05.11.2021 | Presseinfo Nr. 77

Das Berichtsjahr 2020/2021 am Ausbildungsmarkt im Kreis Paderborn

Rückläufige Bewerberzahlen, steigende Stellenzahlen im Kreis Paderborn
Weniger unversorgte Bewerber als unbesetzte Ausbildungsstellen   
 

Rückläufige Bewerberzahlen, steigende Stellenzahlen im Kreis Paderborn
Weniger unversorgte Bewerber als unbesetzte Ausbildungsstellen   
 

  • 135 Jugendliche noch nicht versorgt 
  • 180 Ausbildungsstellen nicht besetzt
  • Bewerberrückgang größte Herausforderung am Markt

Heinz Thiele, Leiter der Paderborner Arbeitsagentur, zieht Bilanz zum Berichtsjahr am Ausbildungsmarkt. Mit Blick auf die finalen Zahlen stellt er fest: „Im zweiten Pandemiejahr sehen wir eine starke Differenz bei der Entwicklung der Bewerber- und Stellenmeldungen. Während wir wieder mehr Ausbildungsstellen verzeichnen konnten, sind die Bewerberzahlen leider weiterhin rückläufig.“

Eine Begründung für den Rückgang bei den Bewerbern sieht der Experte vor allem in den durch die Corona-Pandemie erschwerten Bedingungen: „Zum einen war die öffentliche Botschaft oft, dass die wirtschaftliche Lage schwierig ist. Meldungen über eine sinkende Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen kamen hinzu. Das hat die Jugendlichen verunsichert, wenn es darum ging, sich für eine Ausbildung zu entscheiden.“ Er fügt hinzu: „Negativ ausgewirkt hat sich auch, dass die Schulen im vergangenen Schuljahr über lange Zeiträume aus Gründen des Gesundheitsschutzes geschlossen waren. Das hatte für unsere Kollegen und Kolleginnen aus der Berufsberatung zur Konsequenz, dass eine persönliche Beratung vor Ort nicht möglich war. Natürlich ist trotzdem viel mit Telefon- und Videoberatung erreicht worden um möglichst die gleichen Dienstleistungen zu erbringen. Die einfache und schnelle Erreichbarkeit an den Schulen ist jedoch durch nichts zu ersetzen und aus gutem Grund ein zentraler Bestandteil des Konzepts der Berufsberatung. Wir erreichen die Jugendlichen am besten dort, wo sie sich aufhalten – an den Schulen. Das hat im letzten Jahr einfach oft gefehlt.“

Auf der anderen Seite ist der Experte sehr erfreut über die Entwicklung auf der Stellenseite: „Dass die Stellenzahl sich im Vorjahresvergleich wieder erholt hat ist eine sehr erfreuliche Nachricht. Es zeigt: Die Unternehmen erkennen immer deutlicher, dass Ausbildung der Schlüssel zur Bewältigung der nächsten Krise am Arbeitsmarkt ist – dem Fachkräftemangel. Deshalb haben sich die meisten Betriebe nach den Unsicherheiten des letzten Jahres nun wieder zum Ziel gesetzt, verstärkt auszubilden. Das ist eine Entwicklung und Einstellung, die wir begrüßen und bei der es unbedingt bleiben muss – auch wenn es nicht immer einfach ist, sofort den passenden Auszubildenden zu finden.“

Gesamtangebot / Gesamtnachfrage im Laufe des Berichtsjahres:

2.044 gemeldete Ausbildungsstellen / 1.842 gemeldete Bewerber 

Im Berichtsjahr wurden der Arbeitsagentur in Paderborn 2.044 Ausbildungsstellen zur Besetzung gemeldet, 106 (plus 5,5 Prozent) mehr als im Vorjahr.

Auf der Bewerberseite haben sich im Laufe des Berichtsjahres 1.842 Jugendliche über die Berufsberatung der Agentur für Arbeit um einen Ausbildungsplatz bemüht, das waren 108 junge Menschen (minus 5,5 Prozent) weniger als im Vorjahr.

Von den Ausbildungsstellen waren Ende September noch 180 unbesetzt, 135 Jugendliche waren noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Daraus ergab sich eine rechnerische Relation von 133 unbesetzten Stellen auf 100 unversorgte Bewerber.

