11.03.2021 | Presseinfo Nr. 16

Ein Jahr Corona-Krise

Vor einem Jahr verhängte die Regierung aufgrund der Corona-Pandemie den ersten Lockdown. Zwölf Monate später blickt die Chefin der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim, Martina Lehmann, auf ein Ausnahmejahr auch für die Arbeitsagentur zurück und wagt einen Blick in die Zukunft.
 

Bald ein Jahr seit dem ersten Lockdown. Wie war das vor einem Jahr für Sie und Ihre Beschäftigten in der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim?

Das war tatsächlich wie ein Erdbeben, das über uns hereingebrochen ist – in einer Stärke, wie wir uns das bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen konnten. Und es blieb auch kein Stein auf dem anderen. Wir mussten von jetzt auf nachher in den Krisenmodus schalten, Pandemieplan erstellen, Krisenstab bilden, der übrigens bis heute aktiv ist. In zahlreichen Tag- und Nachtaktionen haben wir dann zum Glück einige richtige Entscheidungen getroffen.

Was genau haben Sie entschieden?

Nach dem ersten Lockdown am 16. März 2020 mussten auch wir unsere Liegenschaften in Freudenstadt, Pforzheim, Mühlacker, Calw und Nagold für den Publikumsverkehr schließen, um das Infektionsrisiko für Kunden und Mitarbeiter auf ein Minimum zu reduzieren. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Menschen, die uns dringend brauchten, stark an. Wir mussten für die vielen besorgten und verunsicherten Betriebe und Menschen ja erreichbar sein. Deswegen haben wir sofort zusätzliche Hotlines eingerichtet, den Arbeitszeitrahmen auf 6 bis 22 Uhr erweitert und zusätzlich Homeoffice mit den dazu notwendigen Kapazitäten ausgebaut. Wir mussten maximal flexibel sein und in diesem Ausnahmemodus arbeiten wir bis heute, auch samstags.

Was heißt das eigentlich für die Arbeitsbelastung Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Sie ist ungebrochen hoch und leider zeichnet sich keine Normalisierung ab. Bereits ab Mai 2019 hatten wir konjunkturell und strukturell bedingt einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, insbesondere im Enzkreis und im Stadtkreis Pforzheim, zu beklagen. Nach vielen Jahren der Hochkonjunktur, die wir erfreulicherweise erfolgreich für eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit und insbesondere auch Langzeitarbeitslosigkeit nutzen konnten, war das sehr schmerzhaft. Aber auf diese Schwankungen waren wir vorbereitet. Was allerdings dann geschah, lässt sich kaum in Worte fassen. An einem einzigen Tag gingen bei uns im Agenturbezirk Nagold-Pforzheim, sprich im Nordschwarzwald, mehr Kurzarbeitsanzeigen ein als im gesamten Jahr 2019 zusammen - und zwar im gesamten Bundesgebiet! Auch die Zahl der arbeitslosen Menschen ist ab diesem Zeitpunkt teilweise von einem Monat auf den anderen um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Wie haben Sie es geschafft, dass existenziell wichtige Geldleistungen wie Kurzarbeitergeld oder Arbeitslosengeld trotzdem pünktlich ausgezahlt werden konnten?

Wir haben schnelle Entscheidungen getroffen, die wir je nach Entwicklung der Beratungsbedarfe und der Antragseingänge, oft sogar täglich, der aktuellen Lage angepasst haben. In solchen Krisenzeiten helfen Standardprozesse nicht weiter. Wichtiger ist der Mut, neue Wege zu beschreiten und die richtigen Mitarbeitenden an der Seite zu wissen. Wenn Sie mich fragen, was die Erfolgsfaktoren waren und sind, dann gibt es eine klare Antwort: Extrem verantwortungsbewusste und flexible Kolleginnen und Kollegen, die häufig in der Mehrfachbelastung durch Homeschooling, Betreuungspflichten und Übernahme von für sie komplett neuen Aufgaben Außergewöhnliches leisten. Innerhalb weniger Wochen haben wir Vermittlungs- und Beratungsfachkräfte online auf Kurzarbeit geschult. So konnten wir das Personal intern und schnell im Bereich Kurzarbeitergeld verzwölffachen.
Um es zu verkürzen: Was meine Mitarbeitenden nun schon seit fast einem Jahr mit höchster Flexibilität gestemmt bekommen, stimmt mich mehr als dankbar und ehrlich gesagt auch ein wenig stolz.
Der zweite Erfolgsfaktor war und ist unser vergleichsweise hohes Niveau in der Digitalisierung. Wir haben als erste Verwaltung in Europa bereits vor acht Jahren auf elektronische Akten umgestellt. Unsere vielen Online-Angebote haben wir im Zuge der Corona-Pandemie nochmal deutlich ausgebaut. Beispiele sind U:DO, der digitale Assistent zur Beantragung von Kurzarbeitergeld oder unsere sogenannten Chatbots, die Antworten auf einfache Anfragen liefern.

