03.12.2019 | Presseinfo Nr. 89

Inklusion im Arbeitsleben

Menschen mit und ohne Handicap arbeiten seit dem 1. Oktober in der neuen Jugendherberge Oldenburg gemeinsam daran, dass sich die Gäste wohlfühlen. Die Hälfte der über 40 Beschäftigten hat eine Einschränkung, die Jugendherberge ist Inklusionsbetrieb. Das heißt: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen Arbeitsplatz am so genannten „ersten Arbeitsmarkt". Unter den Beschäftigten sind Menschen mit psychischer, geistiger und körperlicher Einschränkung, darunter Personen mit schwerer Depression, Autismus, Gehörlosigkeit und überstandener Krebs-Erkrankung, sie wurden durch Arbeitsagentur und Jobcenter an die Jugendherberge vermittelt.

„Wir wollen Arbeitgeber für das Potenzial von Frauen und Männern mit Handicap sensibilisieren", sagt Dr. Thorsten Müller, Leiter der Agentur für Arbeit Oldenburg- Wilhelmshaven. „Die Jugendherberge leistet hier viel und sie zeigt, welchen Beitrag Menschen im Arbeitsleben zu leisten vermögen. Genau wie in jedem Betrieb kommt es auch hier darauf an, jede und jeden nach seinen Talenten und Stärken am richtigen Platz einzusetzen. Wenn Menschen merken, dass sie etwas schaffen können, setzt das Kräfte frei."

„Nach den Vorstellungsgesprächen hatten wir einen ersten guten Eindruck, wer welche Aufgaben übernehmen kann", sagt Hausleiter Markus Acquistapace. Die Jugendherberge hat auch Café- und Restaurantbetrieb. Es gibt Arbeitsplätze von „Housekeeping" (Zimmer-Reinigung) über die Rezeption bis zur Küche und zum Service, außerdem gibt es eine kleine Verwaltung. Es gibt Arbeitsbereiche mit und ohne Kundenkontakt, mit mehr und mit weniger Zeitdruck.

„Vielfach gibt es bei der Arbeit kaum Unterschiede zwischen den Beschäftigten mit und ohne Beeinträchtigung. Je nach Einschränkung muss man eventuell einige Arbeitsschritte anders organisieren", so der Hausleiter. „Außerdem kann es Unterschiede bei der Arbeitsgeschwindigkeit geben. Über die Förderung durch das Integrationsamt haben wir jedoch die finanziellen Mittel, um mehr Mitarbeiter zu beschäftigen."

Menschen mit Handicap haben vielfach keine durchgehende Berufsbiografie. Viele haben Zeiten längerer Arbeitslosigkeit durchlebt. Das kann beim Start in einer neuen Stelle zu Unsicherheit führen. Acquistapace führt aus: „In den ersten Wochen zeigte sich, dass sich eine Kollegin in ihrem Arbeitsbereich unter Druck fühlte. Sie konnte dann in einen anderen Bereich wechseln. Darüber war sie sehr glücklich. In ihrem neuen Einsatzgebiet schafft sie die Arbeit gut und ist sehr zufrieden. Wenn sie sich sicher fühlt, könnte sie den ursprünglichen Arbeitsbereich erneut ausprobieren. Wir wollen unseren Beschäftigten die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln und ihre Grenzen zu erweitern."

Teambildung und –bindung spielt in der Jugendherberge Oldenburg eine große Rolle. Dafür nutzt sie auch die Kompetenz von Hilke Gramberg, die als Pädagogische Mitarbeiterin mehrere Jugendherbergen im Landesverband Unterweser-Ems betreut. Eine gesonderte Betreuung für gehandicapte Beschäftigte gibt es nicht. „Wir schauen auf jeden einzelnen. Jeder, ob mit oder ohne Handicap, bekommt bei Bedarf Unterstützung", sagt Acquistapace. „Wir haben in der Eröffnungsphase der Jugendherberge oft Feedback gegeben, das wollen wir auch so weiterführen. Mit jedem Beschäftigten werden wir ein Monatsgespräch führen und spiegeln: Wie stehst du da? Wenn wir permanent miteinander im Gespräch sind, sprechen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kritische Themen offen und konstruktiv an."

Projektleiter Marcus Heisterkamp hatte, damals noch als Regionalleiter, ab 2012 die beiden Jugendherbergen in Leer und Aurich zu Inklusionsbetrieben aufgebaut. Er weiß: „Die Kolleginnen und Kollegen mit Handicap haben ein großes Bedürfnis, ganz einfach Teil des Teams, Teil des Betriebs zu sein. Sie wollen keinen Blick auf ihr Handicap, sondern Normalität im Beruf leben."

Zum Hintergrund:

Die Oldenburger Jugendherberge DJH Gemeinsam leben gGmbH ist die dritte inklusive Jugendherberge im Landesverband Unterweser-Ems nach den Häusern in Leer und Aurich. Bundesweit gibt es aktuell nur eine weitere inklusive Herberge in Bayreuth.

Inklusiver Betrieb bedeutet: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ob mit oder ohne Handicap, arbeiten zu Bedingungen des ersten Arbeitsmarktes. Sie bekommen bei gleicher Tätigkeit das gleiche Gehalt. Jede und jeder leistet 100 Prozent seiner persönlichen Möglichkeiten.

Das Integrationsamt erstattet dem Arbeitgeber für Beschäftigte mit Handicap einen Teil des Gehaltes. Je nach Anzahl der schwerbehinderten Beschäftigten und nach ihrem Stundenvolumen (in diesem Fall: „Minderleistung") erhält der Arbeitgeber darüber hinaus einen Zuschuss, um damit zusätzliche Mitarbeiter zu bezahlen. Dadurch ist der Personalschlüssel höher als in anderen Jugendherbergen. Für die Jugendherberge gibt es außerdem einen befristeten Zuschuss zu den Personalkosten von der Aktion Mensch.

In der Arbeitslosenstatistik werden für den Monat November 1.571 Frauen und Männer mit einer Schwerbehinderung geführt. Ihre Zahl liegt um 67 oder 4,5 Prozent höher als im Vorjahr.

Der gemeinsame Arbeitgeber-Service von Arbeitsagentur und Jobcenter hat Spezialisten, die Stellen für Menschen mit Beeinträchtigungen einwerben. Sie sprechen gezielt Unternehmen an, die passende Arbeitsplätze für Jugendliche oder Erwachsene mit Beeinträchtigung anbieten könnten. Die Arbeitgeber können sich in Hinblick auf die Förderung, die erforderlichen Hilfsmittel und die Anträge beraten lassen. Die kostenlose Rufnummer für Arbeitgeber lautet: 0800 4 5555 20.

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PresseMarketing der Arbeitsagentur Oldenburg-Wilhelmshaven