16.03.2020 | Presseinfo Nr. 7

Löhne in Sachsen: Frauen verdienen 7,5 Prozent weniger als Männer

Der Gender Pay Gap beziffert die Lohnlücke zwischen vollzeitbeschäftigten Frauen und Männern. Er lag im Jahr 2017 in Sachsen bei 7,5 Prozent und fällt damit deutlich niedriger aus als im gesamten Bundesgebiet (20,8 Prozent). Mit diesem Gender Pay Gap liegt Deutschland im EU-Ranking auf Platz drei – nach Estland und Tschechien. Die Gründe für die Lohnunterschiede liegen in der Beschäftigungs- und Betriebsstruktur. Der Gender Pay Gap lässt sich in zwei Teile aufteilen. Der Teil der Lohnlücke, der sich anhand der unterschiedlichen Charakteristika von Frauen und Männern erklären lässt und der unerklärte Teil der Lohnlücke, der den Teil der Lohnlücke umfasst, den man nicht beobachten bzw. messen kann. Vergleicht man Frauen und Männer, die sich hinsichtlich ihrer individuellen, betrieblichen und regionalen Merkmale ähneln, wäre der Entgeltunterschied mit 11,4 Prozent größer. Das heißt Frauen verfügen über lohnrelevante Eigenschaften, die den Entgeltunterschied zu ihren Gunsten reduzieren.

„Die Frauen in Sachsen sollten aufgrund ihrer lohnbestimmenden Faktoren wie z.B. einer höheren formalen Qualifikation mehr verdienen. Das ist ein Grund warum der unbereinigte Lohnunterschied niedriger ist als der bereinigte. Letzterer beinhaltet die nicht messbaren Faktoren, wie das Verhalten bei Gehaltsverhandlungen, das Vorhandensein bestimmter Rollenmuster oder unterschiedliche Aufstiegschancen für Männer und Frauen“, sagte Dr. Antje Weyh, Wissenschaftlerin des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) – Stützpunkt Sachsen.

Zusammenfassende Ergebnisse:

1. Gründe für geschlechterspezifische Lohnunterschiede

Individuelle Merkmale:

  • Arbeitszeit (Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer um z.B. die Pflege von Kindern/Angehörigen zu sichern)
  • Persönliche Qualifikation (Männer profitieren bei der Entlohnung deutlich mehr von einer hohen Qualifikation als Frauen)
  • Berufliche Erfahrung (Erwerbsunterbrechungen treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern)
  • Berufswahl (Frauen wählen häufiger Berufe, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben à Zugeständnisse der Betriebe zeigen sich dann in geringeren Löhnen | gesellschaftliche Rollenerwartung prägen Berufswahl)
  • Berufliche Tätigkeit (Frauen arbeiten häufiger im sozialen Bereich und in Bürojobs; Männer arbeiten häufiger in technischen und verarbeitenden Berufen | Frauen sind deutlich seltener in Führungspositionen „Gläserne Decke“ – sie haben oft schlechtere Karrierechancen)
  • Betriebliche Merkmale:
  • Betriebsgröße (fehlende Tarifverträge und Betriebsräte in kleinen Betrieben | Entgelt der Männer nimmt mit steigender Betriebsgröße zu – bei Frauen bleibt es gleich | ist auch auf unterschiedliche Tätigkeiten im Betrieb zurückzuführen)
  • Qualifikationsniveau unter den Beschäftigten (je höher das Qualifikationsniveau im Betrieb, umso höher der Gender Pay Gap)
  • Generelle Lohnhöhe im Betrieb (umso höher das Lohnniveau im Betrieb, umso höher der Gender Pay Gap | geringere Aufstiegschancen von Frauen)
  • Verhaltensweise der Arbeitgeber (Diskriminierung: Frauen wird eine geringere Arbeitsleistung unterstellt, weil sie zusätzlich häuslich/familiär eingebunden sind | Arbeit von Frauen und Männern wird unterschiedlich bewertet à Entwertung weiblicher Arbeit | „scheinbar höhere gesellschaftliche Stellung der Männer“)

Regionale Merkmale:

