09.11.2020 | Presseinfo Nr. 97

Ausbildungsjahr 2020: Leichte Blessuren, aber kein Jahrgang Corona

Das Ausbildungsjahr 2020 stand unter besonderen Zeichen. Die Corona-Pandemie wirkte sich auch auf den Ausbildungsmarkt aus. Sie änderte einiges und brachte Neues hervor. Zuletzt begann - wie auch für andere junge Menschen in den Jahren zuvor - mit der Ausbildung ein neuer Lebensabschnitt.

Unabhängig vom im Frühjahr einsetzenden Pandemiegeschehen meldeten sich bereits bis März weniger Bewerber bei der Berufsberatung. Als Grund führt Kerstin Kuechler-Kakoschke, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen, den fehlenden Abi-Jahrgang an allgemeinbildenden Gymnasien durch die Umstellung von G8 auf G9 an. „Gleichzeitig spiegelte sich diese Entwicklung auf der Stellenseite wider. Unternehmen, die vorrangig Abiturienten ausbilden, reduzierten in diesem Jahr ihre Ausbildungsplätze und gaben keine freien Stellen auf“, so die Ausbildungsmarktexpertin. Mit März, der Monat in dem der es auf dem Ausbildungsmarkt in Richtung Ziellinie „Ausbildungsvertrag“ geht, veränderte der Corona-Lockdown Wirtschaft und damit Arbeitsmarkt. Teilweise kompensiert wurde der fehlende Abi-Jahrgang durch die eingeschränkten Möglichkeiten auf Grund der Pandemie. „Statt Auslandsaufenthalt oder soziales Jahr interessierten sich die jungen Menschen für Ausbildungsmöglichkeiten in der Region“, berichtet Kuechler-Kakoschke. Bis 30. September, dem statistischen Ende des Berufsberatungsjahres, suchten 3.447 junge Frauen und Männer Rat in Sachen Ausbildung bei den Beratungsfachkräften in den Arbeitsagenturen Buchholz, Lüchow, Lüneburg, Uelzen und Winsen - ein Rückgang um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig nahm die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 8,5 Prozent auf 2.905 Stellen ab.

Das Resümee der Agenturchefin fällt dennoch positiv aus: „Der Ausbildungsmarkt hat leichte Blessuren davongetragen, bot aber dennoch vielfältigste Möglichkeiten für Jugendliche, ins Arbeitsleben zu starten. Von einem Jahrgang Corona oder einem Einbruch können wir nicht reden“, so Kuechler-Kakoschke. Für ein versöhnliches Fazit des vergangenen Ausbildungsjahres sorgten unter anderem neue virtuelle Angebote für Ausbildungssuchende und Unternehmen, die sich bewährten. „Beratungsformate haben sich vom Büro oder in der Schule ans Telefon oder in den Videochat verlagert. Damit konnten wir die Jugendlichen gut erreichen. Unsere Apps, Livechats auf Youtube und Online-Angebote haben wir nicht nur kurzfristig ausgebaut, sondern für junge Menschen und Unternehmen weiterentwickelt,“ hebt die Agenturchefin hervor.

Im Handwerk lagen die Zahlen in der Region Lüneburg Ende September mit 1.292 neuen Ausbildungsverträgen noch 15,7 Prozent unter der Vorjahreszahl. Mittlerweile ist die Zahl der Lehrverträge auf 1.595 gestiegen und befindet sich damit fast auf dem Niveau von 2019 (1.629). „Durch den Wegfall von Ausbildungsmessen und den Ausfall von Aktionen der Handwerkskammer an den Schulen hat sich das Zusammenfinden von Jugendlichen und Ausbildungsbetrieben zeitlich nach hinten verschoben“, erklärt Günter Neumann, Leiter Berufliche Bildung bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. „Jetzt greifen die digitalen Methoden der Nachwuchsgewinnung wie zum Beispiel Online-Speeddatings. Die Zahlen zeigen außerdem, dass der Ausbildungsmarkt unverändert in Bewegung ist. Das Ergebnis ist aber unter den extremen Umständen bereits jetzt bemerkenswert. Wichtig ist uns der Hinweis, dass bis Ende des Jahres ein Einstieg in die Ausbildung möglich ist, da alle Partner in der dualen Ausbildung darauf vorbereitet sind, auch Späteinsteiger gut zu integrieren. Wir ermuntern daher die Betriebe, weiterhin Jugendliche für das aktuelle Ausbildungsjahr zu gewinnen, um den Bedarf an handwerklichen Fachkräften zu decken.“

Ein weiteres Beispiel dafür sind die digitalen Azubi-Speeddatings, die die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) in Kooperation mit den regionalen Arbeitsagenturen und der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade im Juli organisiert hat. „Das Angebot hat den Nerv der Zeit getroffen, denn sowohl Unternehmen waren coronabedingt auf neue Formen der Azubisuche angewiesen und auch in Schulen konnten viele Angebote zur Berufsorientierung wegen des Lockdowns nicht umgesetzt werden“, sagt Sönke Feldhusen, Ausbildungsexperte und stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHKLW. Die schnelle Reaktion mit Online-Angeboten sind nach seiner Einschätzung aber nur ein Grund für die trotz Krise zufriedenstellende Lage auf dem Ausbildungsmarkt: „Junge Menschen auszubilden heißt, die Zukunft zu sichern und dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Das wissen die Unternehmen, und das spiegelt sich auch in den aktuellen Ausbildungsbemühungen wider“, sagt Feldhusen, „Insgesamt verzeichnet unsere IHK Lüneburg-Wolfsburg zum 28. Oktober 3.614 neue Ausbildungsverträge. Im Vergleich zum Vorjahr sind das zwar 10,6 Prozent weniger, doch das Minus fällt deutlich geringer aus, als vermutet, denn bei einer IHKLW-Umfrage im Sommer hatten Betriebe noch angegeben, in diesem Jahr rund 20 Prozent weniger Ausbildungsplätze anbieten zu wollen.“ Das verbleibende Minus entspreche in etwa den durch den reduzierten Abi-Jahrgang bereits erwarteten Rückgängen.

Für Stadt und Landkreis Lüneburg verzeichnet die IHKLW aktuell 557 neue Ausbildungsverträge, das sind 10,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Landkreis Harburg beträgt das Minus im Vorjahresvergleich nur 1,3 Prozent, insgesamt wurden in IHK-Berufen 527 Verträge neu abgeschlossen. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg zählt die IHKLW 122 neue Ausbildungsverträge, ein Minus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr und im Landkreis Uelzen sind es mit 260 Neu-Verträgen 17, 2 Prozent weniger. Feldhusens Fazit: „Die Betriebe erhalten ihr Engagement im Bereich Ausbildung, so gut es geht, aufrecht – trotz der in vielen Branchen unsicheren Lage. Coronabedingt hat sich die Bewerbungsphase um eineinhalb bis zwei Monate verzögert. Es gibt entsprechend immer noch freie Ausbildungsplätze. Der Ausbildungsbeginn ist auch verspätet noch möglich.“

Seit dem 1. Oktober arbeiten Arbeitsagenturen und Kammern gemeinsam daran, Jugendlichen, die noch auf der Suche nach der Ausbildung sind und Unternehmen, die noch freie Ausbildungsstellen anbieten, zusammenzubringen - die so genannte Nachvermittlung. Durch die Pandemie hat sich das Ausbildungsjahr um gut acht Wochen nach hinten verschoben und auch jetzt werden noch Ausbildungsverträge abgeschlossen.