Kann man die Pandemie mit der Wirtschaftskrise 2008/2009 vergleichen?

Das ist nicht annähernd vergleichbar. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich auf einzelne Branchen konzentriert, insbesondere den Industrie- und Finanzsektor. Die Corona-Pandemie tangiert nahezu alle Branchen und hier zu ca. 80 Prozent kleine Unternehmen. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 waren in unserer Region fünf Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen. Auf dem bisherigen Höhepunkt der Corona-Krise waren es fast 25 Prozent.

Wie ordnen Sie die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt im Nordschwarzwald ein?

Die Lage am Arbeitsmarkt ist dank Kurzarbeit und einer sich gerade wieder belebenden Arbeitskräftenachfrage stabil. Das darf aber nicht über den Ernst der Lage hinwegtäuschen: Kurzarbeit wirkt ein bisschen wie ein Stoßdämpfer am Auto. Ohne sie hätten wir am Arbeitsmarkt zwar ein Vielfaches an Opfern der Corona-Pandemie zu beklagen, sprich deutlich mehr Betriebsaufgaben und deutlich mehr arbeitslose Menschen. Und trotzdem sind nun 4000 mehr Menschen arbeitslos als vor der Krise und besonders bitter, die Langzeitarbeitslosigkeit steigt deutlich an – das macht mir große Sorgen.

Welche Branchen werden sich am ehesten von der Corona-Krise erholen?

Das hängt in hohem Maße von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens ab. Umso schneller unsere Urlaubshotels und das Gastgewerbe wieder öffnen dürfen, umso größer ist die Chance, dass wir von dem großen Nachholbedarf in der Bevölkerung in Sachen Urlaub und Genuss profitieren. Der Nordschwarzwald war ja schon im letzten Sommer als Urlaubsziel sehr beliebt. Auch bei den Friseuren sind die Termine aktuell ausgebucht. Im stationären Einzelhandel wird es darauf ankommen, wie die Kundschaft das Terminshopping annehmen wird und inwieweit sich die Einkaufsgewohnheiten wieder zurück vom Onlineshopping hin zum Shoppingerlebnis vor Ort entwickeln. Im Bereich der Industrie geht es überwiegend bereits wieder aufwärts. Hier werden die Auswirkungen des Strukturwandels, die konjunkturelle Entwicklung und der Transformationsprozess in der Automobilwirtschaft zu Veränderungen führen. Spannend wird auch sein, inwieweit das Handwerk, allen voran das Bau- und Baunebengewerbe, seine stabilisierende Funktion weiter einnehmen kann.

Wirkt sich die Corona-Krise auch auf den Ausbildungsmarkt aus?

Durch Corona stellt sich für viele Ausbildungsbetriebe die Frage, ob sie weiterhin ausbilden und das auch im bisherigen Umfang. Wir werben eindringlich dafür, dass sie an ihren Ausbildungsplätzen festhalten. Bislang nehme ich wahr, dass unsere überwiegend familiengeführten Unternehmen versuchen, ihr Ausbildungsplatzangebot in maximal möglichem Umfang aufrechtzuerhalten. Dafür bin ich dankbar und halte es angesichts künftiger Fachkräftebedarfe auch für eine kluge unternehmerische Entscheidung. Problematisch ist eher, dass viele junge Menschen angesichts der coronabedingten, teilweise sehr belastenden Veränderungen wie Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Homeschooling usw. das Thema Berufswahl und Ausbildungssuche noch nicht auf dem Schirm haben. Gemeinsam mit den Jobcentern tun wir alles in unserer Macht Stehende, damit uns kein Jugendlicher verloren geht. Auch die Durchführung von Betriebspraktika ist derzeit übrigens deutlich erschwert, obwohl dies sowohl für die Betriebe als auch für die Jugendlichen ein wichtiges Element im Berufswahlprozess darstellt.

Wie geht es Ihnen heute persönlich und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich bin ganz einfach dankbar dafür, mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen wichtigen Beitrag dazu leisten zu können, dass viele Menschen und auch Unternehmen in unserer lebenswerten Region Nordschwarzwald möglichst gut durch diese extrem schwierige Zeit kommen. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich unser Einsatz lohnt und wir alle zusammen das Gelernte nicht vergessen.