Ausbildungsmarktbilanz

·         mehr Jugendliche mit erhöhtem Unterstützungsbedarf

·         Anzahl gemeldeter Ausbildungsstellen geht leicht zurück

·         Berufsorientierung stark im Fokus von Agentur, HWK und IHK

02.11.2023 | Presseinfo Nr. 41

Wie auch schon in den vergangenen Jahren war die angespannte Situation auf dem Ausbildungsmarkt auch im abgelaufenen Ausbildungsjahr wieder ein absoluter Dauerbrenner. Um einer größtmöglichen Anzahl von jungen Menschen einen Ausbildungsplatz oder Schulbesuch an einer weiterführenden Schule anbieten zu können, haben die Ausbildungsmarktakteure Agentur für Arbeit, Jobcenter und die Kammern im Landkreis Hildesheim wieder gemeinsam große Anstrengungen unternommen. Diese Bemühungen haben sich gelohnt, denn Beratungszahlen und die Anzahl von neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen haben leicht zugenommen.

 

Agentur für Arbeit – Die Berufsberatung stellt sich den neuen Herausforderungen

Von Oktober 2022 bis September 2023 haben sich insgesamt 1.484 junge Menschen für eine betriebliche Ausbildungsstelle bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur und des Jobcenters im Landkreis Hildesheim gemeldet, 14 Personen weniger als im Vorjahr.

Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen im Landkreis Hildesheim liegt mit 1.771 Ausbildungsstellen unter dem Niveau des Vorjahres (-66 Stellen).

Insgesamt 79 der gemeldeten Bewerber/innen um einen Ausbildungsplatz blieben Ende September als unversorgt registriert (im Vorjahr 72 Personen). Demgegenüber stehen noch 177 gemeldete Ausbildungsstellen, die bisher nicht besetzt werden konnten (Vorjahr: 176).

 

Evelyne Beger, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Hildesheim: „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind auf dem Ausbildungsmarkt immer noch spürbar und haben dementsprechend für Veränderungen gesorgt. In den Schulen musste insbesondere durch das lange Homeschooling und viele Ausfallzeiten immer noch massiv Unterrichtsstoff nachgeholt werden. In der Folge wurde die dringend notwendige Berufsorientierung zwangsläufig vernachlässigt. Als Resultat daraus fehlen den jungen Schülerinnen und Schülern ausreichend Kenntnisse über mögliche Ausbildungsberufe und Alternativen. Zusätzlich verlagert sich das Thema Ausbildung immer weiter nach hinten. „Die Schere zwischen denen, die sich sehr frühzeitig für einen Ausbildungs- oder Studienplatz entscheiden und denjenigen, die erst zum Schuljahresende anfangen, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen, geht immer weiter auseinander“, erläutert Beger die Entwicklung.  So kommt es, dass sich immer mehr junge Menschen vermehrt für weiteren Schulbesuch entscheiden, um mehr Zeit für berufliche Zukunftsplanung zu gewinnen. „Hier steht die Berufsorientierung vor ganz neuen Herausforderungen, denen wir uns zusammen mit unseren Ausbildungsmarktpartnern stellen“, so Beger.   

 

Die Berufsberatung der Arbeitsagentur begegnet der sinkenden Anzahl von Ausbildungsplatzsuchenden u.a. mit einer starken Präsenz in den Schulen - die Schülerinnen und Schüler werden dort abgeholt und beraten, wo sie sich aufhalten. „Junge Menschen haben Ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen zum Thema Ausbildung. Diese gilt es, in den gemeinsamen Gesprächen mit unseren Berufsberaterinnen und -beratern aufzunehmen und zusammen mit Eignung und den Fähigkeiten der jungen Menschen auf geeignete Ausbildungsberufe zu lenken“, erklärt Michael Lang, Teamleiter in der Berufsberatung. „Wir haben uns erneut durch digitale Medien, Projekte und Ausweitung in die Fläche (z.B. Jugendberufsagentur, Beratung in Schulen, Entwicklung neuer Projekte, Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, etc.) an die Veränderungen in der Berufsorientierung angepasst“, berichtet Lang weiter.