  • Regionale Wirtschaftsstruktur (in ländlichen/strukturschwachen Regionen fehlen häufig hoch bezahlte Arbeitsplätze, Frauen sind seltener bereit zur Arbeit zu pendeln und entscheiden sich häufiger für eine wohnortnahe Beschäftigung  | Städtische Regionen haben eine höhere Arbeitsplatzdichte, einen stärkeren Wettbewerb um Fachkräfte und damit höhere Löhne)


2. Der unbereinigte Gender Pay Gap

  • Höchste Lohnunterschiede in Baden-Württemberg und Bayern

In Sachsen verdienen die Frauen im Schnitt 7,5 Prozent weniger als Männer. Der Gender Pay Gap liegt damit deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 20,8 Prozent. Geringer ist der Gender Pay Gap nur in Berlin (7,1 Prozent), Sachsen-Anhalt (4,1 Prozent) sowie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (jeweils 3,8 Prozent). Denn höchsten Gender Pay Gap gibt es in Baden-Württemberg (29,5 Prozent) und Bayern (25 Prozent). Auffällig ist der Ost-West-Unterschied à ostdeutsche Länder sind einstellig und westdeutsche zweistellig.

unbereinigte Gender Pay Gap - Längervergleich
Baden-Württemberg                 29,5 Prozent
Bayern 25,0 Prozent
Bremen 24,0 Prozent
Saarland 23,9 Prozent
Niedersachsen 23,6 Prozent
Rheinland-Pfalz 22,5 Prozent
Nordrhein-Westfalen 21,1 Prozent
Hamburg 20,6 Prozent
Hessen 20,3 Prozent
Schleswig-Holstein 18,2 Prozent
Thüringen 8,8 Prozent
Sachsen 7,5 Prozent
Berlin 7,1 Prozent
Sachsen-Anhalt 4,1 Prozent
Brandenburg 3,8 Prozent
Mecklenburg-Vorpommern 3,8 Prozent
Deutschland 20,8 Prozent
Ostdeutschland 6,1 Prozent
Westdeutschland 22,8 Prozent

• Höchster Gender Pay Gap in städtischen Kreisen
Der Gender Pay Gap auf regionaler Ebene ist hauptsächlich durch das Entgelt der Männer beeinflusst. So liegt beispielsweise das Tagesentgelt der Männer in Dresden bei 103,73 Euro, das Tagesentgelt der Frauen in Dresden bei 93,79 Euro. Damit ist der Unterschied im Tagesentgelt in Dresden sachsenweit mit am höchsten – nur Zwickau hat einen höheren Gender Pay Gap. Mit dem Blick auf sächsische Regionen zeigt sich, dass in Großstädten höhere Löhne gezahlt werden. In Südwestsachsen ist festzustellen, dass die Tagesentgelte für Männer und Frauen geringer sind, jedoch Männer wegen besser bezahlter Industriearbeitsplätze mehr verdienen, als Frauen.
 

3. Der bereinigte Gender Pay Gap

Weil Frauen andere Berufe wählen als Männer, weil sie in unterschiedlichen Branchen arbeiten oder in gleichen Unternehmen unterschiedliche Positionen haben, gibt der unbereinigte Gender Pay Gap ein unvollständiges Bild wider. Um eine mögliche Benachteiligung von Frauen bei der Entlohnung beziffern zu können, erfolgt die Berechnung eines sog. bereinigten Gender Pay Gap. Das bedeutet, dass der Entgeltunterschied von Frauen und Männern mit gleichen Eigenschaften bestimmt wird.

 

  • Frauen müssten mehr verdienen als Männer

Der bereinigte Gender Pay Gap liegt in Sachsen bei 11,4 Prozent (Bund: 14,7 Prozent). Er ist damit höher, als der unbereinigte GPG. Frauen weisen bessere individuelle, betriebliche und regionale Merkmale als Männer auf – sie müssten demzufolge mehr verdienen bzw. ihre lohnbestimmenden Eigenschaften reduzieren den Entgeltunterschied. Eine Vielzahl an Faktoren, die nicht in die Analyse einbezogen werden können, wie z. B. das Verhalten bei Gehaltsverhandlungen oder der familiäre Hintergrund, führen dennoch zu einem Entgeltunterschied zu Ungunsten von Frauen.

