12.11.2019 | Presseinfo Nr. 67

Ausbildung als Chance begreifen!

Die Jahresbilanz des Ausbildungspakts legten heute die Agentur für Arbeit Kassel, die Handwerkskammer Kassel und die IHK Kassel-Marburg vor, teilten aktuelle Zahlen mit und beurteilten den Ausbildungsmarkt in der Region.

Agentur für Arbeit Kassel

 

Minimal mehr Bewerber und etwas weniger Ausbildungsstellen als im Vorjahr meldet die Agentur für Arbeit Kassel für das abgelaufene Berichtsjahr für den Agenturbezirk, der die Stadt Kassel, den Kreis Kassel und den Werra-Meißner-Kreis umfasst. So zeigt die aktuelle Bilanz 3489 betriebliche Ausbildungsplätze, 26 oder 0,7 Prozent weniger als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Parallel stieg die Anzahl der Ausbildungsplatzsuchenden um 4 oder 0,1 Prozent auf jetzt 3808 Personen. Am Ende gab es 122 unversorgte Bewerber (plus 16 oder 15,1 Prozent).

Für die Stadt Kassel heißt das 1747 betriebliche Berufsausbildungsstellen (plus 102 bzw. 6,2 Prozent) und 1661 Bewerber (plus 84 bzw. 5,3 Prozent).

Im Kreis Kassel sind es 1178 Angebote von Ausbildungsbetrieben (minus 121 bzw. 9,3 Prozent) und 1442 potentielle Berufsstarter (minus 23 bzw. 1,6 Prozent).

Für den Werra-Meißner-Kreis zeigt die Jahresbilanz 564 Offerten heimischer Betriebe (minus 7 bzw. 1,2 Prozent) gegenüber 705 Ausbildungsplatzsuchenden (minus 57 bzw. 7,5 Prozent).

Im gesamten Agenturbezirk wurden die meisten Auszubildenden gesucht in den Berufsbereichen Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung (1225), kaufmännische Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus (690) sowie Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (612).

Die Top 5 der gemeldeten Ausbildungsplätze belegen Kaufmann/frau im Einzelhandel vor Fachkraft Lagerlogistik, Kaufmann/frau Büromanagement, Industriemechaniker/in und Mechatroniker/in. Seitens der Bewerber rangieren Kaufmann/frau Büromanagement vor Verkäufer/in, Kfz-Mechatroniker/in – Pkw-Technik, Kaufmann/frau Einzelhandel und Industriemechaniker/in auf der Beliebtheitsskala ganz oben.

Bei der Qualifikation der Schulabgänger nahm binnen Jahresfrist der Anteil der Fachhochschüler und derjenigen ohne Hauptschulabschluss ab, während Hauptschüler, Realschüler und Abiturienten zulegten.

 

Michael Schubert, Geschäftsführer operativ der Arbeitsagentur, resümiert: „Auf den ersten Blick wirken die Bilanzzahlen des Ausbildungsjahres fast identisch zum Vorjahr, nämlich ähnlich viele Bewerber und Ausbildungsstellen. Allerdings differenziert sich das Fazit hinsichtlich der Regionen. So stiegen in der Stadt Kassel sowohl die Anzahl der potentiellen Berufsstarter als auch die Offerten der Ausbildungsbetriebe deutlich an. Im Landkreis Kassel und Werra-Meißner-Kreis dagegen dominieren hier ausschließlich Minuswerte.

Die duale Ausbildung hat zu Recht einen hohen Stellenwert in der Region. Nicht zuletzt ist die Nachwuchsgewinnung ein Muss angesichts des hohen Fachkräftebedarfs. Dies wird zurzeit deutlich an über 4000 aktuell zu besetzenden Stellen und mehr als 10.000 Stellenmeldungen seit Jahresbeginn. Der Fachkräftebedarf von morgen ist heute schon absehbar, über 18.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte sind 60 Jahre und älter. Diese Arbeitnehmer werden in den kommenden Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Wenn die Region Nordhessen weiterhin so erfolgreich sein soll, ist die duale Ausbildung vor Ort ein wichtiger Baustein. Es muss daher weiter und verstärkt in Ausbildung investiert werden, um den künftigen Fachkräftebedarf und damit den wirtschaftlichen Erfolg für die Betriebe in der Region zu sichern. “

 

Handwerkskammer Kassel

 

