11.03.2021 | Presseinfo Nr. 7

Ein Jahr nach dem ersten Lockdown - Nachhaltige Spuren am NRW-Arbeitsmarkt

16. März 2020: im Lockdown fährt ein ganzes Land herunter.  Vor einem Jahr verhängte NRW den ersten Lockdown der Landesgeschichte, um die Ausdehnung der Corona-Virus-Pandemie einzudämmen. Das führte über Nacht zu einer historisch einzigartigen Situation am Arbeitsmarkt – Kurzarbeit wurde in einem Umfang angezeigt, den es bis dahin noch nie gab, die Arbeitslosigkeit stieg in kürzester Zeit deutlich.
Ein erstes Fazit ein Jahr danach lautet: Die Pandemie hat nachhaltige Spuren hinterlassen, aber der Arbeitsmarkt in NRW hat sich auch erstaunlich robust gezeigt.

„Als vor einem Jahr der erste Lockdown in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausgerufen wurde, hatten wir keinen Vergleich, um ungefähr einschätzen zu können, welche Folgen wir für Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu erwarten haben,“ sagte Torsten Withake, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. „Für viele Menschen haben die Auswirkungen der Pandemie zu harten wirtschaftlichen Einschnitten und existentiellen Sorgen geführt. Unsere Kolleginnen und Kollegen in den Arbeitsagenturen und Jobcenter haben alles getan, um Betroffene gut und wirksam zu unterstützen.“

Ein wichtiger Hebel sei dabei die Kurzarbeit gewesen, die allein im April 2020 in NRW mehr als 1,2 Millionen Beschäftigungsverhältnisse gesichert und damit nachhaltig Arbeitslosigkeit verhindert habe. „Ich möchte dabei auch die gut abgestimmte Zusammenarbeit aller Arbeitsmarktpartner in NRW hervorheben“, sagte Withake. „Es haben viele Akteure dazu beigetragen früh Sicherheit und Stabilität zu schaffen, als diese benötigt wurden. Kurzarbeit und weitere finanzielle Unterstützungsleistungen haben einen wichtigen Beitrag geleistet, damit der Arbeitsmarkt trotz der zum Teil heftigen Auswirkungen der Pandemie sich so robust und widerstandsfähig zeigen konnte.“

Nachdem der Arbeitsmarkt im Frühjahr wie noch nie zuvor eingebrochen sei, habe er sich nach den Sommerferien und im Herbst „stärker erholt, als wir erwarten konnten. Die Wirtschaft war zwar hart getroffen worden, hatte aber keinen grundlegenden strukturellen Schaden erlitten“, beurteilt Withake die Entwicklung. Mit Blick auf den zweiten Lockdown im Winter habe sich das bis jetzt noch nicht geändert: „Der Lockdown im Winter hat die gute Entwicklung seit Herbst zwar merklich abgeschwächt, aber bis jetzt nicht ausbremsen können.“

Im Folgenden werfen wir einige Schlaglichter auf wichtige Entwicklungen am Arbeitsmarkt nach einem Jahr Corona-Virus-Pandemie.

Beschäftigung bleibt in NRW weitgehend stabil

Trotz der Pandemie bietet der Blick auf die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in NRW positive Nachrichten. 2019 hatte die Zahl der Beschäftigten zum ersten Mal die Rekordmarke von sieben Millionen überschritten. Der historische Höhepunkt war im November 2019 mit 7.117.659 Beschäftigten erreicht worden. Daran konnte auch die Verbreitung des Virus im Jahr 2020 kaum etwas ändern. Zwar sanken im Mai, Juni und Juli des Pandemie-Jahres die Beschäftigungszahlen knapp unter die sieben Millionen-Marke, kletterten dann aber wieder schnell darüber. Im November waren in NRW mit 7.117.000 wieder annähernd so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie im Rekord-Jahr zuvor.

Arbeitsmarktexperte Withake: „Ohne die Möglichkeit, verkürzt arbeiten zu können, hätten im vergangenen Jahr viele Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen müssen. Die Beschäftigtenzahlen sind in NRW also auch wegen der Kurzarbeit so stabil geblieben. Umgekehrt bedeutet das, dass viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber die Möglichkeiten der Kurzarbeit nutzen, um trotz wirtschaftlich angespannter Situation an ihren Beschäftigten festhalten und um bald wieder auf sie zählen zu können. Sie stehen eng zu ihren Beschäftigten und das ist ein gutes Signal!“

Weniger gut habe sich die Situation der geringfügig Beschäftigten, der Minijobberinnen und Minijobber entwickelt: „Diese Art der Beschäftigung reagiert sehr schnell auf konjunkturelle Einschränkungen. Es gibt für Menschen, die ausschließlich in Minijobs arbeiten keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, und auch ein Anspruch auf Arbeitslosengeld wird nicht erworben. Im Juni 2020 waren durch die Pandemie knapp über 95.000 geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse verloren gegangen. Darunter rund 64.000 Jobs von Frauen. Damit hatten Mitte 2020 rund zehn Prozent der Minijobberinnen ihre Anstellung verloren; bei den Männern waren es mit 31.000 etwa knapp sieben Prozent aller ausschließlich geringfügig Beschäftigten.“

Kurzarbeit erreichte historischen Höchstwert

Wäre nicht das Wort „Lockdown“, so hätte sicher die „Kurzarbeit“ beste Chancen auf das Wort des Jahres.

