Zwischenbilanz - ein halbes Jahr Berufsberatung für Erwachsene

Durchblick im Weiterbildungsdschungel

 

Im Januar startete die Berufsberatung für Erwachsene in Thüringen. Zeit für eine Zwischenbilanz nach sechs Monaten. 1.200 Thüringerinnen und Thüringer haben bislang die Beratung genutzt. Welche Anliegen haben die Ratsuchenden? Wie unterstützen die Berufsberater*innen und was haben sie sich für das zweite Halbjahr vorgenommen?
 


 

Die Menschen, die bei den 12 Beraterinnen und Beratern in Gera, Jena, Suhl, Erfurt, Gotha und Nordhausen anrufen, haben unterschiedliche Problemlagen. Es gibt Beschäftigte, die mit ihrem Job unzufrieden sind und schon länger mit dem Gedanken spielen, sich beruflich zu verändern. Es rufen Menschen an, die keinen Berufsabschluss haben, angelernt arbeiten und gern den Abschluss nachholen möchten. Es melden sich Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich zwischen zwei beruflichen Optionen zu entscheiden und die, die aufsteigen bzw. Karriere machen wollen. Eines haben sie alle gemeinsam, sie brauchen Unterstützung und Beratung bei ihrer Berufs-Entscheidung. „Für viele Menschen ist es sehr schwer, den Schritt der Veränderung tatsächlich zu gehen – also vom Denken ins Tun zu kommen. Wir unterstützen sie mit einer Entscheidungsberatung“, sagt Evelin Thämer von der Berufsberatung für Erwachsene.

Höherer Weiterbildungsdruck durch Corona

Die Corona-Pandemie hat den Leidensdruck erhöht. Durch die Pandemie und die Schließungen haben die Existenzängste zugenommen. Vor allem in der Gastronomie und im Tourismus sehen sich viele Beschäftigte nach beruflichen Alternativen um. Zudem hat die Pandemie auch den Strukturwandel und die Digitalisierung beschleunigt. Die Anforderungen an die digitalen Kompetenzen im Job sind gestiegen. „Vielen ist bewusstgeworden, dass man sich weiterbilden muss, um am Ball zu bleiben“, so die Expertin. Dabei betrifft der Strukturwandel alle Branchen, nicht nur den Automotive-Bereich. Auch die Medienlandschaft, der Handel, die Finanzwelt und das Handwerk beispielweise entwickeln sich stetig weiter. „Das bietet die Chance, sich selbstbestimmt mit zu verändern und aktiv zu werden. Wir machen den Menschen Mut, ihre Stärken zu nutzen und lernen zu lernen. Jede und jeder bringt ein ganzes Paket an Kompetenzen mit − das eröffnet verschiedene berufliche Möglichkeiten. Zielkriterien sind neben dem Interesse auch die familiäre Situation und der Wunsch nach Weiterentwicklung“, erläutert Thämer.

Individuelle Entscheidungsberatung

In der Beratung besprechen sie die individuelle Situation, die Stärken und zeigen Entwicklungen am Arbeitsmarkt auf. „Wir erarbeiten Optionen und zeigen Wege zur Entscheidung auf. Das ist individuell ganz unterschiedlich. Für die gelernte Friseurin mit Kontaktallergie hat es bedeutet, ihre sozialen Kompetenzen zu nutzen und den Schritt in die Erzieherausbildung zu wagen. Für den Studienabbrecher, der viele Jahre angelernt als Helfer tätig ist, ist es wichtig, den Abschluss nachzuholen. Das war vor allem für sein Selbstwertgefühl enorm wichtig. Manchmal macht es langfristig Sinn, die Zähne zusammen zu beißen und sich nochmal auf die Schulbank zu setzen“, rät die Expertin. Die Beratung hat einen ganzheitlichen Ansatz, denn der Beruf beeinflusst das gesamte Leben. Dabei spielt die Situation in der Familie und auch Themen wie Misserfolge und Scheitern eine Rolle. Biografiebrüche haben sehr viele Menschen. Thämer sagt: „Das Leben ist bunt und vielfältig. Wir nehmen es, wie es kommt. Es zeigt ja auch, dass Menschen immer wieder aufstehen können und sich selbst verändern. Diese Kernkompetenz machen wir sichtbar und suchen gemeinsam nach neuen Perspektiven.“

Alles aus einer Hand

Bislang war in der Öffentlichkeit vor allem die Berufsberatung für junge Menschen präsent. Doch die Berufswelt verändert sich, die Anforderungen verändern sich – da ist lebenslanges Lernen gefragt. Mit der Berufsberatung für Erwachsene richtet sich das Beratungsangebot der Arbeitsagentur nicht mehr nur an Jobsuchende und Arbeitslose, sondern an Beschäftigte und Wiedereinsteiger*innen. Dabei ist das Weiterbildungsangebot so vielfältig und auch die Finanzierung muss abgeklärt werden. Dazu Thämer: „Unsere Beratung geht über den Tellerrand hinaus. Wir kennen uns mit den Angeboten und Finanzierungsmöglichkeiten der Partner aus, sind gut vernetzt und können an die richtige Stelle verweisen. Weiterbildungsinteressierte brauchen nicht mehrere Dienstleister abklappern – wir bieten Beratung aus einer Hand.“

Verstärkte Beratung vor Ort

Für das zweite Halbjahr 2021 hat sich das Beratungsteam vorgenommen, noch stärker außerhalb der Arbeitsagenturen ihre Gespräche zu führen. Aufgrund der Pandemie war dies bislang nicht möglich. Gemeinsam mit Partnern wie Volkshochschulen und anderen Bildungsinstitutionen wollen sie noch näher zu den Menschen. Die Expertin wünscht sich noch mehr Mut, die Beratung zu nutzen: „Unsere Beraterinnen und Berater sind alle geschult. Wir bieten eine professionelle, neutrale und kostenlose Beratung, bei der der oder die Ratsuchende im Mittelpunkt steht. Trauen Sie sich. Gemeinsam finden wir den für Sie passenden Weg!“

Monatliche Telefonsprechtage

In Telefonsprechtagen jeweils am ersten Donnerstag im Monat können sich Beschäftigte und Wiedereinsteiger*innen, die sich beruflich orientieren oder Unterstützung bei Weiterbildungs- und Karrierefragen brauchen, von 9 bis 18 Uhr unter der 0361 30 22222 ohne Terminvereinbarung an die Berufsberatung für Erwachsene wenden. Meist werden erste Überlegungen besprochen und es findet im Anschluss mindestens ein ausführliches Beratungsgespräch statt. Nächster Termin ist der 5. August 2021.