Auch in diesem Jahr ist die Zahl der jungen Menschen, die in Nord-, Ost- und Mittelhessen eine Ausbildung im Handwerk begonnen haben, stabil geblieben. „Wir freuen uns, dass es uns erneut gelungen ist, die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse in unserem Kammerbezirk leicht zu steigern“, bilanziert Cornelia Mündel-Wirz, Bildungsexpertin der Handwerkskammer Kassel, die aktuelle Ausbildungssituation im Handwerk. „Dieser Erfolg geht auf die gemeinsamen und verstärkten Aktivitäten der Handwerksorganisation, also Kammer, Kreishandwerkerschaften und Innungen, und vor allem der Betriebe zurück. Auch regionale Netzwerke wie zum Beispiel OloV sind zielführend für die Zusammenführung von Schülern und Betrieben.“

So verzeichnete die Kammer zum 30. Oktober 2019 einen Anstieg von 1,8 Prozent bei den neu eingetragenen Lehrverträgen, deren Zahl von 2.852 (2018) auf 2904 (2019) stieg. Der Vergleich mit den Vorjahreszahlen, wo der Anstieg teilweise bei über fünf Prozent gelegen habe, zeige aber auch, dass es für die Betriebe immer schwieriger werde, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen.

„Das bedeutet, dass wir in all unseren Anstrengungen nicht nachlassen dürfen. Für uns als Kammer heißt das Zweierlei. Wir sprechen weiterhin unterschiedliche Zielgruppen an, von Jugendlichen mit Startschwierigkeiten über junge Geflüchtete bis hin zu Abiturienten und Studienaussteigern. Und wir werden nach wie vor die Vorteile einer dualen Ausbildung im Handwerk samt den vielfältigen Karrierewegen, die sie eröffnet, in den Vordergrund stellen“, erläuterte Mündel-Wirz.

Dabei biete eine Ausbildung im Handwerk ein zukunftsfestes Fundament für den Einstieg in ein erfülltes Berufsleben. Übergreifende Themen wie Energiewende, Umweltschutz, Smart-Home-Techniken, E-Mobilität, barrierefreies Bauen, Gesunderhaltung und Mobilisierung des eigenen Körpers, Nachhaltigkeit und Regionalität, seien Zukunftsthemen, die bereits in den Ausbildungsberufen des Handwerks relevant sind, so die Bildungsexpertin.

 

IHK Kassel-Marburg

 

Stabile Verhältnisse in Kassel: So könnte man die Ausbildungs-Bilanz 2019 für Stadt und Landkreis Kassel überschreiben. Mit einem Gesamtergebnis von plus 3,0 % haben die Ausbildungsbetriebe der Wirtschaftsregion Kassel ihr Vorjahresergebnis von plus 2,2 % noch einmal steigern können und liegen damit klar über dem durchschnittlichen Gesamtergebnis des IHK-Bezirkes von knappen minus 0,3 %. „Wichtiger Effekt ist, dass damit zum dritten Mal in Folge ein Wachstum in der Wirtschaftsregion Kassel zu verzeichnen ist,“ kommentiert IHK-Aus- und Weiterbildungschef Dr. Thomas Fölsch das Ergebnis und ergänzt: „Die Wirtschaftsregion Kassel hat sich damit in Zeiten unterschiedlichster wirtschaftlicher Diskussionen und Probleme weltweit gut behauptet und in der Ausbildung noch an Dynamik gewonnen.“

Getragen wird das Ergebnis aus 2019 von den gewerblich-technischen Berufen in Stadt und Landkreis Kassel. Während die Stadt ein Plus von 23,6 % verzeichnet, erreichte der Landkreis immer noch sehr gute plus 7,6 %. Die Negativbilanz von minus 4,3 % der kaufmännischen Sparte setzt sich bereits seit 2017 fort. Einbußen im Handel von minus 9,9 % der Ausbildungsverträge können wegen des größeren Anteils von Verträgen am Gesamtvolumen durch andere Bereiche nicht wettgemacht werden. Der Industrie- und Produktionsstandort Kassel profitiert von der bisherigen positiven Wirtschaftsentwicklung und intensiviert offenbar seine Ausbildungsanstrengungen noch erfolgreich, obwohl der demographische Wandel, das heißt die kontinuierliche sinkende Zahl an Schulabgängern, die Akquise des Nachwuchses immer mehr erschwert. Die Situation im Handel ist dagegen vom Einzug der digitalisierten Assistenz-systeme und dem weiteren Erstarken des Onlinehandels gekennzeichnet. Dementsprechend zurückhaltend stellt sich die Lage im Handel dar. Positives Symptom dieser Situation ist der neue Ausbildungsberuf Kaufmann im eCommerce, der wieder mit 15 neuen Auszubildenden in der Statistik erscheint und zukünftig eine weiterhin wichtige Rolle spielen wird.