  •  Nur in Ostdeutschland ist der bereinigte Gender Pay Gap höher als der unbereinigte

Berücksichtigt man die unterschiedlichen lohnrelevanten Eigenschaften Männern und Frauen bei der Berechnung, steigt der Gender Pay Gap in den ostdeutschen Bundesländern und Berlin, in den westdeutschen sinkt er. Das heißt in den ostdeutschen Regionen verfügen Frauen über Eigenschaften, die den Entgeltunterschied zu ihren Gunsten reduzieren. Es kann auch sein, dass Männer in Ostdeutschland nicht die lohnrelevanten Eigenschaften der Männer in Westdeutschland haben, die den Entgeltunterschied zu ihren Gunsten erhöhen.

Bundesland unbereinigter GPG erklärt nicht erklärt (bereinigter GPG)
Bereinigtes Gender Pay Gap
Mecklenburg-Vorpommern        3,767984 -6,07279 9,840777
Brandenburg 3,820288 -5,89807 9,718363
Sachsen-Anhalt 4,073343 -6,85622 10,92957
Berlin 7,126863 -0,99356 8,120422
Sachsen 7,450811 -3,93254 11,38335
Thüringen 8,750478 -3,09036 11,84084
Schleswig-Holstein 18,2153 3,289075  14,92622
Hessen 20,25086 5,761863 14,489
Hamburg 20,62824 7,531055 13,09718
Deutschland 20,84204 6,162706 14,67933
Nordrhein-Westfalen 21,13326 5,623528 15,50974
Rheinland-Pfalz 22,54385 7,348411 15,19544
Niedersachsen 23,58051 7,52659 16,05392
Saarland 23,85774 8,863234 14,9945
Bremen 24,0131 8,570319 15,44278
Bayern 24,95288 8,890071 16,06281
Baden-Württemberg 29,4666 11,21344 18,25316
  •   Große Unterschiede innerhalb Sachsens

In nahezu allen sächsischen Regionen führen der gewählte Beruf und die Qualifikation dazu, dass sich der Entgeltunterschied sich zu Gunsten der Frauen reduziert. Eine hohe Qualifikation im Betrieb oder pendeln zu müssen hingegen, erhöht den Entgeltunterschied zwischen Männern und Frauen.

Kreis/ kreisfreie Stadt GAP erklärt nicht erklärt
Gender Pay Gap Vergleich Kreisebene
Chemnitz, Stadt 9,338699 -2,75461 12,09331
Erzgebirgskreis 8,552982 -4,3016 12,85458
Mittelsachsen 10,00944  -3,37948 13,38893
Vogtlandkreis 7,851525 -4,43172 12,28324
Zwickau 11,60914  -1,17707 12,78621
Dresden, Stadt 10,06916 -0,30211 10,37127
Bautzen 4,65968 -8,11357 12,77325
Görlitz 2,07906 -6,30592 8,384983
Meißen 6,881674 -5,2732 12,15487
Sächsische Schw.-O. 5,483561 -4,72736 10,21092
Leipzig, Stadt 9,68605 -0,5097 10,19575
Leipzig 5,88962 -4,46916 10,35878
Nordsachsen 6,511142 -4,77668 11,28782
  • Gleichstellung von Frauen und Männern

Fazit der Ergebnisse ist, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern weiter ausgebaut werden muss. Es sollten Anreize für Frauen und Männer gleichermaßen geschaffen werden, auch geschlechtsuntypische Berufe zu ergreifen. Zudem muss weiter an den ungleichen Aufstiegschancen gearbeitet und vor allem in den westdeutschen Regionen die Kinderbetreuungsmöglichkeiten verbessert werden.

Hintergrund:

Zum Equal Pay Day: Bis zu diesem Tag (17. März 2020 – 77 Tage) arbeiten Frauen umsonst.

Zum Entgelttransparenzgesetz: Schafft Lohntransparenz in großen Betrieben (mehr als 200 Mitarbeiter)