Die seit einigen Jahren erfolgreich agierende Jugendberufsagentur (JBA) in Alfeld und die seit Anfang dieses Jahres eröffnete JBA in Hildesheim tragen erheblich dazu bei, die Jugendlichen frühzeitig zu erreichen und bei der Weichenstellung in Richtung Ausbildung zu begleiten. Beide Institutionen werden von den Jugendlichen gut angenommen.

Von den Jugendlichen kann neben den persönlichen Gesprächen vor Ort auch gern die Videokommunikation von zu Hause genutzt werden, so dass daneben beispielsweise die Eltern am Abend an Gesprächen teilnehmen können. „Wir haben die Weichen neu justiert, um der derzeitigen Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt begegnen zu können“, so Beger und Lang abschließend.

 

Handwerkskammer (HWK) Hildesheim-Südniedersachsen – Intensivierung der Berufsorientierung

Das Südniedersächsische Handwerk verzeichnet bei den neu eingetragenen Lehrstellen ein Plus von 9 Prozent im Landkreis Hildesheim. „Wir führen die Stabilisierung, die am Ende hoffentlich darauf hinauslaufen wird, dass wir weder Verluste noch Zuwächse verzeichnen können, auch auf unser stärkeres Engagement bei der Berufsorientierung zurück“, sagt Tobias Dunkel, Abteilungsleiter der Beruflichen Bildung. Und weiter: „Allein im vergangenen Jahr hat die Handwerkskammer an über 100 Veranstaltungen teilgenommen und rund 3.500 Jugendliche beraten. Das allein wird aber langfristig nicht ausreichen. Wir müssen unsere berufsorientierenden Maßnahmen professionalisieren und noch viel mehr Schülerinnen und Schüler erreichen.“ 

 

„Aus meiner Sicht klappt Berufsorientierung nur mit starken Maßnahmen der Handwerkskammer in Zusammenarbeit mit der IHK und der Agentur für Arbeit. Wer soll es sonst machen? Den allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen wurden erst vor wenigen Wochen die Anrechnungsstunden für Konzepte zur Berufsorientierung von Seiten des Kultusministeriums gestrichen. Den Betrieben wiederum fehlt aufgrund der steigenden Bürokratiebelastung und der aktuell bereits fehlenden Fachkräfte oft die Zeit, selbst an regionalen Messen, Aktionstagen wie dem Girls Day oder Schulbesuchen teilzunehmen. Am Ende können sich Schulen glücklich schätzen, wenn Mitarbeiter der Handwerkskammer den Jugendlichen im Unterricht Informationen über die Ausbildung näherbringen können.“

Aber auch die Politik sieht Dunkel in der Pflicht. Themen der dualen Ausbildung müssen Teil des Lehramtstudiums werden, damit angehende Lehrkräfte ihr Wissen auch korrekt an Schüler weitergeben können. Zudem müsse Werkunterricht wieder in der Fläche an allen Schulformen angeboten werden. Auch eine landesseitig geförderte Praktikumsprämie wie in Sachsen-Anhalt, bei der Jugendliche exklusiv ein Praktikum in einem Handwerksbetrieb machen und pro Woche 120 Euro erhalten, wird vom Südniedersächsischen Handwerk ausdrücklich befürwortet.

 

Ausbildungsstart 2023: Abschlüsse von Ausbildungsverträgen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover im den Landkreis Hildesheim

Zum 1. August, beginnen in vielen Unternehmen Junge Menschen eine Ausbildung. Die aktuellen Zahlen der IHK Hannover berücksichtigen noch Veränderungen bis zum 30.09. eines Jahres. Danach wurden im Bereich der IHK Hannover insgesamt 9087 Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Plus von 3,8 % im Vergleich zum Vorjahr.

