03.04.2019 | Presseinfo Nr. 23

Psychisch Erkrankte im Arbeitsmarkt

Sie haben als Pädagogin, Qualitätskontrolleur, Krankenschwester gearbeitet, sie haben als Helfer, Geselle oder Meister ihren Mann gestanden. Wegen einer psychischen Erkrankung mussten sie aus dem Berufsleben aussteigen.

Wegen einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben waren im Jahr 2017 rund sieben Prozent der Frauen und Männer in Deutschland, so eine Erhebung des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK). Die Erkrankungen können zu einer längeren Pause vom Arbeitsleben bis zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Genesung ist für die meisten die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.

„Für Unternehmen sind Menschen, die eine psychische Erkrankung bewältigt haben, ein Gewinn“, sagt Dr. Thorsten Müller, Leiter der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven. „Ihnen ist gemeinsam, dass sie mit viel Motivation an ihre Tätigkeit herangehen. Wer Fachkräfte sucht, ist gut beraten, auch Menschen mit psychischer Erkrankung oder Beeinträchtigung eine Chance zu geben. In längeren Praktika können sie sich ein eigenes Bild von den Personen, ihrem Können und Leistungsvermögen machen.“

Einige ehemals psychisch Erkrankte arbeiten wieder in ihrem ursprünglichen Berufsfeld. Viele orientieren sich neu, weil sie die bisherige Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven werden sie von verschiedenen Bildungsträgern unterstützt, deren Angebot von Arbeitsagentur, Jobcentern und Rentenversicherungsträgern finanziert wird. Einer von ihnen ist das Berufsförderungswerk Friedehorst gGmbH (BFW).

„Das sind Menschen, die sehr viel anzubieten haben“, sagt Birgit Hermes. Sie arbeitet seit 17 Jahren beim BFW am Standort Oldenburg in der Arbeitsplatzvermittlung. „Wir finden mit ihnen gemeinsam heraus, wofür ihr Herz schlägt und suchen dann einen passenden Arbeitgeber für ein Praktikum.“ Es ist möglich, bis zu drei Monate im selben Betrieb als Praktikant zu arbeiten. „In diesem Zeitraum arbeiten die meisten schon richtig produktiv mit, das ist durchaus attraktiv für Unternehmen“, so Hermes. In diesem Zeitraum könnten beide Seiten feststellen, ob es gut miteinander passt, fachlich wie menschlich.

„Für unsere Kunden geht es darum, dass sie sich weder unter- noch überfordern“, erläutert Hermes. „Wir erleben, dass die Motivation manchmal so groß ist, dass wir Einzelne auch bremsen müssen.“ Deshalb empfiehlt sie Arbeitgebern, dass die Praktikanten im Unternehmen von Anfang an einen festen Ansprechpartner bekommen. Der Bildungsträger hält Kontakt mit beiden und besucht den Praktikanten auch am Arbeitsplatz. Birgit Hermes bespricht mit ihren Klienten die Erfahrungen im Praktikum. Bei einer Autistin ging es etwa darum, wie sie ihren Kolleginnen und Kollegen den Grund für ihr Verhalten erklären konnte, das von einigen als distanziert oder unfreundlich bewertet wurde.

Gelegentlich melden sich Arbeitgeber, die Personal suchen und Praktikumsplätze anbieten. Mit einigen Unternehmen und Institutionen arbeitet das BFW seit längerem zusammen, sie sind bereit, regelmäßig Praktikanten aufzunehmen. Dazu gehört piccoplant. Der Oldenburger Spezialist für Pflanzenvermehrung beschäftigt auch Frauen und Männer, die das Unternehmen über ein solches Praktikum kennen gelernt hat.

„Im gewerblichen Bereich ist es einfacher, Praktikumsplätze zu finden, der Personalbedarf ist groß. In kaufmännischen Berufen ist das noch nicht der Fall, dabei haben wir hier einen großen Bedarf für unsere Kunden“, bedauert Hermes.

Bei Menschen, die wieder so stabil sind, dass die Rückkehr ins Erwerbsleben erprobt wird, gibt es viele Erfolgsgeschichten. Darunter ein junger Mann, der an einer Angststörung litt, über Praktika zunächst als angelernte Kraft arbeitete und schließlich mit Erfolg eine Ausbildung im selben Betrieb absolvierte.

Die Vermittlungsquote in Arbeit, Ausbildung bzw. Umschulung lag 2017/18 bei mehr als 50 Prozent. Rund 20 Prozent nahmen eine Arbeit auf, 43 Prozent begannen eine Ausbildung oder, wenn sie bereits berufserfahren waren, eine Umschulung. Einige Teilnehmende verließen die Maßnahme vorzeitig, um weiter an ihrer Gesundheit zu arbeiten.

 

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