Bilanz der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld

„Wir beobachten eine beginnende Erholung des Ausbildungsmarktes“, berichtet Jürgen Behlke, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld und Leiter der Zweigstelle Paderborn + Höxter, mit Blick auf die in 2021 neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse bei den IHK-Mitgliedsunternehmen. Das Vor-Corona-Niveau sei zwar noch nicht wieder erreicht, aber immerhin habe sich im Kreis Paderborn im Vorjahresvergleich das Minus von insgesamt 17 Prozent in ein Plus von 3,7 Prozent Anfang Oktober gewandelt. In absoluten Zahlen erhöhte sich die Zahl der neuen Ausbildungsverträge um 42 auf jetzt 1.177. Die prozentuale Entwicklung sei zwischen den kaufmännischen und gewerblich-technischen Ausbildungsberufen jedoch sehr unterschiedlich: mit minus 0,1 Prozent (Vorjahr: minus 14,5 Prozent) liege die Anzahl der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse im kaufmännischen Bereich noch ungefähr auf dem Vorjahresniveau, während mit zusätzlichen 43 Verträgen im gewerblich-technischen Ausbildungsbereich ein Wachstum von 9,6 Prozent erreicht worden sei.

Besonders in der Metalltechnik mit einem Zuwachs von 16,9 Prozent zeichne sich eine sehr gute Entwicklung ab. Erfreulich sei, dass der moderne und relativ neue Ausbildungsberuf „Kaufmann/-frau im E-Commerce“ im Kreis Paderborn erneut kräftig zulegen konnte.

Allerdings habe sich der Ausbildungsmarkt im Hotel- und Gaststättenbereich sowie im Handel noch nicht vom Einfluss der Corona-Pandemie erholt, während der Beruf der Industriekaufleute wieder fast zu alter Stärke zurückgefunden habe.

„Mit dieser Situation sind wir vor dem Hintergrund der Entwicklungen im vergangenen Jahr sehr zufrieden. Auch wenn sicherlich noch weiteres Entwicklungspotential besteht, lässt sich festhalten: Die berufliche Ausbildung meldet sich zurück. Es freut uns dabei zu erleben, dass die in 2020 aus Gründen des Gesundheitsschutzes eingeschränkten Informations- und Beratungsmöglichkeiten in Schulen allmählich wieder in gewohnte Bahnen übergehen und Unternehmen wieder Praktika vor Ort möglich machen können“, hält Behlke fest. Dies trage wesentlich zur beruflichen Orientierung junger Menschen bei.

Trotzdem sei das Zusammenfinden von geeigneten Bewerbern und Unternehmen immer noch recht schwierig. Die IHK habe in Zusammenarbeit mit den Partnern in der Berufsorientierung der Region unter anderem durch digitale Angebote des sogenannten AZUBI-Speeddatings auf der Plattform „Ausbildungschance OWL“ und der Berufsorientierungsplattform „Connect“ versucht, diese Lücke zu füllen.

Besonders die Plattform Connect, auf der auch die gleichnamige Ausbildungsmesse integriert sei, biete Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften und Eltern hervorragende Möglichkeiten, sich sehr breit und vielfältig über die Möglichkeiten des Übergangs von Schule in den Beruf zu informieren und Ausbildungs- und Praktikumsstellen zu finden.

„Für die Zukunft werden wir weiterhin alles daransetzen, gemeinsam mit den Partnern rund um die berufliche Ausbildung unseren ‚Instrumentenkasten‘ für die Informationen zu Ausbildungsmöglichkeiten, Ausbildungsbetrieben und darüber hinaus für die potenziellen Auszubildenden so zu erweitern, dass wir eine nachhaltige Berufswahlvorbereitung für die jungen Menschen ermöglichen können“, so Behlke weiter.

Die IHK selbst werde sich auch zukünftig massiv für die Förderung der Beruflichen Bildung einsetzen und die bereits seit Jahren erfolgreich eingeführten Projekte wie die schon erwähnten Plattformen „Ausbildungschance OWL“ und „Connect“, sowie das Projekt „Kooperation IHK-Schule-Wirtschaft“ oder „Berufliche Bildungslotsen“ fortsetzen. Bei den „Beruflichen Bildungslotsen“ spreche die IHK in Abstimmung mit den jeweiligen Ausbildungsbetrieben Auszubildende an, um sie zu schulen und in den Klassen der allgemeinbildenden Schulen über ihre Ausbildungsberufe berichten zu lassen. Hier diskutieren sie mit den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe über die positiven Perspektiven beruflicher Bildung und vor allem über die eigenen Erfahrungen.