Insgesamt steigen damit die Zahlen, erreichen aber das Niveau vor Corona noch nicht wieder. Im Landkreis Hildesheim sind die Zahlen für 2023 mit 817 abgeschlossenen Verträgen leicht negativ – ein Minus von 1,8 % gegenüber 2022 mit 832 Verträgen. Allerdings waren die Zahlen im Vorjahr bereits überdurchschnittlich gestiegen – Plus 5 %.

„Ein insgesamt positiver Trend bei der Ausbildung ist ein erfreuliches Signal für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in der Region und nicht zuletzt auf die engagierten Unternehmen zurückzuführen, die beim Werben um Jugendliche für ihre Ausbildungsplätze sehr aktiv und kreativ vorgehen“, so IHK-Geschäftsstellenleiter in Hildesheim Hans-Joachim Rambow. Viele Ausbildungsstellen konnten auch in diesem Jahr aufgrund fehlender Bewerbungen nicht besetzt werden.

 

„Hier gilt es noch aktiver nachzusteuern und besonders den Fachkräftenachwuchs für den MINT-Bereich frühzeitig zu begeistern“, stellt Rambow fest. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz heute so groß wie selten zuvor. Die Unternehmen suchen weiterhin intensiv Nachwuchskräfte. Ein Ausbildungsbeginn ist in vielen Betrieben auch zu einem späteren Zeitpunkt - als August - möglich.

In der IHK-Lehrstellenbörse (www.ihk-lehrstellenboerse.de) finden sich für Interessierte weiterhin freie Ausbildungsplätze in vielen Berufen. Kleine und mittlere Unternehmen haben zudem die Möglichkeit, über das IHK-Projekt „Passgenaue Besetzung“ Unterstützung zu erhalten (www.hannover.ihk.de/passgenau).

 

„Jugendliche, die sich für eine duale Ausbildung entscheiden, bei der sie sowohl praktische Erfahrungen in einem Unternehmen sammeln als auch theoretisches Wissen in der Berufsschule erwerben können, erlangen eine gute Grundlage und beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, unterstreicht IHK-Geschäftsstellenleiter Hans-Joachim Rambow eine mögliche Entscheidung für eine duale Ausbildung.

 

Weitere Unterstützungsangebote der Arbeitsagentur

Zurzeit laufen wieder die gemeinsamen Nachvermittlungsaktionen von Arbeitsagentur und Kammern. Alle jungen Menschen, die noch auf der Ausbildungssuche sind, bekommen nun in diesem Zuge ein entsprechendes Angebot.

 

Um den Jugendlichen eine bessere Ausgangslage für das kommende Jahr zu schaffen, stehen der Berufsberatung diverse Maßnahmen zur Verfügung, die zu einer Entspannung auf dem Ausbildungsstellenmarkt beitragen: Dazu zählen auch wieder Plätze für berufsvorbereitende Maßnahmen (BvB), außerbetriebliche Berufsausbildungen (BaE) und Einstiegsqualifizierung (EQ) zur Verfügung.

 

Aus Sicht der Betriebe entsprechen vielfach die Qualifikationen von Jugendlichen, die eine duale Berufsausbildung anstreben, nicht den betrieblichen Anforderungen oder es fehlen den jungen Menschen die ersten beruflichen Eindrücke durch Praktika. Häufig lässt sich zumindest das Problem mit der mangelnden Qualifizierung durch den Einsatz der AsAflex (Assistierte Ausbildung Flexibel) der Arbeitsagentur lösen. Zusätzlich können die Teilnehmer hier auch verstärkt sozialpädagogische Unterstützung und Begleitung bekommen.

Arbeitgeber können sich bei allen Fragen an ihre Ansprechperson des gemeinsamen Arbeitgeberservice von Arbeitsagentur und Jobcenter wenden oder die kostenfreie Rufnummer 0800 4 5555 20 anrufen.

