30.10.2020 | Presseinfo Nr. 102

Das Berichtsjahr 2019/2020 am Ausbildungsmarkt

Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2019/2020 im Kreis Minden-Lübbecke

  • Rechnerisch ausgeglichener Ausbildungsmarkt: 106 Stellen auf 100 Bewerber
  • Rückgang bei Bewerbern und Ausbildungsstellen in ungefähr gleichem Maß
  •  Nachvermittlung ist aufgrund der Corona-Krise in diesem Jahr besonders wichtig: 249 Bewerber suchen im Mühlenkreis noch einen Ausbildungsplatz, 152 Stellen sind noch unbesetzt

Zum Abschluss dieses Beratungsjahres meldeten die Unternehmen im Mühlenkreis dem Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur 2.392 Ausbildungsstellen, 176 oder 6,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit insgesamt 2.259 gemeldeten Bewerbern suchten 104 oder 4,4 Prozent weniger Jugendliche im Vorjahresvergleich mit Hilfe der Berufsberatung einen Ausbildungsplatz.

„Sowohl Bewerberzahlen als auch die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen sind in diesem Jahr im Kreis Minden-Lübbecke rückläufig. Eine Entwicklung, die sicher auch, aber nicht nur durch die Corona-Pandemie bedingt ist, sondern auch konjunkturell und demografisch begründet ist“, stellt Frauke Schwietert, Leiterin der Herforder Arbeitsagentur fest. „Tatsächlich haben sich diese Tendenzen bereits im März, bevor die Corona-Krise sich am Ausbildungsmarkt abzeichnen konnte, gezeigt. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass mit der Betroffenheit der Betriebe durch die Krise und dem Schließen der Schulen auch das Thema Ausbildung bei einigen in den Hintergrund gerückt ist.“

Der Ausbildungsmarkt bleibt dabei, aufgrund des relativ gleichmäßigen Rückgangs der Meldungen auf Stellen- und Bewerberseite, mit 106 Stellen auf 100 Bewerber rechnerisch ausgeglichen. Trotzdem gibt es im Kreis noch 152 freie Ausbildungsplätze und 249 unversorgte junge Menschen. Das sind 61 unversorgte Bewerber mehr und 100 unbesetzte Stellen mehr als im Vorjahr. Schwietert: „Aufgrund der Coronakrise mussten viele Betriebe im Frühjahr andere Prioritäten setzen, und auch für die Jugendlichen ergab sich durch die Schulschließung eine völlig neue Situation. Das Thema Ausbildung ist dabei bei einigen in den Hintergrund gerückt. Das hat zur Folge, dass Bewerbungsverfahren verschoben, oder Stellen teils vielleicht später oder gar nicht ausgeschrieben wurden. Vor diesem Hintergrund hat der Ausbildungskonsens NRW beschlossen, einen verspäteten Ausbildungsstart bis zum 31. Januar 2021 zu unterstützen und zu ermöglichen. Deshalb ist die Nachvermittlung und das sogenannte „5. Quartal“ in diesem Jahr so wichtig – es soallen möglichst wenige Stellen oder Jugendlichen aufgrund des zeitlichen Verzugs verloren gehen.“ Deshalb betont sie: „Es besteht auch jetzt noch die Möglichkeit, eine Ausbildung in diesem Jahr zu begin-nen! Wenn Betrieb und Bewerber dabei sind, werden alle Beteiligten Partner – zum Beispiel Kammern, Berufsschulen und natürlich wir – bei der Umsetzung des Vorhabens unterstützen und so einen guten Start ermöglichen.“

Auch die beiden Kammern ziehen Bilanz zum vergangenen Berichtsjahr und dem nun begonnenen Ausbildungsjahr.

Nach Worten von Petra Pigerl-Radtke, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handels-kammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK), gibt es leider zum gegenwärtigen Zeitpunkt bei den Zahlen nichts zu beschönigen. Diese seien de facto im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen. Ein Minus von 15,8 Prozent insgesamt, oder in absoluten Zahlen 238 weniger Ausbildungsverträge, würde eine deutliche Sprache sprechen, wobei die kaufmännischen Ausbildungsberufe mit -9,1 Prozent nicht ganz so gravierend zurückgegangen seien wie im gewerblich-technischen Ausbildungsbereich mit -24,8 Prozent.

In Summe verzeichnet die IHK 1.269 eingetragene Ausbildungsverhältnisse im Kreis Minden-Lübbecke von insgesamt 6.537 Ausbildungsverträgen in Ostwestfalen. Erfreulich sei, dass der moderne und relativ neue Ausbildungsberuf „Kaufmann/-frau im E-Commerce“ erneut kräftig zulegen konnte.

