27.11.2019 | Presseinfo Nr. 126

Die Vielfalt der Menschen wertschätzen

Agentur für Arbeit Lübeck verleiht Inklusionszertifikate. Woche der Menschen mit Behinderung wirbt für Inklusion am Arbeitsplatz.

Seit vier Jahren vergibt die Agentur für Arbeit ein Inklusionszertifikat. Damit möchte sie auf die Potenziale von Menschen mit einer Einschränkung aufmerksam machen und Unternehmen auszeichnen, für die Teilhabe am Arbeitsleben eine Selbstverständlichkeit ist. Gewürdigt werden die Pawlowski Garten- und Landschaftsbau GmbH aus Bosau (bei Eutin) und das Haus am Tremser Teich des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein e.V. aus Lübeck.

Vielfalt nutzen

„Unternehmen können heute nur zukunftsfähig sein, wenn sie die Vielfalt der Menschen nutzen. Bei der Personalauswahl sollten sie sich nicht von Defiziten abschrecken lassen und stattdessen die Stärken sehen. Richtig eingesetzt können Menschen mit einer Einschränkung ein Gewinn für das Unternehmen sein und dazu beitragen, den Fachkräftebedarf zu decken. Unsere Auszeichnung soll das bisherige Engagement ausdrücklich würdigen und Dank für die vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Wohle der betroffenen Menschen aussprechen. Lassen Sie sich von diesen guten Beispielen motivieren“, appelliert Steffi Koppitz, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Lübeck, an Unternehmen.

Pawlowski Garten- und Landschaftsbau GmbH

Die Pawlowski Garten- und Landschaftsbau GmbH arbeitet seit 20 Jahren mit dem Bugenhagen Berufsbildungswerk (BBW) in Timmendorfer Strand zusammen, das mit finanzieller Unterstützung der Arbeitsagenturen Jugendliche und junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten/-behinderungen, körperlichen und/ oder psychischen Beeinträchtigungen beruflich qualifiziert.

„Wir bieten jungen Menschen mit einer Einschränkung gerne eine Chance und haben auch schon mit anderen Bildungsträgern zusammengearbeitet. Im Praktikum haben sie die Möglichkeit, Erfahrungen im Arbeitsleben zu sammeln. Einige davon konnten wir im Lauf der Jahre übernehmen. Die Einarbeitung und Betreuung ist sicherlich mit Zeitaufwand verbunden, aber diese Zeit investieren wir gerne,“ erklärt Geschäftsführer Andreas Pawlowski.

Den Einstieg in das Unternehmen fand auch Oliver Schulz über das Praktikum. Der 23‑Jährige hat beim BBW eine Ausbildung als Werker im Gartenbau abgeschlossen und wurde zum 01. September 2019 eingestellt. „Herr Schulz ist handwerklich begabt, doch er benötigt Anleitung bei der Arbeit. Deshalb haben wir ihm einen Gesellen an die Seite gestellt. Damit klappt das gut. Wir profitieren als Betrieb aber auch von den guten Grundlagen, die im BBW gelegt werden. Er hat zum Beispiel dort den Anhängerführerschein gemacht, der für unsere Arbeit benötigt wird“, ergänzt Pawlowski, dessen Betrieb es seit 1984 in Bosau bei Eutin gibt und in dem zehn Mitarbeitende tätig sind.

Haus am Tremser Teich des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein e.V.

Gelebte Inklusion ist für das Haus am Tremser Teich des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein e.V. aus Lübeck alltäglich. Die in der Einrichtung lebenden Menschen beziehungsweise ihre Vertreter*innen entscheiden bei den Einstellungen mit. Sie haben oft selber Einschränkungen und achten eher darauf, welche Talente jemand mitbringt und nicht wo die Schwächen liegen. Deshalb verwundert es auch nicht, dass zum Beispiel autistische und sehbehinderte Menschen oder Mitarbeitende mit Tourette-Syndrom in der Vergangenheit eine Chance bekommen haben.

„Wir haben einen neutralen Blick auf die Bewerberinnen und Bewerber. Jeder kann etwas. Man muss nur gewillt sein, das zu entdecken. Manchmal ist dafür eine längere Einarbeitung und Begleitung erforderlich. Diesen hohen Mehraufwand unterstützen die Arbeitsagentur und das Jobcenter mit einem Zuschuss“, berichtet Einrichtungsleiterin Doris Gallinat.

