20.11.2020 | Presseinfo Nr. 69

Ausbildungsmarkt: Corona hinterlässt Spuren

Agentur für Arbeit, Kreishandwerkerschaften und IHK ziehen Bilanz 2019/20
 

Die Corona-Pandemie macht sich auch auf dem Ausbildungsmarkt in Waldeck-Frankenberg und im Schwalm-Eder-Kreis bemerkbar, aber in geringerem Ausmaß als im Frühjahr befürchtet. Auf diesen gemeinsamen Nenner lässt sich die Bilanz zum Ausbildungsjahr 2019/2020 bringen, die heute Agentur für Arbeit Korbach sowie die Kreishandwerkerschaften und IHK-Servicezentren der beiden Landkreise zogen.

Agentur für Arbeit Korbach

Sowohl die Zahl der Ausbildungsstellen als auch der Bewerber war im Berichtsjahr (Oktober 2019 bis September 2020) leicht rückläufig, wobei sich dieser Trend bereits vor Beginn der Pandemie abzeichnete. Im Agenturbezirk waren insgesamt 2211 Ausbildungsstellen gemeldet, 87 weniger als im Vorjahr (minus 3,8 Prozent). Demgegenüber standen 2029 Bewerber für eine Berufsausbildung, ein Rückgang um 112 Personen im Vergleich zum Vorjahr (minus 5,2 Prozent). Ende September waren im Agenturbezirk noch 148 Lehrstellen unbesetzt und 159 Bewerber unversorgt (Vorjahr: 76 Ausbildungsplätze nicht besetzt, 144 unversorgte Bewerber).

Aufgeteilt nach Landkreisen ergibt sich folgendes Bild:

In Waldeck-Frankenberg sank die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 50 auf 1229 (minus 3,9 Prozent), im Berichtsjahr waren mit jetzt 1053 Bewerbern 64 weniger gemeldet als im Jahr zuvor (minus 5,7 Prozent). 87 offenen Ausbildungsstellen standen Ende September 94 unversorgte Bewerber gegenüber (Vorjahr: 61 offene Stellen, 94 unversorgte Bewerber).

Im Schwalm-Eder-Kreis verzeichnete die Agentur für Arbeit 982 Ausbildungsstellen, das entspricht einem Minus von 37 Stellen (minus 3,6 Prozent), und 976 Bewerber (minus 48, minus 4,7 Prozent). Davon waren zum Ende des Berichtsjahres noch 65 unversorgt (Vorjahr 50), bei gleichzeitig noch 61 offenen Ausbildungsstellen (Vorjahr: 15).

„Die Corona-Pandemie hinterlässt Spuren auf dem Ausbildungsmarkt, verursacht aus unserer Sicht aber keinen massiven Einbruch“, kommentiert Agenturchef Uwe Kemper. „6,6 Prozent der gemeldeten Ausbildungsstellen waren bis Ende September nicht besetzt, 7,8 Prozent der Bewerber waren noch unversorgt. Das ist mehr als im Vorjahr, aber insgesamt noch ein moderater Anstieg.“  Dazu hätten sicher vor allem die erschwerten Kontaktmöglichkeiten zwischen Schulabgängern, Beratern und Betrieben im Frühjahr beigetragen, als die Schulen geschlossen waren, Ausbildungsmessen ausfielen und Betriebspraktika kaum möglich waren. Trotz der besonderen Bedingungen sei es aber dank gemeinsamer Anstrengung von Arbeitsgebern, Kammern und Arbeitsagentur gelungen, dass es keinen Ausbildungsjahrgang Corona gebe. Kemper: „Auch jetzt können noch Ausbildungsverträge geschlossen werden, denn sicher ist: Trotz Corona werden Fachkräfte benötigt.“

Die meisten Ausbildungsplätze gab es im Agenturbezirk in den Berufsbereichen Rohstoffgewinnung, Produktion, Fertigung (713), gefolgt von Kaufmännische Dienstleistungen, Handel, Vertrieb, Tourismus (555) und Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht, Verwaltung (311). Die gängigsten Berufe bei den Ausbildungsstellen waren Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Industriekaufmann/-frau, Verkäuferin, Kaufmann/-frau Büromanagement und Industriemechaniker/in. Das deckt sich teilweise mit den häufigsten Berufswünschen der Bewerber: Kaufmann/-frau im Einzelhandel Kaufmann/-frau Büromanagement, Verkäuferin, Medizinische Fachangestellte und Kfz-Mechatroniker (Pkw-Technik).

Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg

Servicezentrum Waldeck-Frankenberg

Zum Stichtag 30. Oktober 2020 hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg für den Landkreis Waldeck-Frankenberg 632 neu eingetragene Berufsausbildungsverträge registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ergibt sich ein Minus von 97 Verträgen (minus 13%). Damit liegt der IHK-Bereich leicht besser als der derzeit im Bundesschnitt kommunizierte Wert von minus 14%.

Die Zahl der eingetragenen gewerblich-technischen Ausbildungsverträge nahm um 48 ab auf 264 Verträge insgesamt (Vorjahr 312, minus 15 %). Im kaufmännischen Bereich gab es einen Rückgang um 49 eingetragene Verträge auf 368 (minus 12%). Von den 632 Neueintragungen in Waldeck-Frankenberg entfallen 368 auf kaufmännische und 264 auf gewerblich-technische Berufe. 

Für die Unternehmen aber auch für die Jugendlichen in Waldeck-Frankenberg ist die Corona-Krise bei diesen Ergebnissen sicherlich ein bedeutender Aspekt. In den Berufsgruppen sind die zurückgehenden Ausbildungszahlen insbesondere in der Metall- und Elektroindustrie sowie der Gastronomie und Hotellerie zu verzeichnen, berichtet Carolin Dobersch, Leiterin des IHK-Servicezentrums Waldeck-Frankenberg. Es gebe auch Zuwächse in einzelnen Branchen z. B. in der Bauindustrie, der chemischen Industrie und im Bereich E-Commerce. Positiv hat sich auch der Ausbildungsmarkt im Handel entwickelt, hier stieg die Zahl der geschlossenen Ausbildungsverträge von 107 auf 126 Verträge im Jahr 2020 (plus 17%).

Trotz einer nie dagewesenen Fülle an berufsspezifischen Informationen, gibt es nach wie vor viele Ausbildungsberufe, die trotz bester Berufsperspektiven nicht nachgefragt werden. Die IHK Kassel-Marburg bietet mit der IHK-Lehrstellenbörse, die auch ein Praktikumsportal beinhaltet, für Unternehmen und Jugendliche eine komfortable Plattform, auf der Informationen bereitgestellt, Fragen beantwortet und Kontakte geknüpft werden können.

Da die Börse auch eine gezielte Suche nach Studienzweiflern bietet, können Unternehmen auch diesen „Pool“ für die Gewinnung qualifizierter Nachwuchskräfte nutzen. Die IHK empfiehlt, dass sich Schülerinnen und Schüler rechtzeitig, d. h. ab sofort, um einen Ausbildungsplatz bewerben.

Die duale Berufsausbildung ist seit Jahrzehnten und auch zukünftig eine sehr gute Basis für die Berufskarriere. Die vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten über das duale System gilt es den Absolventen der allgemeinbildenden Schulen, auch als Alternative zum Studium, weiterhin zu verdeutlichen.

Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg

Servicezentrum Schwalm-Eder

Zum Stichtag 30. Oktober 2020 hat die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg für den Schwalm-Eder-Kreis 536 neu eingetragene Berufsausbildungsverträge registriert. Im Vergleich zum Vorjahr ergibt sich ein Minus von 63 Verträgen (minus 10,5%). Damit liegt der IHK-Bereich besser als der derzeit im Bundesschnitt kommunizierte Wert von minus 14%.

Die Zahl der eingetragenen kaufmännischen Ausbildungsverträge nahm um 55 ab auf 338 Ausbildungsverträge insgesamt (2019: 393, minus 14%). Im technischen-gewerblichen Bereich verzeichnet der Schwalm-Eder-Kreis einen Rückgang von acht Verträgen, ein leichtes Minus von 3,9%, es wurden 198 Verträge bis zum Stichtag eingetragen (Vorjahr 206). Von den 536 Neueintragungen in Schwalm-Eder-Kreis entfallen 338 auf kaufmännische und 198 auf gewerblich-technische Berufe. 

Für die Unternehmen, aber auch für die Jugendlichen im Schwalm-Eder-Kreis ist die Corona-Krise bei diesen Ergebnissen sicherlich ein bedeutender Aspekt, so Dr. Thomas Foelsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK Kassel-Marburg. In den Berufsgruppen sind die zurückgehenden Ausbildungszahlen insbesondere in der Lagerwirtschaft, der Metalltechnik sowie der Versicherungsbranche zu verzeichnen. Es gibt auch Zuwächse in einzelnen Branchen z. B. in der Bauindustrie und im Bereich E-Commerce. Sehr positiv hat sich der Ausbildungsmarkt im Bereich der Elektrotechnik entwickelt, hier ist ein Zuwachs von 41 auf 58 Verträge zu verzeichnen (plus 41%). Der Handel hat sich auch positiv entwickelt, hier stieg die Zahl der geschlossenen Ausbildungsverträge von 125 auf 140 Verträge im Jahr 2020 (plus 12%).