„Kurzarbeit ist keine Wirtschaftshilfe für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, sondern eine Leistung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“, so Withake. Doch auch Unternehmen profitieren von ihr. Allein in den Monaten März und April habe die Kurzarbeit in NRW bis zu 2,2 Millionen Beschäftigungsverhältnisse gesichert. „Die Möglichkeit der Kurzarbeit hat dem Arbeitsmarkt und der Wirtschaft in NRW Stabilität und Sicherheit gebracht.“

Während der Finanzkrise 2009 und 2010 gab es in der Spitze bis zu 29.000 Anzeigen auf Kurzarbeit im Monat. Allein im April 2020 waren es rund 125.000 Anzeigen. Als Glücksfall habe sich die konsequente Digitalisierung der Agenturen für Arbeit in den Jahren nach der Finanzkrise gezeigt. „Ohne die Umstellung auf E-Akten wäre diese Menge an Anzeigen und Anträgen kaum zu bewältigen gewesen“, ist der Arbeitsmarktexperte überzeugt. „Es ging darum, dass die Unternehmen schnell das Kurzarbeitergeld erhalten, mit dem sie in Vorleistung gegangen waren. Das ist gelungen, da wir die Teams in kürzester Zeit um das zwölf- bis vierzehnfache verstärkt haben und außerdem von überall arbeiten konnten – so haben wir die jeweiligen regionalen Aufgaben gut verteilen und bewältigen können.“

Nach dem ersten Pandemie-Schock im Frühjahr sei die Zahl der verkürzt arbeitenden Unternehmen deutlich zurückgegangen. Das verdeutliche die Entwicklung der Kurzarbeiterquote, das ist der Anteil der Beschäftigten in NRW, die in Kurzarbeit sind. Auf ihrem Höhepunkt im April lag die Quote bei 17,2 Prozent, im November bei noch 6,2 Prozent.

Qualifizierung – Pandemie beschleunigt vielerorts Strukturwandel

Die Pandemie habe, sagt der Arbeitsmarktexperte, zudem noch einmal gut sichtbar gemacht, wo die Herausforderungen der Zukunft liegen: „Die Pandemie hat bereits länger bekannte Transformationsprozesse im Arbeitsleben und in den Berufsbildern noch einmal beschleunigt“. Nur unscheinbar wirkende Veränderungen, zum Beispiel kleinere technische Innovationen in Arbeitsprozessen, führten zu großen Veränderungen oder seien Vorboten für weitere gravierende Transformations- und Strukturwandelprozesse. „Neben der Bewältigung der deutlich gewachsenen Arbeitslosigkeit ist dieser Wandel eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben auch schon der nahen Zukunft“, sagt Withake.

Der Schlüssel sei dabei die Weiterbildung. Sie ebne für viele Menschen den Weg aus der Arbeitslosigkeit. Das gelte insbesondere für die, die weniger gut qualifiziert seien. „Sie sind von der Pandemie stärker betroffen. Deshalb ist es uns besonders wichtig, diesen Menschen die Angebote zu machen, die sie benötigen, um sich zu qualifizieren.“ Im Verlauf der Pandemie stieg die Bewerber-Stellen-Relation im Helferbereich. Vor der Pandemie kamen auf eine Helferstelle neun Arbeitslose, jetzt stehen einer Stelle 16 Bewerberinnen und Bewerber gegenüber. „Bei den Fachkräfte hat sich das Verhältnis auch unter dem Einfluss der Pandemie kaum gewandelt: Von eins zu zwei zu aktuell ungefähr eins zu drei. Es gibt also Handlungsbedarf für aktive Arbeitsmarktpolitik. Das heißt: Für Unterstützung und Förderangebote zur Qualifizierung.“

Doch auch für Beschäftigte werde Weiter- und Fortbildung zunehmend ein Thema: „Die Beschleunigung der digitalen Transformation ist für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und ihre Beschäftigten eine große Herausforderung.“ Für Unternehmen werde es immer wichtiger, frühzeitig Weiterbildung und Qualifizierung von Beschäftigten zu planen. Unternehmen könnten Kurzarbeit und Weiterbildungsangebote kombinieren. „Während der Kurzarbeit, davon bin ich überzeugt, ist die Zeit für Weiterbildung besonders günstig“, sagt Withake.

