30.10.2019 | Presseinfo Nr. 60

Eine Ausbildung ist ein gutes Fundament

Göttinger Agentur für Arbeit stellt die Bilanz des Berufsberatungsjahres 2018/2019 vor.

Göttingen. Der Arbeitsmarkt in der Region ist in guter Verfassung. Die Nachfrage nach Personal ist hoch, insbesondere die nach ausgebildeten Fachkräften. Ein Blick auf die Beschäftigtenstruktur im Agenturbezirk zeigt, dass mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge ein hoher Ersatzbedarf auf die Betriebe zukommt. Das Thema Ausbildung gewinnt somit zunehmend an Bedeutung. 

Auf die Betriebe kommen in Sachen Nachwuchsgewinnung jedoch schwierige Zeiten zu. Denn zwei Faktoren bedingen, dass immer weniger Jugendliche für eine Ausbildung zur Verfügung stehen: Zum einen die demografische Entwicklung; und zum anderen der Trend zum (Fach-) Abitur und in der Folge eine stark ausgeprägte Studierneigung. Demzufolge waren im abgeschlossenen Berufsberatungsjahr 2018/19 so wenig Ausbildungsinteressierte wie nie zuvor bei der Agentur für Arbeit und den Jobcentern gemeldet: Mit 2.441 Lehrstellenbewerbern sank die Zahl gegenüber dem Vergleichszeitraum 2017/18 um 188.

Insgesamt 97 der bei der Arbeitsagentur oder den Jobcentern gemeldeten Lehrstellensuchenden waren zum 30.09. unversorgt. Das heißt, dass sie weder eine Ausbildung noch eine Alternative, wie beispielsweise einen weiterführenden Schulbesuch oder einen Freiwilligendienst, verwirklicht hatten. Gegenüber September 2018 sank die Zahl um 29.

Ausbildung stärker in den Fokus rücken

Klaus Voelcker, Geschäftsführer operativ der Agentur für Arbeit Göttingen, beobachtet nicht ohne Sorge die sinkende Zahl an Ausbildungsinteressierten: „Für viele Jugendliche ist Ausbildung nur eine Option unter vielen. Und vielfach nicht die präferierte. Oftmals erscheint es beispielsweise einfacher, zunächst noch weiter zur Schule zu gehen, auch wenn es durchaus Chancen gäbe, bereits nach dem ersten Schulabschluss einen Ausbildungsplatz zu finden.“ Und viele Abiturienten fixierten von vornherein auf ein Hochschulstudium, ohne entsprechende berufliche Alternativen, die über eine Ausbildung eröffnet würden, überhaupt in Erwägung zu ziehen. „Es ist an der Zeit, dass die guten Beschäftigungs- und Aufstiegschancen, die sich durch eine Ausbildung eröffnen, eine größere Aufmerksamkeit erfahren. Eine betriebliche Ausbildung ist ein gutes Fundament für die berufliche Zukunft, auf der man sicher aufbauen kann“, warb der Experte für die duale Ausbildung.

Bei einer sinkenden Zahl an Ausbildungsinteressierten sei es, so Voelcker, umso wichtiger, Perspektiven auch für junge Menschen zu eröffnen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick überzeugten. „Aufgrund des fehlenden Abiturjahrgangs an Gymnasien im nächsten Jahr wird die Bewerberzahl deutlich sinken. Die Betriebe sind dann noch stärker gefragt, Jugendlichen eine Chance zu geben, die sonst eher nicht zum Zuge kommen würden. Wir stehen bereit, um in diesen Fällen mit ausbildungsbegleitenden Hilfen, einer Art Nachhilfe in Theorie, Praxis oder Deutsch, zu unterstützen. Wenn nötig, vom ersten Tag an.“

Der Blick auf die Seite der gemeldeten Ausbildungsangebote zeigt, dass sich die Zahl der Lehrstellen und dualen Studienangebote leicht über dem Vorjahresniveau bewegt. Im zurückliegenden Berufsberatungsjahr meldeten Wirtschaft und Verwaltung 3.242 Ausbildungsstellen, 79 mehr als im Vorjahreszeitraum. 210 gemeldete Ausbildungsstellen waren bis zum 30. September noch zu vergeben. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl um 37.

Entwicklung der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Region

Die Berichterstattung der Agentur für Arbeit Göttingen berücksichtigt das gemeldete Angebot und die gemeldete Nachfrage für betriebliche Ausbildungen. Eine erste Übersicht der eingetragenen Ausbildungsverträge in ihrer jeweiligen Zuständigkeit bieten die Industrie- und Handelskammer Hannover (IHK) sowie die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen (HWK). Eine Gesamtübersicht aller abgeschlossenen betrieblichen Ausbildungsverträge steht erst Anfang 2020 zur Verfügung.

Vertreter beider Kammern äußerten sich erfreut über die aktuellen Ergebnisse, denn in beiden Bereichen konnte ein Anstieg der eingetragenen Ausbildungsverträge verzeichnet werden.

Dr. Martin Rudolph, Leiter der Geschäftsstelle Göttingen der IHK Hannover, erläuterte die IHK-Zahlen: „Die Entwicklung in diesem Jahr ist sehr erfreulich. Im Landkreis Göttingen sind die Zahlen sowohl in den gewerblichen, als auch in den kaufmännischen Berufen deutlich gestiegen. Im Landkreis Northeim entfällt das Plus auf den kaufmännischen Bereich. Der Anstieg insgesamt spiegelt auch wieder, dass die regionalen Unternehmen stark in die Ausbildung investieren“, so sein Fazit. Insgesamt registrierte die IHK Hannover für die Landkreise Göttingen und Northeim einen Anstieg um 150 (+10%) auf insgesamt 1.685 neue Ausbildungsverträge.

Auch HWK-Geschäftsführer Jürgen Garms zeigt sich zufrieden, dass die Vorzüge einer Handwerksausbildung erkannt würden. Die HWK verzeichnete einen Anstieg um 9% bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen auf insgesamt 752. Er sieht allerdings in den Berufen unterschiedliche Entwicklungen: „Profitiert haben besonders die Bauberufe, insbesondere Dachdecker, Maler sowie Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, aber auch die Kfz-Mechatroniker und Elektroniker sowie die Friseure. Sorgen machen allerdings die Berufe des Nahrungsmittelhandwerks, in denen weiterhin viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.“ Garms betont, dass viele Betriebe im Handwerk die Nachwuchsgewinnung mittlerweile aktiver angingen, was sich auszahle: „Wer sich frühzeitig um Nachwuchs bemüht, in Schulen und auf Bildungsmessen aktiv ist, Praktika anbietet und den Ausbildungsvertrag frühzeitig schließt und damit die Bewerber bindet, hat schließlich auch den Erfolg verzeichnen können.“