„Mangelnde Informations- und Beratungsmöglichkeiten in Schulen, vorübergehend aus Gesundheitsschutzgründen eingeschränkte Unterstützungsmöglichkeiten in den Schulen durch die Berufsberater der Arbeitsagentur“, nannte Pigerl-Radtke einige von vielen Gründen für den Rückgang. Darüber hinaus waren Praktika so gut wie nicht umsetzbar, die sogenannten AZUBI-Speeddatings, bei denen sich potenzieller Ausbildungsbetrieb und interessierte Jugendliche austauschen und „beschnuppern“ konnten, haben nicht stattfinden können. „Hier hat die CORONA-Pandemie in der Tat ihre Spuren merklich hinterlassen und eine ordnungs-gemäße Berufswahlvorbereitung nicht zugelassen, weder für die Lehrer und Schulen noch für die Betriebe. Mit virtuellen Speeddatings konnten zwar Gespräche gematcht werden, aber es geht doch nichts über echte persönliche Kontakte“, zieht Pigerl-Radtke Bilanz.

„Für die nächsten Monate werden wir alles daransetzen, gemeinsam mit den Partnern rund um die berufliche Ausbildung unseren ‚Instrumentenkasten‘ für die Informationen zu Ausbil-dungsmöglichkeiten, Ausbildungsbetrieben und darüber hinaus für die potenziellen Auszubildenden so zu erweitern, dass wir eine nachhaltige Berufswahlvorbereitung für die jungen Menschen ermöglichen können“, so Pigerl-Radtke weiter.

Die IHK selbst werde sich auch weiterhin massiv für die Förderung der Beruflichen Bildung einsetzen und die bereits seit Jahren erfolgreich eingeführten Projekte wie „Kooperation IHK-Schule-Wirtschaft“ sowie „Berufliche Bildungslotsen“ trotz oder gerade wegen CORONA fortsetzen. Bei den „Beruflichen Bildungslotsen“ spreche die IHK in Abstimmung mit den jeweiligen Ausbildungsbetrieben Auszubildende an, um sie zu schulen und in den Klassen der allgemeinbildenden Schulen über ihre Ausbildungsberufe berichten zu lassen. Hier diskutieren sie mit den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe über die positiven Perspek-tiven beruflicher Bildung und vor allem über die eigenen Erfahrungen.

Marwin Schadwill, Leiter Ausbildungsberatung, Lehrlingsrolle und Fachkräftesicherung der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, berichtet zum Ausbildungsmarkt der handwerklichen Berufe in der Region. Die ausgesprochen gute Handwerkskonjunktur der Vorjahre und der damit eng verbundene Anstieg der Ausbildungszahlen in den letzten drei Jahren hat sich bedingt durch die Corona-Pandemie nicht fortgesetzt. Die Handwerkskammer hat daher ein ganzes Bündel an Maßnahmen geschnürt, um in den besonderen Zeiten Ausbildungsinteressenten und Betriebe zusammen zu bringen, dazu zählen unter anderem die Schaltung einer Hotline, digitale Beratung und mehrere digitale Speeddatings.

Dennoch sank die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum 30. September um 8,4 Prozent in Ostwestfalen-Lippe, die Anzahl der Neuabschlüsse im Kreis Minden-Lübbecke ging um 8,1 Prozent auf 557 Verträge zurück, im Vorjahr waren es 606. „Damit stehen wir im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen noch ganz gut da“, betont Schad-will. „Weil uns jedoch schon jetzt Fachkräfte fehlen, ist jeder besetzte Ausbildungsplatz mehr ein Gewinn für das Handwerk.“ Besonders nachgefragt waren im Kreis Minden-Lübbecke die Ausbildungsberufe Kraftfahrzeugmechatroniker/-in (73), Elektroniker/-in (60) und Anlagenmechaniker/-in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (52).

18,9 Prozent der Ausbildungsanfänger im Kreis Minden Lübbecke haben Abitur. Die Abiturienten verteilen sich auf eine große Anzahl ganz unterschiedlicher Handwerksberufe. Der Anteil der weiblichen Berufsanfänger im Minden-Lübbecker Handwerk erreicht 19,0 Prozent.

Im September 2020 sind insgesamt 3.518 neue Ausbildungsverträge im OWL Handwerk abgeschlossen worden. „Betriebe, die Auszubildende suchen, und Interessenten, die eine Ausbildung absolvieren möchten, können auch jetzt noch Ausbildungsverträge abschließen und die Ausbildung beginnen“, erklärt Schadwill. Corona-bedingt verschiebe sich der Aus-bildungsbeginn in einigen Fällen um mehrere Monate. Die Beraterinnen und Berater der Handwerkskammer unterstützen unter der Telefonnummer 0521/5608-333 alle Interessenten dabei, Lösungen zu finden, die einen späteren Start ermöglichen.

Für den späteren Ausbildungsstart in diesem Ausbildungsjahr, aber auch zum Thema Ausbildungsstart 2021 unterstützt der Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Unternehmen bei der Besetzung freier Ausbildungsplätze kostenfrei unter 0800 4555520. Junge Leute, die Hilfe bei der Ausbildungssuche benötigen, melden sich jederzeit unter 0571 8867 890 bei der Berufsberatung an.