05.11.2020 | Presseinfo Nr. 43

Gemeinsame Zwischenbilanz zum Ausbildungsjahr 2020 - Ausbildung in Zeiten der Pandemie!

Üblicherweise ziehen die Ausbildungsmarktpartner der Arbeitsagentur, des Jobcenter Mülheim, der IHK zu Essen, der Kreishandwerkerschaft Oberhausen-Mülheim, des Unternehmerverbandes sowie des Gewerkschaftsbundes zu diesem Zeitpunkt im Jahr eine finale Bilanz zum Ausbildungsmarkt – dies ist im Corona Jahr 2020 anders. Mit der heutigen Zwischenbilanz fällt der Startschuss für eine ganz besondere Nachvermittlung und damit für das 5. Quartal des Berufsberatungsjahres.

Das Jahr 2020 wird bestimmt von der weltweiten Covid-19-Pandemie. So verwundert es nicht, dass auch der Ausbildungsmarkt von deren Auswirkungen betroffen ist.

Ab Mitte März waren Schulen geschlossen, Abschlussprüfungen wurden zeitlich geschoben, es konnten keine persönlichen Beratungsgespräche, keine Ausbildungsmessen und auch keine Auswahlverfahren in üblichem Rahmen stattfinden – kurzum, es war für Jugendliche und Unternehmen schwer zusammen zu finden. Mit der Entstehung neuer digitaler Formate und vermehrter Online-Kommunikation kam der Ausbildungsmarkt mit einer Verzögerung von etwa zwei Monaten in Gang. Somit wird 2020 eine deutlich größere Anzahl Jugendlicher zu einem späteren Zeitpunkt als sonst üblich eine duale Ausbildung beginnen.

Dank der schnellen Reaktion und engen Abstimmung aller Konsenspartner ist ein Einstieg noch bis Ende Januar 2021 möglich. Die entsprechenden Rahmenbedingungen wurden dafür geschaffen. So können Ausbildungsverträge noch bis Ende Januar 2021 abgeschlossen werden. Dahingehend haben die Berufskollegs Abläufe und Lerninhalte angepasst, um diese auch Jugendlichen mit einem späteren Einstieg adäquat zu vermitteln. Unterschiedliche Lernstände der Schüler/innen, durch zeitlich versetzte Ausbildungsaufnahme, sollen durch erweiterte Möglichkeiten des Stützunterrichtes aufgefangen werden.

„Die Zahlen, die wir heute präsentieren, sind mit den letzten Jahren nicht vergleichbar. Dennoch möchten wir mit unseren Ausbildungsmarktpartnern eine Zwischenbilanz ziehen und betonen, dass sich im 5. Quartal des Berufsberatungsjahres noch ganz viel ergeben kann“. betont Christiane Artz, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Oberhausen/Mülheim an der Ruhr. „Uns ist es wichtig, dass es keinen Corona-Jahrgang gibt. Deshalb haben wir uns von Anfang an auf die neue Situation eingestellt und immer wieder betont: in diesem Jahr ist alles anders! Es ist noch nicht zu spät eine Ausbildungsstelle zu finden. Unsere Berufsberater/innen beraten Jugendliche dahingehend ganz intensiv und auch der Arbeitgeber-Service informiert Unternehmen und unterstützt sie bei der Suche nach passenden Azubis. Zudem ist trotz Corona das Thema Fachkräftebedarf nicht vom Tisch. Der demographische Wandel schreitet voran und bringt einen Rückgang des Erwerbspersonenpotentials mit sich. Damit entwickelt sich der Markt immer mehr zu einem Bewerbermarkt – Unternehmen, die jetzt nicht ausbilden, haben später das Nachsehen.“

Bis Ende September hatten sich 1.033 Jugendliche und junge Erwachsene bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Mülheim gemeldet, um bei der Suche nach dem passenden Ausbildungsplatz unterstützt zu werden. Das waren 218 Jugendliche weniger als im letzten Jahr. Ende September galten von diesen Bewerbern noch 97 als unversorgt, 32 mehr als im September 2019.

Der Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Mülheim konnte in diesem Ausbildungsjahr insgesamt 1.101 betriebliche Ausbildungsstellen einwerben, 147 weniger als im letzten Jahr. Ergänzt wurden diese von vier außerbetrieblichen Plätzen, so dass sich ein Gesamtangebot von 1.105 Ausbildungsstellen ergibt. Von diesen waren Ende September noch 67 unbesetzt (69 weniger als im September 2019).  

„Im Ausbildungsjahr 2020 haben wir im Vergleich zum Vorjahr leider einen Rückgang von 30 Bewerberinnen und Bewerbern zu verzeichnen und damit die geringste Zahl an Bewerbern seit dem Ausbildungsjahr 2016. Mehr als in den letzten Jahren haben sich junge Menschen und ihre Eltern mit einem mittleren Bildungsabschluss für den Besuch einer weiterführenden Schule entschieden. Obwohl der Kontakt des U25-Hauses zu den Ausbildungssuchenden auch in der Zeit des Lockdowns nie ganz abgerissen war, hat sich ab Mitte Mai mit der Wiederaufnahme der persönlichen Kontakte gezeigt, wie wichtig das direkte Gespräch in der Phase der persönlichen und beruflichen Orientierung junger Menschen ist. Hier wurden unter anderem Gespräche im Freien (Walk&Talk) von den jungen Menschen gut angenommen. Gut, dass Ausbildungsaufnahmen noch bis Januar 2021 möglich sind. Daher werden wir weiter unsere Aktivitäten darauf fokussieren, potentielle Bewerberinnen und Bewerber für die Ausbildung zu sensibilisieren.“ betont Thomas Konietzka, Leiter des Jobcenters Mülheim an der Ruhr.

