15.08.2019 | Presseinfo Nr. 32

Wirtschaft in Baden-Württemberg

Flexible Arbeitszeitmodelle helfen Auftragsschwankungen meistern

Der sich abzeichnende Fachkräftemangel macht es immer notwendiger, qualifizierte
Arbeitskraftreserven zu mobilisieren. Gleichzeitig ergeben sich aus der
zunehmenden Digitalisierung neue arbeitsorganisatorische Möglichkeiten:
All diese Faktoren begünstigen Konzepte einer „neuen Arbeitswelt“ in der aktuellen
betrieblichen Personalpolitik, unter anderem flexible Arbeits(zeit)modelle.


Das Institut für angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Tübingen
(IAW) hat sich in einer Studie mit der Nutzung und den Veränderungen flexibler
Arbeitszeitmodelle in den Betrieben Baden-Württembergs beschäftigt. Grundlage
dafür war eine repräsentative Arbeitgeberbefragung (Betriebspanel) des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Baden-Württemberg (IAB).
Nachstehend die wichtigsten Ergebnisse der Studie.


Teilzeitbeschäftigung hat an Bedeutung deutlich zugenommen
Laut IAB-Betriebspanel hat sich in Baden-Württemberg die Anzahl der Beschäftigten
seit 2010 von 4,87 auf insgesamt 5,87 Millionen erhöht, das ist ein Plus von
20,5 Prozent. Dabei ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um über 50 Prozent stark
angestiegen und hat sich auf 38,7 Prozent erhöht. Die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten
dagegen stieg um nur 15,5 Prozent.
Unter den Teilzeitbeschäftigten nahm der Anteil der Beschäftigten mit einem
geringfügigen Teilzeitdeputat von weniger als 15 Wochenstunden am meisten zu:
Er stieg auf 17,3 Prozent.


Überstunden zeigen stark ansteigende Tendenz
Laut IAB-Betriebspanel hat sich in Baden-Württemberg seit 2010 die Anzahl der
Betriebe, in denen (jeweils im Vorjahr) Überstunden geleistet wurden, um 15,4 Prozentpunkte
deutlich erhöht. Der Anteil der Betriebe, in denen Überstunden angefallen
sind, beträgt aktuell rund 60 Prozent. Dieser Anstieg ist durchgängig in sämtlichen
Unternehmensgrößen und Branchen zu beobachten.
Zum Vergleich: In Deutschland und in Westdeutschland nahm im selben Zeitraum
der Anteil der Betriebe, in denen Überstunden geleistet wurden, weniger deutlich
zu, nämlich von 45 auf 53 Prozent bzw. von 44 auf 54 Prozent.
Mit Abstand am häufigsten (in 85,3 Prozent der Betriebe) werden die geleisteten
Überstunden ausschließlich durch Freizeitausgleich und durch eine Kombination
von Freizeitausgleich und finanzieller Vergütung kompensiert.


Arbeitszeitflexibilisierung in Baden-Württemberg im Vergleich mit dem Bund überdurchschnittlich
2018 berichteten 44 Prozent der im Rahmen des IAB-Betriebspanels Baden-Württemberg befragten Betriebe über Regelungen zu Arbeitszeitkonten: von Gleitzeitkonten – die kleinere monatliche Schwankungen der Arbeitsstunden ausgleichen – bis hin zu Jahresarbeitszeitvereinbarungen, also individuellen Arbeitszeitkonten, wo tägliche und wöchentliche Arbeitszeiten schwanken können und entsprechend durchschnittlich ausgeglichen werden müssen. Gegenüber 2010 bedeutet dies einen deutlichen Anstieg von rund 20 Prozentpunkten.
In Deutschland und in Westdeutschland lag dieser Zuwachs nur bei acht bzw. neun Prozentpunkten. Damit liegt Baden-Württemberg bezüglich der Flexibilisierung von Arbeitszeit weit über dem bundesweiten Durchschnitt.


Mobiles Arbeiten in Baden-Württemberg etwas verbreiteter als im Bund
Laut IAB-Betriebspanel 2018 bieten in Baden-Württemberg nur 28 Prozent aller
Betriebe ihren Beschäftigten die Möglichkeit an, mittels digitaler Endgeräte mobil, also von unterwegs oder von zuhause aus zu arbeiten, nicht so die anderen 72 Prozent.
Zum Vergleich: Bundesweit liegt der Anteil der Betriebe, die mobiles Arbeiten von unterwegs oder von daheim zulassen, bei 26 Prozent. Der Anteil jener, die mobile Arbeit nicht ermöglichen, liegt also bei 74 Prozent. In größeren Betrieben – insbesondere im verarbeitenden Gewerbe – ist mobiles Arbeiten weitaus häufiger verbreitet als in kleineren Betrieben.


Aufgrund der Schätzangaben der Betriebe, wie groß der Anteil an Beschäftigten ist, die grundsätzlich mobil arbeiten könnten – sei es von unterwegs oder von zuhause –, ergibt sich für das Jahr 2018 in Baden-Württemberg ein durchschnittlicher Anteil von 45,2 Prozent der betrieblichen Belegschaft.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des IAB-Betriebspanels auch danach gefragt, ob es in den Betrieben bereits Regelungen zum Schutz der Beschäftigten vor einer möglichen Überlastung durch ständige Erreichbarkeit oder verlängerte Arbeitszeiten gibt, Stichwort „Entgrenzung der Arbeitszeit“.
Insgesamt gaben von allen Betrieben im Land nur 4,9 Prozent an, dass sie solche Regelungen anwenden. In Deutschland und in Westdeutschland liegt der Anteil mit jeweils neun Prozent deutlich höher. Berücksichtigt man indes nur jene Betriebe, die auch mobiles Arbeiten ermöglichen, so beträgt der Anteil der baden-württem-bergischen Betriebe mit derartigen Schutzmechanismen immerhin 7,5 Prozent.


„In dem hohen Anstieg der Beschäftigung bei einer gleichzeitig zunehmenden Zahl an Überstunden in den zurückliegenden Jahren zeigt sich sehr deutlich die schon sehr lange anhaltende überdurchschnittliche gute Konjunktur als Folge der Auftragslage in der Wirtschaft“, betont Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit.
"Erfreulich ist außerdem, dass die Betriebe gleichzeitig die Instrumente zur Arbeits-zeitflexibilisierung überdurchschnittlich ausgebaut haben. Damit sind sie auch für schwankende oder vorübergehend zurückgehende Auftragssituationen sehr gut gerüstet. Im Hinblick auf den nach wie vor spürbaren Fachkräftemangel in einigen Bereichen gilt es nun, die in der Teilzeitbeschäftigung liegenden Potenziale noch besser zu nutzen.“