im Sommer, ging der Trend wieder zurück.

Von Januar 2020 bis Dezember 2020 wurden (teilweise Hochrechnungen zufolge*) von 2.070 Unternehmen Kurzarbeit für insgesamt 20.818 Beschäftigte angezeigt. Zum Vergleich: In 2019 zeigten insgesamt 32 Betriebe für 2.084 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kurzarbeit im Kreis Euskirchen an. Bei einem (bundes-)durchschnittlichen Arbeitsausfall von etwa 38 Prozent hat der Einsatz von Kurzarbeit allein im April rechnerisch Arbeitsplätze für rund 3.060 Beschäftigte gesichert und deren (vorübergehende) Arbeitslosigkeit verhindert.
*Hinweis zur Statistik
Die Dezember-Zahlen zu den Anzeigen Kurzarbeit sind vorläufig. Die Anzahl der Kurzarbeit-Anzeigen kann von der Anzahl der tatsächlich realisierten Kurzarbeit abweichen. Zunächst zeigen die Unternehmen an, dass sie Kurzarbeit in Anspruch nehmen werden. Nach der Anzeige können die Unternehmen das Instrument flexibel entsprechend ihres Bedarfs einsetzen. Rückwirkend werden die Abrechnungen bei der Agentur für Arbeit eingereicht. Erst der rückwirkende Antrag enthält eine detaillierte Aufstellung der tatsächlich in Anspruch genommenen Kurzarbeit. Für diesen Antrag haben die Unternehmen drei Monate Zeit. Ist der angegebene Zeitraum der Anzeige abgelaufen, aber trotzdem noch weiter Kurzarbeit erforderlich, so muss eine neue Anzeige gestellt werden. Daher sind in den angegebenen Zahlen Mehrfachzählungen von Unternehmen und Personen möglich.

„Die schnelle Unterstützung der Unternehmen durch die Auszahlung des Kurzarbeitergeldes war in 2020 für uns eine besondere Herausforderung. Hierfür haben wir kurzfristig Personal für die Bearbeitung der Anträge auf Kurzarbeit umgeschichtet. Inzwischen können die Unternehmen in durchschnittlich sieben Tagen mit einer Bewilligung ihres Antrages rechnen“, so Imkamp. Kurzarbeitergeld hilft den Unternehmen im Kreis Euskirchen auch die nun weiter andauernde Durststrecke durchzustehen. Zur Zukunftssicherung, rät der Leiter der Brühler Arbeitsagentur, die ausgefallene Arbeitszeit dazu zu nutzen, die Mitarbeitenden weiterzubilden. Auch diese Kosten bezuschusst die Agentur für Arbeit. Konkret bedeutet dies: Es werden sowohl Anteile der Kosten der Weiterbildungsmaßnahme als auch des entstandenen Lohnausfalls übernommen. Kurzarbeit kann also überflüssig werden, wenn ein Teil der Mitarbeiterkapazität durch Weiterbildung gebunden ist und die Auftragslage für die verbleibenden Mitarbeitenden ausreicht. Wie hoch die Beteiligung der Agentur für Arbeit an den Kosten der Weiterbildung und am Lohnausfall ist, ist abhängig vom Ziel der Weiterbildung und der Unternehmensgröße.

Arbeitskräftenachfrage
Im Jahr 2020 wurden insgesamt 3.547 freie sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen für den Kreis Euskirchen bei der Agentur für Arbeit Brühl zur Besetzung gemeldet. Dies waren 635 Stellen (-15,2 Prozent) weniger als im Vorjahr. Die Stellenzugänge spiegelten dabei die abgeschwächte Dynamik des Einstellungsgeschehens und des aktuellen Personalbedarfs der Betriebe wider. Die Kräftenachfrage hat sich somit deutlich erkennbar abgeschwächt.

