02.12.2020 | Presseinfo Nr. 63

„Wenn der Druck weg ist, funktioniere ich gut“


Im Öffentlichen Dienst findet eine junge Frau mit Autismus ihre berufliche Zukunft
 
Lena M. (Name geändert) ist 19 Jahre alt und wohnt im Bodenseekreis. Sie hat ihre Ausbildung im Öffentlichen Dienst erfolgreich abgeschlossen, arbeitet nun im Bürgerzentrum. Die immer wiederkehrenden Arbeitsabläufe und die Büroarbeit fallen ihr leicht. Die Kundenkontakte allerdings, und vor allem das Telefonieren, stellen tagtäglich eine Herausforderung für sie dar. Lena ist Autist

Lena hat das Asperger-Syndrom, eine milde Form des Autismus. Für die 19jährige bedeutet das, dass sie sich seit ihrer Kindheit „anders fühlt“. Sie erklärt: „Normale Menschen können eben die Körpersprache, die Mimik, die Gestik ihres Gegenübers lesen. Ich kann das nicht, weil ich eine sogenannte Wahrnehmungsstörung habe. Wenn jemand zum Beispiel weint, dann weiß ich, es bedeutet, dass er traurig ist. Ich kann das jedoch nicht fühlen, sondern muss das Weinen als Ausdruck der Trauer wie eine Vokabel lernen.“

Typisch für das Asperger-Syndrom sind das fehlende Erkennen der nonverbalen Kommunikation, Einschränkungen im Interaktionsverhalten sowie mangelndes Einfühlungsvermögen. Asperger-Autisten können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen, was beim Gegenüber zu Verwirrung bis hin zur Ablehnung führen kann. „Während meine Schwester kontaktfreudig war und bis heute mit Leichtigkeit Smalltalk macht, war ich schon als Kind ein Außenseiter“, erzählt Lena. „Zudem hatte ich in der Schule einen Sonderstatus, hatte nicht nur einen Schulbegleiter, sondern bekam zum Beispiel für Arbeiten oder Tests mehr Zeit als alle anderen. Das fanden die Mitschüler natürlich ungerecht.“ Asperger-Autismus ist nicht heilbar, Betroffene, wie Lena, können aber gezielt gefördert werden. Therapien, das Schaffen von Strukturen für die alltäglichen Prozesse und vor allen Dingen immer wieder zu üben, geben ihnen Sicherheit, so dass sie ein weitgehend normales Leben führen können.

Schulabschluss und Ausbildung
Lena war eine gute Schülerin. Ihren Realschulabschluss hat sie mit Bravour gemeistert – in Mathe hatte sie sogar eine Eins. „Ich habe alle Formeln auswendig gelernt, darin bin ich gut.“, sagt sie und lacht. Formeln oder Gesetze vermitteln ihr Sicherheit, denn das ist etwas Feststehendes, worauf sie sich berufen kann, das keiner anzweifelt. Sie hatte lange über ihren Berufswunsch nachgedacht. Es sollte etwas sein mit festen Strukturen, mit wiederkehrenden Abläufen, besser nichts Kommunikatives, schon gar nichts Kreatives. Die Arbeitsstelle musste mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, und zwar ohne mehrmaliges Umsteigen, denn Lena fällt es schwer, sich zu orientieren oder spontan eine andere Bus- oder Zugverbindung nehmen. Lenas Mutter war es schließlich, die ihr riet, sich für den öffentlichen Dienst zu bewerben, als Verwaltungsfachangestellte. Lena schrieb mehrere Bewerbungen und ging offen mit ihrer Einschränkung um. Sie erhielt mehrere Einladungen zu Einstellungstests und Vorstellungsgesprächen. Ein potentieller Arbeitgeber hatte sie sogar gefragt, wie er sie beim Einstellungstest unterstützen könnte, erzählt sie. Sie durfte den Einstellungstest in einem separaten Raum durchführen und bekam sechs statt vier Stunden Zeit für das Ausfüllen der Bögen. „Ich habe schon nach 90 Minuten abgegeben und den Test bestanden.“, sagt sie. „In dem Moment, in dem mir der Druck genommen wird, funktioniere ich gut.“ Lena erhielt letztendlich mehrere Zusagen für eine Ausbildungsstelle, entschieden hat sie sich dann aber für eine Ausbildung im öffentlichen Dienst. „Ich denke, dass ich für meine Arbeit einiges mitbringe, das von Vorteil ist.“, sagt sie selbstbewusst. „Dadurch, dass ich als Autistin feste Strukturen zur Orientierung brauche, fallen mir Dinge, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder ein sehr korrektes Arbeiten vielleicht leicht – vielleicht sogar leichter als anderen.“ Über die Agentur für Arbeit erhielt Lena große Unterstützung. Nach eingehenden Beratungsgesprächen wurde Ihr ein monatlicher Etat für einen Job-Coach bewilligt. „Das Asperger-Syndrom ist schon sehr speziell und ich habe das Glück, dass sich mein Job-Coach auf dieses Gebiet spezialisiert hat.“, erzählt Lena. Schon vor der Ausbildung hatte Lena mit Hilfe ihres Coaches gelernt, sich innerhalb des Gebäudes ihrer Arbeitsstelle zurechtzufinden. Die Wege zur Kantine, zum WC, zu den jeweiligen Büros der unterschiedlichen Abteilungen hat sie dabei regelrecht auswendig gelernt. Die Corona-Zeit brachte eine neue Herausforderung mit sich.  Kundenkontakte wurden reduziert und wurden weitgehend telefonisch abgewickelt. „Für mich ist es schwierig, ein Telefonat zu führen, weil ich den Tonfall, in dem etwas gesagt wird, nicht deuten kann.“, berichtet Lena. „Dinge wie Ironie oder Sarkasmus kann ich beispielsweise nicht erkennen. Und schwierig wird es für mich in den Momenten, in denen ich spontan reagieren muss.“ Die Kolleginnen und Kollegen wissen nicht, dass Lena Autistin ist, nur ihre Vorgesetzte. Lena möchte in ihrem Berufsleben keinen Sonderstatus haben. Gefragt, was ihre beruflichen Ziele sind, antwortet Lena: „Klar würde ich mit einer höheren Position mehr Geld verdienen und mich weiterentwickeln. Ich stecke mir jedoch kleine und erreichbare Ziele. Für mich geht es nun erst einmal darum, den Arbeitsalltag so zu gestalten, dass ich abends nicht total erschöpft bin.“

Infobox:
Im November waren im Gebiet der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg 847 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet, gut 200 mehr als im November 2019. Für die Integration behinderter Menschen ins Berufsleben stehen der Arbeitsagentur rund 27 Mio. Euro zur Verfügung. Finanziert werden neben einer behindertengerechten Arbeitsplatzausstattung auch Trainings, Jobcoaches und Fortbildungen. Arbeitgeber können einen Lohnkosten- oder Ausbildungszuschuss erhalten.