06.03.2020 | Presseinfo Nr. 11

Warum Integration nicht schmerzfrei sein kann

Professor Aladin El-Mafaalani sprach auf Einladung von Lotsenhaus und Schulen über Migration, Flüchtlinge und gesellschaftlichen Wandel
 

Er ist Bestseller-Autor und Universitätsprofessor, seine Interviews füllen Seiten in Süddeutscher, FAZ oder Spiegel, in deutschen Nachrichtensendungen und Polit-Talk-Runden ist er so begehrt wie bei internationalen Medien: Nun ließ Aladin El-Mafalaani rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörer im Auditorium der Carl-Benz- und Julius-Wegeler-Schule an seinen Gedanken teilhaben. Nach Koblenz gelockt hatten den Experten für Migrationsfragen die am Koblenzer Lotsenhaus beteiligten Institutionen – und das nicht ohne Eigennutz. Schließlich wird die Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten tagtäglich mit jenen Problemen konfrontiert, die El-Mafaalani wissenschaftlich untersucht und bewertet. Wer auf einfache Lösungen und Patentrezepte hoffte, musste allerdings umdisponieren. Dafür hatte der charismatische Soziologe jede Menge Informationen und Anregungen im Gepäck, die dazu geeignet waren, Meinungen und Einschätzungen in Frage oder sogar auf den Kopf zu stellen.

Wenn es um Migration und Flüchtlinge geht, ist vieles widersprüchlich, manches paradox, stellte El-Mafaalani klar und konfrontierte sein Publikum mit einer Reihe unerwarteter Fakten. So besäßen derzeit lediglich vier Prozent der Weltbevölkerung einen Migrationshintergrund. Unter den Migranten stellten Flüchtlinge nur einen geringen Anteil. Noch. Denn laut El-Mafaalani werden sich Flucht und Migration durch den Klimawandel in den nächsten beiden Jahrzehnten wahrscheinlich verdoppeln. „Und das lässt sich nicht verhindern.“

Deutschland gehöre trotz Sprachhürde und stark reglementiertem Arbeitsmarkt zu den beliebtesten Einwanderungsländern, stellte der Experte klar – nach den USA, aber vor Russland und Saudi-Arabien. Dies liege schlicht daran, dass Menschen, die die schwierige Entscheidung getroffen haben, ihre Heimat zu verlassen, am liebsten dorthin gehen, wo sie auf Hilfe hoffen können. „Statistisch kennt derzeit jeder Syrer, der noch in Syrien lebt, zwölf Menschen in Deutschland.“ Mancher Politiker ziehe daraus nicht zu Unrecht den Schluss, dass ein schlechtes Image vor Migration schütze.

Ohnehin sind Migration und Integration nach Auffassung des Wissenschaftlers das schwierigste Politikfeld überhaupt, da Strukturen und Zuständigkeiten in Deutschland schon aus historischen Gründen eher einem Flickenteppich ähnelten. Was fehle, sei der Gesamtüberblick. „Hinzu kommt eine große Unentschlossenheit in Politik und Gesellschaft, wie wir überhaupt mit dem Thema Migration umgehen wollen.“ Um Lösungen zu finden bedürfe es aber einer klaren Strategie.

Denn das Thema sei mit vielen Widersprüchen beschwert. So funktioniere Integration erstaunlicherweise dort am besten, wo der Migrationsanteil an der Bevölkerung besonders hoch ist – und umgekehrt. Aber auch die Migranten lebten meist im Zwiespalt, erklärte El-Mafalaani: Zum einen seien sie mutig, motiviert und risikobereit, zum anderen extrem konservativ und darauf bedacht, möglichst viel von ihrem gewohnten Leben zu erhalten und zu schützen. Dies bedeute vor allem für die „zweite Generation“ einen enormen inneren Konflikt, denn diese jungen Menschen müssten einerseits erfolgreich sein, um die Opfer der Eltern zu rechtfertigen. Andererseits stünden sie aber auch unter dem Druck, solidarisch mit ihren Eltern zu sein und deren Kultur nicht zu verraten.

Erstaunlich positiv war angesichts der teils ernüchternden Erkenntnisse die Bilanz des Soziologen, denn für ihn sind die derzeit spürbaren Konflikte ein unvermeidbares Stadium des gesellschaftlichen Wandels. „Integration fordert Konflikte heraus – zumindest vorübergehend.“ Das sei auch bei anderen Emanzipationsprozessen so. Vom Beschwören der „guten alten Zeiten“, die nach seiner Auffassung weitgehend auf Ungerechtigkeit und Unterdrückung basierten, hielt er hingegen nichts. „Wenn wir einen neuen Zusammenhalt wollen, müssen wir gemeinsam etwas Neues, etwas Besseres entwickeln.“ Das sei „echte Pionierarbeit“.

Auf den vermeintlichen „Rechtsruck“ in Politik und Gesellschaft angesprochen, blieb El-Mafaalani gelassen. „In Zeiten des Umbruchs werden die Ränder nicht stärker, sondern lauter und aggressiver“, betonte er. Ursache sei die unentschlossene Mitte. „Ist die wieder präsent und klar, beruhigen sich die Ränder zwangsläufig.“ Dies gelte übrigens auch für die Gemeinschaft der Muslime und deren Extreme.

Eine Vision für die Zukunft? Damit tat der Wissenschaftler sich schwer. „Wir stehen vor einem gewaltigen gesellschaftlichen Wandel, der nicht zu stoppen ist und dessen zwangsläufige Nebenwirkungen sich in den derzeitigen Problemen und Empfindungen spiegeln. Da würde es mir schon ausreichen, wenn alle Menschen sich Gedanken über diese Zukunft machen.“

 

Hintergrund:

Das Lotsenhaus Koblenz

Das Lotsenhaus ist in der Koblenzer Agentur für Arbeit untergebracht und eine gemeinsame Einrichtung von IHK und Handwerkskammer Koblenz, dem Jobcenter Stadt Koblenz und dem Jobcenter des Landkreises Mayen-Koblenz, der Stadt Koblenz, des Landkreises Mayen-Koblenz und des Caritasverbandes. Es besteht seit 2015 und dient als Anlaufstelle für Migranten und Flüchtlinge, die auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen. Die enge Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen hilft unter anderem dabei, Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Eine enge Kooperation gibt es mit den berufsbildenden Schulen Julius-Wegeler- und Carl-Benz-Schule.