"Die Wirtschaft steht zur betrieblichen Ausbildung – trotz widriger Rahmenbedingungen. Rechnerisch stand jedem ausbildungsinteressierte mehr als ein Ausbildungsplatz zur Verfügung. Ganz erheblich zurückgehende Bewerberzahlen führen leider dazu, dass die ohnehin bestehenden Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze zu besetzen, sich noch vergrößert haben. Dies führt zu erheblichen Rückgängen an eingetragenen Ausbildungsverträgen um 19,6 Prozent zum 30.09.2020. Betroffen ist insbesondere der Handel und das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie der Metallbereich. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass der Trend hin zu akademischen Bildungsangeboten leider ungebrochen ist. Wir brauchen wieder mehr gesellschaftliche Anerkennung für die betriebliche Ausbildung“, erläutert Franz Roggemann Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK zu Essen.

Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Mülheim an der Ruhr - Oberhausen, Barbara Yeboah zieht wie folgt Bilanz „Das Ausbildungsjahr gestaltet sich auch im Handwerk schwierig. Betriebe und Auszubildende hatten es nicht leicht zusammenzufinden. In Mülheim wurden im Jahr 2020 zum Stichtag (31.10.) 199 neue Verträge eingetragen. Dies stellt einen Rückgang von ca. 11,5 % dar. Anders als in den Vorjahren erreichen uns aber zu diesem späten Zeitpunkt immer noch viele weitere Verträge.  Im Sommer war der Rückgang teilweise noch höher. Damit erfüllt sich unsere Hoffnung, dass sich das Ausbildungsjahr noch weiter nach hinten verschiebt und wir noch aufholen können. Insgesamt ist der Fachkräftebedarf in den Betrieben nach wie vor hoch, das Interesse an Ausbildung ungebrochen.“

„Unsere große Sorge als DGB ist in diesem Jahr, dass in der Bilanz am Ende des Ausbildungsjahres ein großer Teil von jungen Menschen, nicht mit einem betrieblichen Ausbildungsplatz versorgt wurde“, so Dieter Hillebrand, Regionsgeschäftsführer des DGB. „Es muss alles daran gesetzt werden, dass wir nicht eine Generation der Ausbildungsverlierer bekommen. Ich appelliere daher eindringlich an die Beteiligten im Rahmen der Berufsausbildung. An die Unternehmen, weiterhin für genügend betriebliche Ausbildungsplätze zu sorgen und alles daran setzen diese zu besetzen und an die jungen Menschen, nicht nachzulassen in ihren Bemühungen einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sie sollten dazu auch alle digitalen Möglichkeiten die angeboten werden nutzen und offensiv auf die Betriebe zugehen.“

„Wir haben aufgrund des Corona-Virus und vor allem dessen Gegenmaßnahmen gravierende Einbrüche in der Wirtschaft. Der weltweite Lockdown im Frühjahr hat viele Industrieunternehmen stark betroffen, aber auch andere Bereiche. Zudem kommen die umweltpolitischen Vorgaben zum beschleunigten Strukturwandel bis hin zu exorbitanten Energiekosten, die gerade auch in Mülheim Spuren hinterlassen. Dafür, dass relativ viele Unternehmen um ihr Überleben kämpfen müssen, ist Gott sei Dank der Rückgang an Ausbildungsplätzen mit knapp 12 % noch relativ gering. Das zeigt das enorme Engagement der Unternehmen für den Nachwuchs, zumal der Aufwand in Corona-Zeiten, Auszubildende zu finden, noch gestiegen ist. Die Zahl der Bewerber ist mit über 17 % noch weit mehr eingebrochen. Junge Menschen, die noch einen Ausbildungsplatz suchen, haben also trotz Corona-Virus gute Chancen, die sie unbedingt ergreifen sollten“, erklärt Elisabeth Schulte, Geschäftsführung des Unternehmerverbandes Ruhr-Niederrhein.

Jugendliche, die Kontakt zur Berufsberatung oder eine Berufsausbildungsstelle suchen, können sich unter der kostenfreien Telefonnummer 0208 8506 112 an die Agentur für Arbeit wenden und einen Beratungstermin vereinbaren. Weitergehende Informationen gibt es auch auf der Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/oberhausen/content/1533717484238

Unternehmen, die Unterstützung bei der Suche nach Auszubildenden wünschen, erreichen den Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur Mülheim unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 4 5555 20.          

Zudem finden interessierte Jugendliche wichtige Informationen zum Thema Ausbildung sowie aktuelle Ausbildungsstellenangebote von Unternehmen auf der Internetseite https://walls.io/MuelheimBildetAus