30.11.2020 | Presseinfo Nr. 39

Inklusion bleibt wichtig - gerade trotz Corona-Pandemie. Jetzt informieren und neue Chancen bieten

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt darf angesichts der aktuellen Pandemie nicht aus den Augen verloren werden, sagte zum Start der zehnten Woche der Menschen mit Behinderung Torsten Withake, Leiter der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit.

Auch Menschen mit Behinderung spüren die Auswirkungen der Corona-Pandemie am Arbeitsmarkt. So stieg die Zahl arbeitslos gemeldeter Menschen mit Behinderung[i] während des ersten Lockdowns bis Ende Juni um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei den nichtbehinderten Menschen stieg die Arbeitslosigkeit im selben Zeitraum deutlich stärker, doch im Gegensatz zu diesen, konnten Menschen mit Behinderung nicht vergleichbar von der im Sommer einsetzenden Erholung profitieren.

Die jährliche Woche der Menschen mit Behinderung findet rund um den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen statt, der in diesem Jahr auf den 3. Dezember fällt. Mit einer Sonder-Veröffentlichung zur Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung möchten wir bewusst den Fokus auf Inklusion legen.

„Für uns ist es wichtig, in NRW über die Bewältigung der Pandemie wichtige Zukunftsfragen wie die Inklusion von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt nicht aus den Augen zu verlieren“, sagte Torsten Withake, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. „Wir wollen nicht nur nicht auf ihre Kenntnisse, Ideen und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen und am Arbeitsleben verzichten, wir vergäben uns als Gesellschaft vielmehr unzählige Chancen.“

In der Woche der Menschen mit Behinderung vom 30. November bis zum 4. November werden alle Agenturen für Arbeit in NRW auf die besondere Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung aufmerksam machen, sagte Withake. „Während die Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Behinderung wieder zurückgegangen ist in den Monaten nach dem ersten Lockdown, ist die der Menschen mit Behinderung erst einmal weiter gestiegen. Das zeigt noch einmal, dass es Menschen mit Behinderung schwerer haben am Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.“

Die Agenturen für Arbeit unterstützen mit einem umfangreichen Leistungsangebot die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung: „Viele Menschen mit Behinderung sind gut qualifiziert und bringen langjährige Berufserfahrung als zuverlässige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit. Auf ihre Potenziale können Unternehmen bauen. Auch gerade jetzt, in der aktuellen Ausnahmesituation. Und es entlastet Unternehmen zusätzlich auch noch finanziell, da sie dann keine Ausgleichsabgabe mehr entrichten müssen.“[ii]

Vielzahl von Unterstützungsmöglichkeiten

Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, die schwerbehinderte Menschen beschäftigen oder erkrankte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder eingliedern wollen, rät der Arbeitsmarktexperte, sich in den Agenturen für Arbeit oder den Jobcentern beraten zu lassen. Dabei werde zum Beispiel gemeinsam die optimale Anpassung von Arbeitsplätzen an individuelle Bedürfnisse besprochen:

„Die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter haben in NRW im laufenden Jahr mit bereits rund 491 Millionen Euro die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderung unterstützt. Das sind rund zehn Millionen Euro mehr, als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Finanziert wurden damit eine Vielzahl von Unterstützungsmaßnahmen für schwerbehinderte Menschen und auch für die Unternehmen, in denen sie beschäftigt sind. Das fängt an bei der Beratung, geht über Eingliederungszuschüsse, besondere Förderungen bei Aus- und Weiterbildung bis hin zur passgenauen Ausstattung von Arbeitsplätzen. Wichtig ist es für uns in jedem einzelnen Fall, die individuell passende Unterstützung zu finden. Unser Ziel ist es, alles dafür zu tun, dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zum Erfolg wird.“

Inklusion bleibt gesellschaftliche Aufgabe

Spürbar viel Aufmerksamkeit nehmen derzeit die die Auswirkungen der Pandemie in Anspruch. Doch die grundlegenden Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft – der technologische Wandel und die demografische Entwicklung – bleiben weiter aktuell, sagte Withake: „Ich sehe eine wirtschaftspolitische und eine gesellschaftliche Bedeutung der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Einerseits können Menschen mit Behinderung die steigende Nachfrage an Fachkräften bedienen. Gleichzeitig eröffnen sich für sie dadurch neue Chancen am Arbeitsmarkt und damit die Möglichkeit, dass sie ihr Leben trotz Einschränkungen aktiv selbst gestalten können.“