 

Zwei Appelle von Agentur für Arbeit, IHK und HWK

An die Betriebe und Unternehmen im Landkreis richten die drei Ausbildungsmarktpartner ihren ersten Appell: Viele Jugendliche entsprechen vielleicht auf dem ersten Blick nicht ihren Vorstellungen. „Ergreifen Sie einfach die Chance, auch Jugendliche in Ausbildung zu nehmen, die nicht allen Anforderungen entsprechen – sei es bei bestimmten Schulnoten oder anderen Gründen. Gerade in jungen Menschen schlummern oft verborgene Begabungen und Talente, die sich nicht in den Schulzensuren wiederspiegeln. Bieten Sie Ihnen immer wieder Praktika an, um diese Fähigkeiten zu entdecken und zu aktivieren. Viele Menschen machen dadurch eine erstaunliche Entwicklung. Geben Sie Ihnen eine berufliche Perspektive und schaffen Sie sich so auch mit unserer Unterstützung Ihre Fachkräfte von morgen. Wir sind uns sehr bewusst, wie schwierig die Lage teilweise am Ausbildungsmarkt ist und stehen Ihnen stets als starke Partner zur Seite. Ihre Azubis von heute sind Ihre Fachkräfte für die Zukunft.“

 

Und auch an die Jugendlichen geht ein Appell: „Der Ausbildungsmarkt steht Euch offen wie noch nie, die Auswahlmöglichkeiten sind riesig. Nutzt die Chance auf eine Ausbildung, die zu euren Fähigkeiten und Wünschen passt. Lasst Euch von der Berufsberatung und den Kammern auch über mögliche alternative Berufe beraten, um die Eure Auswahlmöglichkeiten zu vergrößern. Geht eigeninitiativ auf die hier ansässigen Firmen und Unternehmen zu und fragt nach Praktikumsmöglichkeiten oder Schnuppertagen. Holt Euch wertvolle Tipps rund um das Thema Ausbildung auf den Webseiten der Agentur für Arbeit und der Kammern und tauscht Euch mit Freunden und Bekannten aus, dann findet Ihr Euren Weg in die berufliche Zukunft.“

 

Ausblick 2023/2024

Neben den bisherigen Angeboten der Berufsberatung hat die Agentur für Arbeit für das kommende Jahr bereits neue Entwicklungen auf den Weg gebracht, um auf Veränderungen am Ausbildungsmarkt schnell reagieren zu können.

 

 
  

Zahlen, Daten und Fakten im Detail

Hauptagentur Hildesheim

Bei der Arbeitsagentur in Hildesheim waren im Beratungsjahr insgesamt 1.168 junge Bewerberinnen und Bewerber ausbildungsplatzsuchend gemeldet. Das sind 20 bzw. +1,7% mehr als im Vorjahr. Demgegenüber standen 1.421 gemeldete Ausbildungsstellen (-67 bzw. -4,5% mehr als im Vorjahr).

Die Zahl der am 30. September noch nicht in Ausbildung vermittelten jungen Menschen liegt bei 57 und ist damit um 4 Personen (-6,6%) gesunken. Zeitgleich konnten 122 Ausbildungsstellen bis zum Stichtag nicht besetzt werden (+6 gegenüber dem Vorjahr).

Geschäftsstelle Alfeld

Im Geschäftsstellenbezirk Alfeld nutzten 316 Ausbildungsplatzsuchende den Service der Berufsberatung, -34 (-9,7%) gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt meldeten die Unternehmen im Raum Alfeld 350 Ausbildungsstellen und damit genau eine Stelle mehr, als im Vorjahr. 

Die Zahl der noch nicht in Ausbildung vermittelten jungen Menschen lag zum Stichtag bei 22 und somit bei +11 gegenüber dem vergangenen Jahr. Zeitgleich konnten 55 Ausbildungsstellen noch nicht besetzt werden (-5 gegenüber dem Vorjahr).

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