Mit dem Berufsstarterseminar „Fit in die Ausbildung“ entspräche die IHK zudem seit vielen Jahren dem Wunsch vieler Ausbildungsbetriebe, die Ausbildungsreife der jugendlichen Bewerberinnen und Bewerber noch stärker zu fördern, ergänzte der IHK-Geschäftsführer. „Es ist immer sehr schade, wenn Ausbildungsstellen unbesetzt blieben, weil geeignete Bewerberinnen und Bewerber fehlen. Dem wollen wir entgegenwirken.“

Behlke wies auch noch einmal intensiv darauf hin, dass neue Ausbildungsverträge auch jetzt noch eingetragen werden können. „Mit dem 31. Oktober ist noch nichts vorbei!“, so der IHK-Geschäftsführer. Eine Eintragung sei noch bis zum Jahreswechsel möglich und sinnvoll.

Kreishandwerkerschaft stellt Zahlen zu Ausbildungsverträgen im Handwerk vor

Michael H. Lutter, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe, betrachtet die Entwicklungen im Handwerk. Die Anzahl der neu eingetragenen Ausbildungsverträge für das Jahr 2021 liegt im Handwerk auf einem erwartet guten Niveau. Es sind 502 Auszubildende (Stand August 2021) im ersten Lehrjahr zu verzeichnen. „Die befürchtete dramatische Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt durch die Corona-Pandemie ist damit im Handwerk nicht eingetreten. Das Spitzenjahr 2019 können die diesjährigen Zahlen zwar nicht toppen, aber der Pfeil zeigt nach dem geringfügigen Einbruch in 2020 eindeutig wieder nach oben.“, so der Experte.

Auf die einzelnen Berufe bezogen ist festzustellen, dass insbesondere die von den Lockdowns und Schließungen besonders gebeutelten Branchen im Bereich Ausbildung zwar noch ein wenig Aufholbedarf haben, sich aber durchweg auf einem guten Weg befinden. Selbst der Zulauf bei den Friseuren hat erfreulicherweise wieder enorm an Fahrt aufgenommen. Besonders stark vertreten sind wie in den Vorjahren die Anlagenmechaniker für SHK-Technik. Ebenfalls stark nachgefragt ist der Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. In den Top Ten der beliebtesten Ausbildungsberufe wie immer weit oben ist auch der Beruf des Kfz-Mechatronikers.

„Zusammenfassend ist zu sagen, dass an den positiven Zahlen eines ganz deutlich wird: Die Nachfrage und das Angebot nach Ausbildungsstellen im Handwerk haben trotz der Corona-Pandemie extrem schnell wieder aufgeholt. Wobei auch an dieser Stelle noch einmal deutlich herausgestellt werden sollte, dass die Handwerksbetriebe schneller wieder Ausbildungs- und Praktikumsplätze angeboten haben, als Bewerber zur Verfügung standen. Letztere waren deutlich zögerlicher“, erläutert der Hauptgeschäftsführer.

Er ergänzt: „Das haben wir insbesondere auch im Bereich unserer Nachwuchskampagne gespürt. Auf der einen Seite standen die Unternehmen mit den freien Ausbildungsplätzen. Auf der anderen Seite fehlten aber die Bewerber. Unsere Mitarbeiter haben jede Möglichkeit wahrgenommen, hier einen Ausgleich, zum Beispiel durch die digitalen Speed-Datings, Online-Beratungen oder digitale Messen zu schaffen und somit schlussendlich auch zu der positiven Entwicklung der Ausbildungszahlen beigetragen. In diesem Zusammenhang auch noch einmal mein Appell: Es ist auch für 2021 noch nicht zu spät, einen Ausbildungsplatz im Handwerk zu bekommen.“

Das belegt auch eine kürzlich durchgeführte Umfrage der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe unter den Mitgliedsbetrieben. 70 Prozent gaben immerhin an, noch auf der Suche nach einem Auszubildenden zu sein. Insbesondere in den Berufen Anlagenmechaniker, Dachdecker, Elektroniker, Maler, Maurer oder auch Kfz-Mechatroniker stehen die Chancen daher sehr gut, bei Interesse noch eine Lehrstelle in diesem Jahr zu finden.

Jugendliche, die noch für dieses, aber auch für nächstes Jahr, eine Ausbildungsstelle suchen, sollten sich über die kostenlose Hotline 0800 4 555500 einen Beratungstermin anfragen. Der einfachste und schnellste Weg zu den freien Ausbildungsstellen führt über die Internet-Adresse: www.arbeitsagentur.de/jobsuche