Der NRW-Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung

Die Corona-Pandemie hat auch am NRW-Arbeitsmarkt für schwerbehinderte Menschen ihre Spuren hinterlassen. Zwar waren Menschen mit Behinderung vom Anstieg der Arbeitslosigkeit etwas weniger betroffen als der Durchschnitt aller Arbeitslosen. Am Ende des Lockdowns im Juni 2020 lag die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen gegenüber dem April zwölf Monate zuvor um 10,1 Prozent höher als bei allen arbeitslos gemeldeten Menschen, die auf einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr von 22,6 Prozent kamen. Allerdings hatte die darauf einsetzende leichte Erholung am Arbeitsmarkt auf die Arbeitslosigkeit behinderter Menschen keinen Einfluss. Während im Durchschnitt aller Arbeitslosen in NRW die Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt im Vorjahresvergleich zurückging, lag Ende Oktober die Zahl arbeitsloser schwerbehinderten Menschen um weitere 1,1 Prozentpunkte als ein Jahr zuvor - bei 11,2 Prozent. Im September war zuvor ein vorläufiger Höhepunkt von 11,4 Prozent im Vergleich zum September 2019 erreicht worden. In absoluten Zahlen waren im Zeitraum von November 2019 bis Oktober 2020 in NRW durchschnittlich 50.440 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet. Das waren 3.174 Personen oder 6,7 Prozent mehr als im Jahresdurchschnitt 2019. Auch das ist eine Auswirkung der Corona-Virus-Pandemie. So stieg der Jahresdurchschnitt für den Zeitraum November 2019 auf Oktober 2020 für alle Arbeitslosen deutlicher um 12,9 Prozent. Die unterschiedlichen Entwicklungen führten zum Absinken des Anteils der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen an der Zahl aller arbeitslos gemeldeten Menschen auf 7,1 Prozent. Vor einem Jahr lag dieser Anteil bei 7,4 Prozent.

Gute Qualifikation schwerbehinderter Menschen

Etwa 43,9 Prozent aller schwerbehinderten Arbeitslosen sucht eine Tätigkeit auf dem Qualifikationsniveau der Fachkraft oder höher. Bei den Arbeitslosen ohne Schwerbehinderung waren im Laufe des Jahres 2020 nur 40,7 Prozent. Mit rund 25.100 schwerbehinderten Menschen sucht aktuell mehr als jede oder jeder Dritte eine Tätigkeit auf dem Niveau einer dualen Berufsausbildung. Tätigkeiten, die eine akademische Qualifikation oder eine Spezialisierung voraussetzen, streben rund 4.150 Personen an. Hindernisse bestehen auch: Neben etwa gesundheitlichen Einschränkungen kann dies zum Beispiel die nach einer langen Erkrankung nicht mehr aktuelle Ausbildung sein. Umso wichtiger ist die Förderung durch die Agenturen für Arbeit, die Arbeitsplätze auf die Einschränkungen anpasst sowie Weiter- und Fortbildungen finanziert.

Längere Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen als im Durchschnitt

Menschen mit Behinderung sind im Schnitt länger arbeitslos als Menschen ohne Behinderung. So dauerte im Zeitraum November 2019 bis Oktober 2020 die Zeit der Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne Behinderung durchschnittlich 523 Tage, bei Menschen mit Behinderung waren es hingegen 666 Tage. Ein Ergebnis der guten Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre ist das kontinuierliche Absinken der durchschnittlichen Dauer der Arbeitslosigkeit. Dieser Trend hat auch noch im Jahr 2020 angehalten. Im Vergleich zum Vorjahr verkürzte sich die Dauer bis zur Arbeitsaufnahme bei Menschen ohne Behinderung um 21 Tage, bei schwerbehinderten Menschen sogar um 39 Tage. Trotz dieser guten Entwicklung - die längere Dauer der Arbeitslosigkeit führt auch dazu, dass der Anteil Langzeitarbeitsloser an allen schwerbehinderten Arbeitslosen ebenfalls größer ist als bei allen Arbeitslosen. So waren im Zeitraum November 2019 bis Oktober 2020 mit 238.478 Personen rund 35,9 Prozent der nicht schwerbehinderten Arbeitslosen bereits ein Jahr oder länger arbeitslos gemeldet. Bei den schwerbehinderten Arbeitslosen war es mit 23.795 Personen oder 47,2 Prozent nahezu die Hälfte.

Weitere Informationen

[i] Als schwerbehindert zählen Menschen mit einem anerkannten Grad der Behinderung von mindestens 50. Behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung von unter 50 aber mindestens 30 sollen schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden, wenn sie ansonsten einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder behalten können (§ 2 Absatz 3 Neuntes Buch Sozialgesetzbuch - SGB IX). Die Gleichstellung wird auf Antrag des Behinderten durch die Bundesagentur für Arbeit festgestellt (§ 151 Absatz 2 SGB IX).

[ii] Arbeitgeber mit jahresdurchschnittlich monatlich mindestens 20 Arbeitsplätzen sind nach § 154 Abs. 1 Neuntes Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) dazu verpflichtet, auf mindestens fünf Prozent dieser Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Für jeden Arbeitgeber wird geprüft, ob er der Verpflichtung zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen nachgekommen ist. Ist dies nicht der Fall, so hat er eine Ausgleichsabgabe zu entrichten.