Strukturentwicklung
Im Krisenjahr 2020 haben wir auch unsere besonderen Schwerpunktthemen nicht aus den Augen verloren. Der durch den demografischen Wandel verstärkte Fachkräftebedarf im Kreis Euskirchen, der vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohle und die hieraus resultierenden Herausforderungen bei der Strukturentwicklung im Rheinischen Revier, blieben für uns leitende Themen. Im Sommer 2020 wurden das Kohleausstiegsgesetz und das Strukturstärkungsgesetz vom Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Damit existierte die gesetzliche Grundlage für den vorzeitigen Kohleausstieg und die finanziellen Strukturhilfen. Beim Thema Strukturentwicklung kam der Brühler Arbeitsagentur als Revieragentur für das Rheinische Revier eine bedeutende Rolle zu. Denn es bedarf hier besonders ihrer Arbeitsmarktexpertise zur Zukunftsfähigkeit von Berufen sowie vorhandener und benötigter Kompetenzen und Qualifikationen der Beschäftigten.
„Unternehmen im strukturellen und digitalen Wandel sind auf qualifizierte und gut ausgebildete Arbeitnehmer angewiesen“, so der Arbeitsmarktexperte und Leiter der Revieragentur, Rainer Imkamp. Die Revieragentur Brühl nehme hier im Binnenverhältnis mit den Netzwerkpartnern unterschiedliche Aufgaben wahr. Neben der Beratung und Unterstützung zu verschiedenen Anliegen in Bezug auf den Kohleausstieg gibt es auch diverse Beteiligungen in Formaten und Gremien. So müsse beispielsweise der Kontakt zu den Bildungsanbietern der Region sehr eng sein, um notwendige Qualifizierungsmaßnahmen schnell und zielgerichtet einrichten zu können. „Die Berufsberaterinnen und Berufsberater, die für die Menschen der Region zuständig sind, die bereits im Erwerbsleben stehen, halten für diesen Personenkreis auch besondere Beratungsangebote vor. Sie verfolgen die Entwicklungen im Rheinischen Revier besonders eng und behalten insbesondere potentielle Zukunftsfelder im Blick“, beschreibt Imkamp die Teilbereiche der Aktivitäten.
Mit dem Online-Business-Talk startete im November außerdem eine große Weiterbildungskampagne der Brühler Arbeitsagentur. „Noch bis Ostern 2021 gehen wir innovativ und proaktiv auf rund 2.500 Betriebe im Agenturbezirk zu, die aus unserer Sicht potenzialreich sind, was die Qualifizierung und damit Weiterentwicklung ihrer Beschäftigten angeht. Hier werben wir aktiv für die Nutzung der Förderungen nach dem Qualifizierungschancengesetz“, so Imkamp weiter. „Natürlich sind die Arbeitgeber selbst in der Verantwortung, für ihre Firmen neue Geschäftsfelder zu identifizieren. Aber wenn daraus Qualifizierungsbedarfe bei den Beschäftigten entstehen, können wir helfen.“
Außerdem habe die Brühler Revieragentur in diesem bedeutenden Transformationsprozess auch eine Vorreiterrolle inne. Das Rheinische Revier sei als erstes Revier von den Kraftwerksabschaltungen betroffen. Daher seien die vorbereitenden Aktivitäten der Politik, der Unternehmen, der Gesellschaft und der Revieragentur im Rheinischen Revier am weitesten fortgeschritten. Um andere Reviere in ihren Aktivitäten zu unterstützen und auch alle anderen Mitarbeitenden zu befähigen, habe die Brühler Revieragentur interne Blaupausen entwickelt.

