30.06.2020 | Presseinfo Nr. 37

IAB-Regional Hessen: Jeder fünfte Beschäftigte in Hessen ist überqualifiziert beschäftigt

Nicht jeder Beschäftigte übt eine Tätigkeit aus, die seiner formalen Qualifikation entspricht. Allein in Hessen waren 2019 ein Fünftel und somit rund 20 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überqualifiziert beschäftigt. Dabei zeigen sich neben regionalen Unterschieden auch Unterschiede bei den Geschlechtern, dem Alter, der Staatsangehörigkeit, dem individuellen Qualifikationsniveau sowie den Branchen.
 

Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen, zur neuesten Studie des IAB Hessen: „Die Folgen unterwertiger Beschäftigung sind nicht nur aus volkswirtschaftlicher Sicht bedenklich, sondern können für den Einzelnen zu einem regelrechten Karrierestopp führen. Gerade bei steigender Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Krisen ist davon auszugehen, dass sich mehr Menschen unfreiwillig für eine unterwertige Beschäftigung entscheiden. Der effiziente Einsatz staatlicher Bildungsausgaben wird damit deutlich in Frage gestellt. Im Hinblick auf die künftige Fachkräftesicherung und absehbare demografische Veränderungen sollten die Potentiale besser genutzt werden.“
 
Während rund 12 Prozent der Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung eine Helfertätigkeit ausübten, arbeiteten diejenigen mit einem Meister-, Techniker- oder Bachelorabschluss zu etwa 45 Prozent in einer Tätigkeit auf Helfer- oder Fachkräfteniveau. Bei den (Fach-)Hochschulabsolventen waren sogar knapp die Hälfte überqualifiziert beschäftigt.
 
Frauen sind häufig überqualifiziert beschäftigt
Auch zwischen Frauen und Männern gibt es Unterschiede: Während 19,5 Prozent der männlichen Beschäftigten überqualifiziert waren, lag dieser Anteil bei Frauen mit 21,2 Prozent um knapp zwei Prozentpunkte höher. Diese Unterschiede verstärken sich, wenn man die Überqualifizierung nach Wirtschaftsabschnitten und Berufen betrachtet. Die bestehenden Geschlechterunterschiede sind auch auf die ausgeübten Berufe zurückzuführen: Bei den Frauen waren hohe Anteile der Überqualifizierung bei den Reinigungsberufen und Berufen der Metallerzeugung, -bearbeitung und des Metallbaus zu verzeichnen, da Frauen dort häufig Helfertätigkeiten ausüben.
 
Ausländer sind stark von Überqualifizierung betroffen
Ausländer sind in Hessen mit 25 Prozent häufiger überqualifiziert beschäftigt als Deutsche (20 Prozent). Das gilt für alle hessischen Kreise und kreisfreien Städte. Es zeigt sich deutlich, dass die Chance, mit einem beruflichen Bildungsabschluss (abgeschlossene Berufsausbildung oder akademischer Abschluss) einer ausbildungsadäquaten Beschäftigung nachzugehen, für Ausländer erheblich geringer ist als für Deutsche.
 
Überqualifizierung variiert zwischen den Regionen
Für die hessischen Kreise und kreisfreien Städte zeigen sich deutliche Unterschiede. Es finden sich Regionen, bei denen der Anteil der überqualifiziert Beschäftigten beträchtlich über dem hessischen Durchschnitt lag. Während beispielsweise im Kreis Marburg-Biedenkopf rund 16 Prozent überqualifiziert arbeiteten, waren es im Main-Taunus-Kreis 26 Prozent. Das Ausmaß der Überqualifizierung hängt im Wesentlichen von der Wirtschaftskraft und der Wirtschaftsstruktur der Regionen und den dort bestehenden Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten ab.
 
Deutliche Unterschiede nach Wirtschaftsabschnitten
Der Anteil der formal überqualifiziert Beschäftigten variiert nach Wirtschaftsabschnitten deutlich. Die meisten Beschäftigten waren in den Wirtschaftsabschnitten „Land- und Forstwirtschaft, Fischerei“ und „Finanz- und Versicherungsdienstleistungen“ zu finden. Die geringsten Anteile gab es in den Wirtschaftsabschnitten „Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden“, „Baugewerbe“ sowie „Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen“.
 
Berufliche Perspektiven: Karrierechancen sinken
Die Studie beleuchtet ebenfalls Auswirkungen und Ursachen von überqualifizierten Beschäftigungen. Für eine unterwertige Arbeitsaufnahme können Gründe wie geregeltere Arbeitszeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie/Pflege und Beruf, eine körperlich weniger belastende Tätigkeit oder eine höhere Entlohnung in dem ausbildungsfremden Beruf entscheidend sein. Kritisch bewerten die Forscher, dass gleichzeitig bei überqualifiziert Beschäftigten die Karrierechancen sinken und der Wiedereinstieg in eine adäquate Tätigkeit erschwert wird.

Hinweis:
Der IAB-Regionalbericht steht unter folgendem Link zum Download zur Verfügung: https://www.iab.de/de/publikationen/regional/hessen.aspx