Diese Unterstützung erhält auch Carla Höppner. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie sich mit 56 Jahren neu orientierten. Da sie gerne mit Menschen arbeitet, absolvierte sie eine Weiterbildung zur Betreuungskraft und Alltagsbegleiterin. Fehlende Berufspraxis, Alter und gesundheitliche Einschränkungen machten die Beschäftigungssuche nicht gerade einfach. Beim Haus am Tremser Teich konnte Carla Höppner mit ihrer Arbeitsmotivation punkten und wurde am 01. Juli 2019 eingestellt. „Die Arbeit macht mir Spaß. Ich lese den Bewohnerinnen und Bewohnern vor, mache Kopffitrunden oder Gymnastik mit ihnen. Es ist schön, mit ihnen Gespräche zu führen und auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können“, erzählt sie.

Die Vorstandsmitglieder sind selbst blind und sehbehindert und lassen sich somit nicht von Äußerlichkeiten leiten. Wichtig ist das gegenseitige Verständnis für die Individualität des Einzelnen. Wenn es Schwierigkeiten gibt oder jemand etwas nicht kann, werden pragmatische Lösungen gesucht. Die älteste Mitarbeiterin ist 84-Jahre, die sich etwas dazu verdienen muss.

In der Einrichtung sind 80 Mitarbeitende tätig, hierbei wird der gewünschte Anteil der Beschäftigten mit einem Grad der Behinderung weit überschritten. Sie versorgen hilfebedürftige Menschen aller Altersgruppen, aller Pflegestufen und aller Krankheitsbilder; insbesondere auch die Betreuung demenziell erkrankter Menschen sowie von Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit. Das Haus am Tremser Teich ist landesweit die einzige Einrichtung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein e.V., die die fachliche Betreuung für blinde und sehbehinderte Menschen anbietet.

Unterstützungsmöglichkeiten

„Inklusion ist eine Chance für alle Beteiligten. Wenn Menschen mit Einschränkungen auf dem passenden Arbeitsplatz eingesetzt werden, können sie ihre Talente und Kompetenzen ausspielen. Unternehmen auf Personalsuche sollten sich deshalb auf die vorhandenen Stärken und Fähigkeiten der Bewerbenden konzentrieren. Wo es nicht ohne spezielle Unterstützung geht, gibt es fachliche Hilfen und Fördermittel“, ergänzt Karsten Marzian, Leiter des Jobcenters Ostholstein.

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Am 03. Dezember 2019 ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung – ein von den Vereinten Nationen ausgerufener Aktionstag, der Zeichen für mehr Teilhabe setzen und die Situation von Menschen mit Einschränkungen ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken soll.

„Auch der gemeinsame Arbeitgeber-Service von Arbeitsagentur und Jobcenter wirbt in der Woche vom 02. bis 06. Dezember 2019 verstärkt für mehr Inklusion. Nutzen Sie dieses Potenzial und lassen auch Sie sich zu den Möglichkeiten beraten“, werben Koppitz und Marzian bei Unternehmen.

Hintergrundinformationen zum Arbeitsmarkt

Im Bezirk der Agentur für Arbeit Lübeck waren Ende Oktober 2019 723 Menschen mit einer Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet. Obwohl ihre Zahl in den letzten fünf Jahren zurückging, profitieren sie nicht so stark vom Rückgang wie alle Arbeitslosen. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist von 5,6 Prozent auf 5,7 Prozent gestiegen. Rund 64 Prozent dieser Arbeitslosen werden von den Jobcentern und 36 Prozent von der Arbeitsagentur betreut.

Kreis Ostholstein

Im Kreis Ostholstein waren davon Ende Oktober 2019 323 Menschen mit einer Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet. Ihre Zahl ist in den letzten fünf Jahren ähnlich wir bei allen Arbeitslosen zurückgegangen und ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist von 7,1 Prozent auf 7,0 Prozent gefallen. Rund 61 Prozent dieser Arbeitslosen werden vom Jobcenter Ostholstein und 39 Prozent von der Arbeitsagentur betreut.

Hansestadt Lübeck

In der Hansestadt Lübeck waren davon Ende Oktober 2019 400 Menschen mit einer Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet. Obwohl ihre Zahl in den letzten fünf Jahren zurückging, profitieren sie nicht so stark vom Rückgang wie alle Arbeitslosen. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist von 4,8 Prozent auf 5,0 Prozent gestiegen. Rund 67 Prozent dieser Arbeitslosen werden vom Jobcenter Lübeck und 33 Prozent von der Arbeitsagentur betreut.

Junge Menschen

Außerdem suchen rund 150 junge Menschen mit Einschränkung jedes Jahr mit Hilfe der Arbeitsagentur eine Ausbildungsstelle in Lübeck und Ostholstein.

Ausgaben

2018 hat die Agentur für Arbeit Lübeck 14 Millionen Euro für die Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung am Arbeitsleben ausgegeben, das waren rund 12 Prozent aller Ausgaben. Hinzu kommen rund eine Million Euro bei beiden Jobcentern.