02.12.2020 | Presseinfo Nr. 77

Arbeitsmarkt: Menschen mit Behinderung weiterhin benachteiligt

Arbeitslosigkeit von anerkannten schwerbehinderten Menschen sinkt in den vergangenen Jahren weniger stark als bei anderen +++ Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen stieg auch in der Corona-Krise an +++ Viele Unternehmen zahlen Ausgleichsabgabe statt Schwerbehinderte zu beschäftigen +++ Arbeitslose schwerbehinderte Menschen häufig besser qualifiziert

Menschen mit Behinderung bleiben auf dem Arbeitsmarkt in Thüringen weiter benachteiligt. Das zeigt eine Datenanalyse der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen anlässlich des „Tages der Menschen mit Behinderung" am 3. Dezember.

Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung geht langfristig weniger deutlich zurück als in der Vergleichsgruppe
Die Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen ist in den vergangenen Jahren gesunken. Zwischen 2010 und 2020 ging sie um 26,6 Prozent zurück. Betrachtet man aber die Zahl der Arbeitslosen insgesamt, so ging ihre Zahl im gleichen Zeitraum sogar um 44,3 Prozent zurück. Arbeitslose schwerbehinderte Menschen profitieren also weniger stark vom Trend der vergangenen Jahre. Das zeigt sich auch bei den Dauern der Arbeitslosigkeit: Im Schnitt ist ein Arbeitsloser mit Schwerbehinderung in Thüringen 111 Tage länger ohne Job als der Durchschnitt.1 „Die Corona-Krise ließ auch die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten ansteigen. Im November waren in Thüringen 4.992 schwerbehinderte Menschen arbeitslos, das sind 537 mehr als vor einem Jahr. Der Anstieg ist jedoch weniger stark als bei den anderen Arbeitslosen. Ein Grund dafür kann auch der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen sein", erklärte Markus Behrens, Geschäftsführer der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Thüringen bei der Beschäftigungsquote im oberen Feld des Länderrankings
Von den 4.686 Unternehmen, die in Thüringen gesetzlich zur Beschäftigung von Schwerbehinderten verpflichtet sind, kommen 2.650 ihrer Beschäftigungspflicht nicht voll oder gar nicht nach und zahlen eine gestaffelte Ausgleichsabgabe. Landesweit sind damit 20.673 der 476.246 zu berücksichtigenden Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt, das entspricht einer sogenannten „Ist-Quote"2 von 4,3 Prozent. Damit liegt Thüringen im oberen Feld des Länderrankings. Deutschlandweit liegt die Quote bei 4,6 Prozent.3 Neben den regionalen- gibt es auch branchenspezifische Unterschiede: Die geringsten Besetzungsquoten weisen in Thüringen die Branchen Bau (2,4 Prozent), Handel (3,0 Prozent) sowie Information und Kommunikation (3,1 Prozent) auf. Im Gastgewerbe, Verkehr/Lagerei und Bergbau lag die Besetzungsquote bei 3,3 Prozent. Über der gesetzlichen Quote von 5 Prozent liegt mit Abstand der Bereich Öffentliche Verwaltung und Sozialversicherung (6,5 Prozent). Auch in den Bereichen Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (5,4 Prozent), Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung (5,1 Prozent), Erbringung sonstiger Dienstleistungen (5,1 Prozent) und im Gesundheits- und Sozialwesen (5,0 Prozent) liegt die Quote darüber.

Arbeitslose Schwerbehinderte sind häufig besser qualifiziert
„Größere Unternehmen stellen in der Regel häufiger Schwerbehinderte ein. Wir haben in Thüringen aber eine vergleichsweise kleinteilige Betriebsstruktur. Gerade kleinere Unternehmen haben in der aktuellen Situation nur begrenzte Ressourcen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Daher sind leider vor allem Vorurteile oder Berührungsängste präsent und weniger das große Fachkräftepotential von Menschen mit Behinderung, auf das wir in Thüringen dringend angewiesen sind", erklärte Markus Behrens. So hätten 81 Prozent aller schwerbehinderten Arbeitslosen einen Berufsabschluss oder eine akademische Ausbildung. Der Anteil der Menschen mit beruflichem oder akademischem Abschluss liege bei allen Arbeitslosen bei 71 Prozent.4 „Für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt stellen die Arbeitsagenturen in Thüringen im Jahr 2020 rund 92 Millionen Euro zur Verfügung. Damit unterstützen wir Schwerbehinderte und Rehabilitanden etwa bei der technischen Ausstattung ihrer Arbeitsplätze, bei der Aus- und Weiterbildung oder zahlen Zuschüsse an Arbeitgeber", erklärte Markus Behrens.


1 Dauer der Arbeitslosigkeit bei Arbeitslosen mit Schwerbehinderung in Thüringen: 360 Tage, Dauer der Arbeitslosigkeit bei allen Arbeitslosen: 249 Tage, Stand: 2019
2 In der Jahressumme 2018 waren insgesamt 476.246 Arbeitsplätze nach § 73 SGB IX zu berücksichtigen. Auf Grund der geltenden Pflichtquote von 5 Prozent errechnet sich eine Beschäftigungspflicht von 22.535 Arbeitsplätzen nach § 73 SGB IX. Tatsächlich waren im Jahr 2018 in Thüringen 20.675 Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzt. Dies entspricht einer Beschäftigungsquote von 4,3 Prozent.
3 Angaben zur Beschäftigungsquote und Pflichtarbeitsplätzen sind von 2018