Studienabbruch – was nun?

Fangen wir mit nackten Zahlen an: 2018/19 lag die Studienabbruchsquote in Deutschland bei 27 Prozent an Hochschulen und bei 32 Prozent an Universitäten. Und damit sind wir auch schon bei etwas ganz Persönlichem: Die Frage eines Studienabbruchs ist keine, die verschämt behandelt werden sollte. Vielmehr sollte man offen darüber sprechen, um Rat und Hilfe zu bekommen. Darüber wollen wir dieses Mal im Blog "Gut beraten ins Berufsleben starten" reden.

Die Gründe, ein Studium ohne Abschluss zu beenden, sind während der Corona-Pandemie mehr geworden. Früher waren es vor allem die Leistungsanforderungen, die eigene Lernmotivation und die gemachten Erfahrungen mit der Theorielastigkeit des Studiums. Das galt übrigens über alle Fächer hinweg. Für junge Menschen, die weiterhin zu Hause wohnten, konnte außerdem der Faktor Zeit einen weiteren Abbruchsgrund darstellen, da das Pendeln zur Uni oder Hochschule unterschätzt worden war, ein Umzug wegen des Geldaufwands jedoch nicht infrage kam.

In den letzten Monaten sind nun aber weitere Gründe hinzugekommen. Diese fangen bei Geldsorgen an, weil pandemiebedingt der Nebenjob weggebrochen ist. Das wiederum löst Zukunftsängste aus. Gründe, von denen wir als Berufsberater der Arbeitsagentur für Mönchengladbach und den Rhein-Kreis Neuss erzählt bekommen haben, waren aber auch Vereinsamung und technische Probleme mit dem Distanzlernen.

Ganz oft erleben wir, dass Studierende ein Schamgefühl entwickeln und sich selbst, damit auch ihren Eltern oder Freunden gegenüber, nicht eingestehen, dass das Studium nicht zu ihnen passt. In der Regel benötigen sie ein Semester, um diese Feststellung zu treffen und einen Plan B zu entwickeln. Offen darüber reden und Rat suchen – das ist mein heutiger Rat, denn: Wer Zweifel an seinem Studium hat, der muss kein Studienabbrecher werden. Und überhaupt klingt Studienabbrecher ziemlich negativ, dabei sind sehr viele Unternehmen sehr stark an Studienaussteigern interessiert.

Studienzweifler sollten sich im ersten Schritt frühzeitig an die Studienberater der Universitäten, der Hochschulen oder der Agentur für Arbeit wenden. Liegt das Problem, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, beispielsweise im digitalen Lernen und der fehlenden Vernetzung mit anderen Studierenden? Dann können die Beratungsstellen der Unis und Hochschulen bestimmt die gesuchten Kontakte vermitteln. Oder ist die Arbeitsorganisation ein Problem, dann gibt es Hilfestellungen oder Lerngruppen, die darüber vermittelt werden können. Jedenfalls ist es wichtig, sich jeden Rat und jede Hilfe zu holen, die möglich sind. Man sollte nicht in der als schwierig empfundenen Situation verharren, weil der Frust nur wächst und man dem Studienausstieg immer näherkommt. Deshalb rate ich zu folgenden drei Schritten, wie sie beispielsweise auch von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach beschrieben werden:

Erstens: Sich beispielsweise in Fragen der Lernorganisation beraten lassen und Studium fortsetzen.

Zweitens: Studienfach wechseln, sofern es daran liegt, und sich zuvor in Fragen der Studieninhalte neu beraten lassen. Oder: Studienort wechseln, wenn einem beispielsweise der aktuelle Campus zu groß oder zu anonym ist. Oder: Studienart wechseln. Wenn einem die bisherigen Fächer zu theoretisch sind, könnte möglicherweise ein duales Studium besser passen.

Drittens: Der Studienausstieg. Die Agentur für Arbeit berät in diesem Fall, wie ebenso die Kammern darüber informieren, welche Alternativen es gibt. Ausbildung, duales Studium oder zunächst eine Überbrückung in einem Freiwilligendienst? Chancen, sich neu zu orientieren, gibt es viele. Vielleicht aber ist zunächst vor allem die Erkenntnis wichtig, dass Arbeitgeber sehr gerne Studienaussteiger einstellen. Sie sehen in ihm nämlich keinen Studienabbrecher, sondern einen Menschen, der lebensälter und lebenserfahren ist – der schon gelernt hat, sich außerhalb des schulischen Rahmens durchzuboxen, der weiß, sich in einem neuen Umfeld zurechtzufinden, der Entscheidungen fällen kann, der gelernt hat, sich durch Formalia zu arbeiten, und nicht zuletzt, der mit seinen Studienerfahrungen weiß, was ihm eine Ausbildung bieten kann.

Von Kerstin Saß

(erschienen August 2021)