Pandemie ließ Arbeitslosigkeit deutlich steigen

Der Blick auf die Arbeitslosigkeit zeigt, dass die Pandemie auf dem Arbeitsmarkt trotz aller Stabilität auch tiefe Spuren hinterlassen hat. Im Februar 2021 lag der „Corona-Effekt“, also die Differenz der aktuellen Arbeitslosigkeit zum Stand der Arbeitslosigkeit vor der Pandemie, bei 17,7 Prozent oder 115.608 zusätzlich arbeitslos gemeldeten Menschen. Insgesamt waren 770.328 Menschen arbeitslos gemeldet.

Zu diesem Anstieg der Arbeitslosigkeit kam es vorwiegend in den ersten Monaten der Pandemie, weil deutlich weniger Menschen eine neue Beschäftigung aufnehmen konnten, als sonst im Frühjahr üblich. Zwar habe es in den ersten Monaten der Pandemie auch verstärkt Entlassungen gegeben. Doch drei Viertel der zusätzlichen Arbeitslosigkeit sei auf die durch den ersten Lockdown eingeschränkten Chancen am Arbeitsmarkt für arbeitslose Menschen zurückzuführen.

„Man kann es grob vielleicht so sagen: Die Kurzarbeit hat viele bestehende Arbeitsverhältnisse gesichert und massenhafte Arbeitslosigkeit verhindert. Gleichzeitig aber blieb ein Großteil der Menschen, die im Frühjahr eine Arbeit aufgenommen hätten, weiter arbeitslos. Dadurch ist die Arbeitslosigkeit insgesamt deutlich gestiegen“, erläutert Withake.

Ihren Höhepunkt erreichte die Zahl arbeitslos gemeldeter Menschen im August 2020, mit knapp 800.000 Personen. Danach habe sich die Lage aber stetig gebessert, Ende Dezember waren es rund 65.000 Menschen weniger. „Im Herbst sinkt die Arbeitslosigkeit in der Regel immer. Doch dieser Rückgang übertraf das, was saisonal für den Herbst zu erwarten war“, so Withake.

Der Chef der NRW Arbeitsagenturen sieht gute Chancen, dass dieser Effekt sich im ersten Halbjahr 2021 wiederholen kann: „Aktuell gehen wir davon aus. Schon die Entwicklungen im Januar und Februar waren trotz des Dämpfers durch den Lockdown vor allem saisonal geprägt. Die Wirtschaft ist strukturell weiter stabil.“

Doch nicht alle Menschen, die arbeitslos geworden sind, seien Fachkräfte. Der Ausnahmezustand, in den die Pandemie den Arbeitsmarkt versetzt hat, habe auch deshalb zur Verschärfung der Herausforderung durch Langzeitarbeitslosigkeit geführt. Die Langzeitarbeitslosigkeit habe im Februar 2021 das Niveau von 2017 wieder erreicht, sagte Withake: „Mit rund 324.000 Menschen waren gut 81.000 Menschen mehr langzeitarbeitslos als vor einem Jahr. Wir haben viele gute Förderangebote und die gesetzlichen Grundlagen bieten gute Möglichkeiten. Für die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter ist es ein wichtiger Schwerpunkt, gemeinsam mit den Menschen durch gezielte Weiterbildung neue Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen.“

Arbeitskräftebedarf: Branchen sind unterschiedlich betroffen

Vom ersten Lockdown an haben sich die Auswirkungen der Pandemie deutlich bei der Nachfrage nach Arbeitskräften abgebildet. Am deutlichsten auch hier während der ersten Monate, von März bis Mai 2020. In diesen Monaten wird normalerweise eine große Anzahl von Stellen neu gemeldet. 2020 ist diese Frühjahresbelebung jedoch nahezu ausgefallen. Im April 2020 wurden mit 16.197 neuen Stellen 57,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor bei den Arbeitsagenturen in NRW gemeldet. Und auch der zweite Lockdown führt zu einer Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Im Februar 2021 waren es mit 29.976 neuen Stellenmeldungen rund ein Drittel weniger, als im Schnitt der vergangenen Jahre mit rund 40.000 zu dieser Jahreszeit.

Standen im März und April die gesamte Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft gleichsam unter „Corona-Schock“, erholte sich ein Teil der Branchen davon sehr schnell, während andere weiter sogar stark betroffen blieben. Am stärksten von der Pandemie betroffen sind in NRW Hotel- und Gastronomiebetriebe. Der Arbeitskräftebedarf hat sich hier im Jahr 2020 im Vergleich zum vorhergehenden Jahr nahezu halbiert. Insgesamt wurden 2020 landesweit 7.782 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht, ein Jahr zuvor waren es noch 14.086. Ebenfalls stark betroffen sind der Einzelhandel und das Transportgewerbe. Aber auch das verarbeitende Gewerbe - wie zum Beispiel die Automobilzulieferindustrie - gehören zu den maßgeblich beeinträchtigten Branchen. Hier sank der Kräftebedarf binnen Jahresfrist um rund ein Viertel – von 32.500 Stellenangeboten im Jahr 2019 auf 24.352 im Jahr 2020.