Ausbildungsmarkt
Auch auf dem Ausbildungsmarkt führte die Corona-Pandemie in 2020 zu einer ungewöhnlichen Entwicklung. Bis in den Januar 2021 hinein suchen Unternehmen und Betriebe, unterstützt von allen Partnern am Ausbildungsmarkt, nach passenden Bewerberinnen und Bewerbern, um ihre zum klassischen Ausbildungsstart im September noch unbesetzt gebliebenen Ausbildungsplätze zu besetzen. „Hier läuft die Nachvermittlung noch auf Hochtouren. Daher möchten wir das corona-bedingte 5. Quartal auch erst Ende Januar bilanzieren“, so Imkamp.
„Der harte Lockdown mit den Schulschließungen im Frühjahr traf genau die heiße Phase am Ausbildungsmarkt, wenn viele Auswahlgespräche stattfinden und viele Jugendliche sich auf Ausbildungsplätze bewerben“, erklärt Imkamp. Deshalb hätten sich die Partner am Ausbildungsmarkt auf eine Verlängerung des diesjährigen Ausbildungsmarktes geeinigt. „Eine Corona-Lücke am Ausbildungsmarkt für dieses und nächstes Jahr können wir uns nicht leisten. Jeder nicht besetzte Ausbildungsplatz bedeutet in Zukunft eine Fachkraft weniger. Das müssen wir gemeinsam mit aller Energie verhindern. Denn die Unternehmen erleben schon aufgrund der demografischen Entwicklung Engpässe bei der Suche nach Nachwuchs.“
Die Nachvermittlung liefe deswegen zusammen mit den Partnern der Allianz für Ausbildung bis Ende Januar 2021 weiter. Man wolle laut Imkamp alle Chancen nutzen.
Die Berufsberaterinnen und Berufsberater seien trotz der nötigen Kontaktsperren für die jungen Menschen aus dem Kreis Euskirchen da. „Wir beraten telefonisch und auch via Videokommunikation. Und wir sind online präsent. Seien es Online-Tools wie „Check U“ oder Livechats auf YouTube, wir nutzen sehr verschiedene Wege um mit jungen Menschen Kontakt aufzunehmen. Das ist auch sehr wichtig, damit junge Menschen während der Pandemie nicht den Anschluss verlieren. Außerdem unterstützen wir die Arbeitgeber der Region intensiv bei der Besetzung ihrer noch freien Ausbildungsstellen“, so Imkamp.

Blick nach vorne
Im Ausblick auf das kommende Jahr sieht der Chef der Brühler Arbeitsagentur das erste Quartal weiter stark beeinflusst von der Pandemie. „In den vergangenen Monaten haben wir erleben müssen, wie unvorhersehbar diese Pandemie ist. Es bleibt abzuwarten, ob der zugelassenen Impfstoff nachhaltig wirksam ist und wie schnell wir wieder zur Normalität zurückkehren können“, so Imkamp, "Ich bin voller Hoffnung und daher zuversichtlich, dass wir im April, Mai und Juni mit besseren Entwicklungen rechnen dürfen." Auch wenn eine Prognose aktuell einem Blick in die Glaskugel gliche, rechne Imkamp – auch mit der beschlossenen Verlängerung der Einschränkungen – mit keinem weiteren Einbruch am Arbeitsmarkt.

Als Herausforderung der Zukunft sieht Imkamp mit Blick auf die Strukturentwicklung auch für die kommenden Jahre die Begleitung und Beratung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie die von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern: „Wir brauchen ein adäquates Angebot an Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten nicht nur für Menschen ohne ausreichende Qualifikation. Um auf den strukturellen und technologischen Wandel und den daraus resultierenden Fachkräftebedarf eine Antwort zu finden, benötigen wir ein stimmiges Weiterbildungsportfolio für alle Beschäftigten im Rheinischen Revier. Niemand soll sich Sorgen um seine berufliche Zukunft machen müssen.“ Auch Unternehmen und Betriebe stünden vor vergleichbaren Herausforderungen: „Wir werden auch in 2021 nicht müde, bei unseren ansässigen Unternehmen für das Thema Qualifizierung und unsere Unterstützungsmöglichkeiten zu werben und damit eine Kultur der Qualifizierung zu fördern, um den Herausforderungen der sich stetig veränderten Arbeitswelt gewappnet zu sein.“ Die Agentur für Arbeit Brühl hätte selbst in den vergangenen Monaten einen großen Digitalisierungsschub erlebt und in kürzester Zeit viele Dienstleistungen digitalisiert, Homeoffice etabliert und Prozesse verändert: „Wir haben es bis jetzt geschafft, Teil der Lösung zu sein. Ich bin sicher, dass wir auch in 2021 weiter an unserem digitalen Dienstleistungsangebot feilen werden. Stillstand und Absagen sind für uns keine Option, wir werden auch in diesem Jahr neue, digitale Wege für unsere Kundinnen und Kunden gehen.“, so Imkamp.