Das Gesamtbild im IHK-Bezirk stellt sich sehr unterschiedlich auf. Während die Landkreise Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder sich wieder über positive Zahlen freuen können (2,1 % beziehungsweise 2,7 %), zeigt sich das Ergebnis im Werra-Meißner-Kreis und Hersfeld-Rotenburg gänzlich anders. Dort hat man nach sehr positiven Ergebnissen in den Vorjahren erstmals wieder Rückgänge zu verzeichnen gehabt. Werra-Meißner beendet das Ausbildungsjahr mit einem Minus von 8,5 %, Hersfeld-Rotenburg bilanziert mit minus 8,9 %. In beiden Landkreisen schlägt der Drei-Jahres-Zyklus in der Ausbildung deutlich zu Buche: Nachdem man in 2017 und 2018 jeweils deutlich zulegen konnte, scheint der Zyklus nun abgeschlossen, das heißt der Bedarf an Auszubildenden ist gedeckt. So ist im Vorjahresvergleich auffällig, dass die Vertragszahlen im Baubereich Hersfeld-Rotenburgs klar nachlassen und damit einen gewissen negativen Sog entwickeln, der bei minus 12,3 % abschließt. Für Werra-Meißner gilt dies im Metall- und Elektrobereich, der insgesamt ein Minus von 22,3 % erzielt, nachdem das Vorjahr noch ein dickes Plus von 13,2 % ergab. Der Schwalm-Eder-Kreis zeigt sich von der positiven Entwicklung der Logistik- und kaufmännischen Berufe beflügelt, dort bilanziert man ein Plus von 2,7 %. In der Touristikregion Waldeck-Frankenberg ziehen die Hotellerie- und Gastronomieberufe die Bilanzzahl auf plus 2,1 %. Im Altkreis Marburg, der mit minus 4,1 % abschneidet, ist davon auszugehen, dass nach drei eher ruhigen Jahren in 2020 der Ausbildungsmotor wieder anspringen wird.

„Unter den Berufsfeldern stechen Banken und Versicherungen im gesamten IHK-Bezirk hervor,“ skizziert Thomas Fölsch Details der Jahresbilanz. Mit plus 16,8 % bei den Bankkaufleuten und 16,7 % für die Versicherungen zeigen sich die in der Vergangenheit eher zurückhaltend agierenden Branchen in diesem Jahr von ihrer agilen Seite: „Digitalisierung braucht Menschen, die sie umsetzen und gestalten, deshalb ist dieses Ergebnis ein positives Signal, das über die Branche hinauswirken könnte,“ deutet Fölsch Auswirkungen für die Ausbildungssituation der kommenden Jahre an. Erstmals seit Jahren wartet die Metalltechnik mit einem negativen Ergebnis von minus 1,4 % auf, hat allerdings in den zurückliegenden Jahren konstant im niedrigen Bereich zusätzliche Verträge gezeichnet. Anders die Elektrotechnik. Dort freut man sich über stolze plus 13,7 % und verdoppelt das Ergebnis aus 2018 (+ 6,5 %). Auch hier könnte man die zunehmenden Digitalisierungsbestrebungen als Ursache annehmen. Im Handel führen diese Bestrebungen eher zu einer zurückhaltenden Einstellungspraxis, minus 9,9 % nach noch zufriedenstellenden jeweils plus 5,1 % in den Vorjahren sprechen eine deutliche Sprache. Auch das Verkehrs- und Transportwesen präsentiert sich mit minus 13,9 % sehr verhalten, nachdem 2018 noch ein Zuwachs von 7,2 % (2017: + 7,8 %) registriert worden war. „Hier scheint der 3-Jahres-Zyklus ebenfalls seine Wirkung zu entfalten,“ kommentiert der IHK-Experte das Ergebnis: „Wir gehen davon aus, dass nach einer kurzen zurückhaltenden Phase 2020 die Zahlen auch hier wieder steigen werden.“

Das Fazit der diesjährigen Ausbildungskampagne fällt somit gemischt aus, was den Bildungsfachmann Fölsch nicht wirklich überrascht: „In jeder Region gibt es spezielle eigene wirtschaftliche Schwerpunkte und dementsprechende Konjunkturen, die das Ausbildungsverhalten beeinflussen. Die Herausforderungen der digitalen Transformation im Beruf und in der Ausbildung prägen es noch einmal zusätzlich sehr deutlich. Das Jahresergebnis ist aus unserer Sicht über alles gesehen lediglich eine Atempause, die nähere und fernere Zukunft wird zeigen, dass die Ausbildungsbetriebe in Nordhessen und Marburg zu ihrem Ausbildungsengagement stehen.“