Trotz einer nie dagewesenen Fülle an berufsspezifischen Informationen gibt es nach wie vor viele Ausbildungsberufe, die trotz bester Berufsperspektiven nicht nachgefragt werden. Die IHK Kassel-Marburg bietet mit der IHK-Lehrstellenbörse, die auch ein Praktikumsportal beinhaltet, für Unternehmen und Jugendliche eine komfortable Plattform, auf der Informationen bereitgestellt, Fragen beantwortet und Kontakte geknüpft werden können.

Da die Börse auch eine gezielte Suche nach Studienzweiflern bietet, können Unternehmen auch diesen „Pool“ für die Gewinnung qualifizierter Nachwuchskräfte nutzen. Die IHK empfiehlt, dass sich Schülerinnen und Schüler rechtzeitig, d. h. ab sofort, um einen Ausbildungsplatz bewerben.

Die duale Berufsausbildung ist seit Jahrzehnten und auch zukünftig eine sehr gute Basis für die Berufskarriere, betont Foelsch. Die vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten über das duale System gilt es den Absolventen der allgemeinbildenden Schulen, auch als Alternative zum Studium, weiterhin zu verdeutlichen.

Kreishandwerkschaft Waldeck-Frankenberg

Das Handwerk gibt keinen Jugendlichen verloren

Die zusammengefasten Neuvertragszahlen für das Handwerk weisen ein Minus aus. In der Ausbildungsmarktbilanz werden die diesjährigen Probleme bei der Ausbildungsvermittlung deutlich, berichtet Kai Bremmer, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg. Die Zahl neuer Ausbildungsverträge im Waldeck-Frankenberger Handwerk ist zum Stichtag 30. September 2020 auf 358 Ausbildungsverträge und damit deutlich unter den Wert der letzten Jahre gesunken.

Es gab in diesem Jahr, das von der Corona-Pandemie bestimmt wurde, einen deutlichen Rückgang bei den Bewerbungen und den gemeldeten Ausbildungsstellen. Schülerinnen und Schüler orientierten sich wegen der Unsicherheit in der Wirtschaft (Stichwort Kurzarbeit) früh für eine weitere schulische Qualifizierung, statt sich auf den Weg in die duale Berufsausbildung zu machen. Deshalb konnten nach dem jetzigen Stand die Bemühungen der Kreishandwerkerschaft, die Zahlen des Vorjahrs zu halten, nicht aufgehen. Die Vollzeitschulen in Waldeck-Frankenberg sind inzwischen der größte Wettbewerber für die jungen Talente. Dennoch, und das ist nach den Worten von Bremmer die gute Nachricht, halten viele Handwerksbetriebe an der Ausbildung fest.

Was sind die Ursachen für den Einbruch auf dem Ausbildungsmarkt? Zwei Corona-Effekte aus Sicht des Handwerks: Neben der allgemeinen Verunsicherung bei Bewerbern und Betrieben sind bewährte analoge Anbahnungswege weggefallen, wodurch sich die Bewerbungsprozesse verzögern. Lockdown und Kontaktbeschränkungen fielen genau in die Phase, in der Berufsorientierung und Vertragsanbahnung normalerweise auf Hochtouren laufen, zum Beispiel fielen die Berufsmessen aus.

Wie hoch zum Jahreswechsel konkret die Zahl ausfallen wird, hängt entscheidend davon ab, inwieweit offene Stellen nachbesetzt und wie viele Ausbildungsabbrüche vermieden werden können. Für das Handwerk ist eines völlig klar: Die Corona-Krise darf nicht zu einer Krise für die berufliche Bildung junge Menschen werden. Alle Jugendlichen, die eine Karriere im Handwerk anstreben, sollen diese Möglichkeit auch bekommen. Bremmer: „Wir geben niemanden verloren – keinen Jugendlichen und erst recht keine Generation. Schon im eigenen Interesse. Wir brauchen den Nachwuchs. Wir brauchen die Fachkräfte von morgen mehr denn je. Daher mein Appell an die Betriebe: Bilden Sie weiter aus.“

Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder

Die Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder mit fast 1000 Mitgliedsbetrieben ist nach wie vor ein starker Partner in der dualen Ausbildung. Die Bereitschaft der Betriebe, junge Menschen in den verschiedenen Handwerksberufen auszubilden, ist ungebrochen hoch. Dies hat sich auch in der Krisenzeit der Corona-Pandemie gezeigt. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbereichen seien im Handwerk nur vereinzelt Branchen von der Pandemie betroffen, erläutert Geschäftsführer Wolfgang Scholz. Besonders betroffen war das Friseurhandwerk, welches durch die zeitweise Schließung der Geschäfte und die folgenden hohen Anforderungen an den Infektionsschutz erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Davon war auch die Ausbildung betroffen. Das Bäckerhandwerk und das Fleischerhandwerk konnten die Pandemie nur bedingt kompensieren. Demgegenüber konnten das Bauhauptgewerbe und die Baunebengewerke fast ununterbrochen weiterarbeiten und teilweise sogar Umsatzsteigerungen gegenüber 2019 erreichen.

Sehr hinderlich war, dass die Berufsorientierung auf den verschiedenen Ebenen kaum umgesetzt werden konnte. Die Ausbildungsbörse Borken konnte nur online stattfinden, Bildungsmessen und Berufsorientierungstage im Bauhandwerk – und damit das für die Berufswahl wichtige „Erleben“ der Berufe - fielen aus. Somit waren die Möglichkeiten der Berufsorientierung in 2020 für angehende Schulabgänger und insbesondere auch die Abgänger des kommenden Jahres sehr eingeschränkt.

Alle diese genannten Faktoren haben Einfluss auf das vorliegende Ergebnis. „Insofern sind die bekannten Zahlen besser als wir gemeinhin erwartet haben“, so Scholz. Interessant ist dabei aber das starke Gefälle bei den einzelnen Berufen. Während sich die Berufe Tischler, Elektroniker und Steinmetz einer zunehmenden Beliebtheit erfreuen, fielen die Zahlen in den Berufen Friseur oder Maurer deutlich unter die Vorjahreswerte zurück.

Mit Blick auf die Märkte und die Konjunktur können die Handwerksbetriebe im Schwalm-Eder-Kreis mit einer guten Auftragslage und positiven Zukunftsaussichten punkten. Sichere Ausbildungs- und Arbeitsplätze sind seit jeher ein Markenzeichen für das Handwerk und kennzeichnen den Wirtschaftsbereich einmal mehr als wichtigen Stabilitätsfaktor. Die Pandemie wird auch im kommenden Jahr eine Herausforderung für alle Berufe bleiben.

Das nordhessische Handwerk wird dieser Herausforderung mit einer Doppelstrategie begegnen. Einerseits soll versucht werden, die Präsenzveranstaltungen zur Berufsorientierung im kleineren Rahmen zu realisieren, zum anderen sollen neue Formate im Rahmen des Angebotes „Azubi-Match“ versucht werden. „Azubi-Match“ ist eine digitale Plattform, auf der sich Betriebe mit ihren Angeboten darstellen können. Gleichzeitig haben junge Leute die Gelegenheit, mit den Betriebsinhabern oder Ausbildern direkt über Webcam und/oder Chat Kontakt aufzunehmen. Die Plattform bietet auch die Möglichkeit, Themenschwerpunkte zu Berufsbildern zu präsentieren (Ökologisches Bauen, Klimaschutz, gesunde Nahrungsmittel etc.). Über dieses Instrument bietet sich für Handwerksbetriebe außerdem die Möglichkeit zu zeigen, dass sie digital gut unterwegs sind und keinesfalls altmodisch sein müssen.

„Azubi-Match“ ersetzt nicht die Präsenzveranstaltungen, aber es ergänzt und erweitert die bisherigen Möglichkeiten. Zudem bietet es die Chance, weitere Zielgruppen zu erreichen. So könnten sich auch Wege für Studienabbrecher oder für Interessenten des dualen Studiums ergeben.

Insgesamt wird sich 2021 der Trend voraussichtlich fortsetzen und die meisten Handwerksbetriebe zu den Gewinnern im Prozess gehören lassen. Dies sollte den Handwerksbetrieben weiter Auftrieb geben. Die zu erwartenden Veränderungen werden die Zahl der Kleinbetriebe weiter schrumpfen lassen und mittlere und größere Betriebe weiter beflügeln, so die Einschätzung von Scholz. Ungeachtet dessen bleibt ein Handwerksbetrieb immer ein Fachbetrieb. Ein Fachbetrieb ohne Fachleute kann nicht erfolgreich sein. Somit bleibt die Ausbildung von Fachkräften sowie die dazugehörige Berufsorientierung eine zentrale Aufgabe – nicht nur für Handwerksbetriebe.