18.02.2021 | Presseinfo Nr. 14

Sachsen-Anhalt: Zahl der Leiharbeiter geht in der Corona-Pandemie weiter zurück

+++ Leiharbeit verliert aktuell an Bedeutung" +++ Corona-Krise als Katalysator +++ Behrens: „Zeitarbeitsbranche konkurriert mit anderen Branchen um knapper werdendes Arbeitskräftepotential!" +++

Die Zahl der Leiharbeiter ist im Jahr 2020 in Sachsen-Anhalt deutlich gesunken. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort. So waren im Juni 2020 17.839 Leiharbeiter sozialversicherungspflichtig oder geringfügig beschäftigt, im Juni 2019 waren es noch 21.829. Das entspricht einem Rückgang von über 18 Prozent. Zum Vergleich: Zwischen Juni 2018 und Juni 2019 war die Zahl der Leiharbeiter um 10 Prozent zurückgegangen.

Rund zwei Prozent der Beschäftigten sind Leiharbeiter
Insgesamt arbeiteten im Juni 2020 2,1 der Beschäftigten in Sachsen-Anhalt in der Zeitarbeit. Hier muss man aber differenzieren: So waren nur 1,6 Prozent der deutschen Beschäftigten in Sachsen-Anhalt Leiharbeiter, während die Leiharbeiterquote bei den ausländischen Beschäftigten im Land bei 10,9 Prozent lag. Bundesweit lag der Anteil der Zeitarbeiter an allen Beschäftigten bei 2,0 Prozent. 33 Prozent der Leiharbeiter in Sachsen-Anhalt arbeiteten in Verkehr- und Logistikberufen, knapp 8 Prozent in Metallbau-, Metallbearbeitungs- und Metallerzeugungsberufen und 8 Prozent in Bau-, Architektur-, Vermessungsberufen und Gebäudetechnikberufen.

Behrens: „Leiharbeit verliert an Bedeutung - Corona-Krise als Katalysator"
„Die Leiharbeit verliert seit etwa drei Jahren in Sachsen-Anhalt an Bedeutung. Die Branche hat zum einen sehr sensibel auf die konjunkturellen Eintrübungen der vergangenen Jahre vor allem im verarbeitenden Gewerbe reagiert. Dazu kamen gesetzliche Änderungen, welche die Leiharbeit stärker reglementiert haben. Außerdem haben Arbeitgeber Arbeitnehmer häufiger lieber fest eingestellt, weil sie diese aufgrund steigender Bedarfe fest an ihre Betriebe binden wollten. Die Corona-Krise hat vor allem im ersten Halbjahr 2020 wie ein Katalysator auf diese rückläufige Entwicklung gewirkt und sie beschleunigt und verstärkt. Im ersten Lockdown waren durch Grenzschließungen und die Unterbrechungen der Lieferketten auch viele Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und der Logistik betroffen, die viele Zeitarbeiter beschäftigen. So hat die Zahl der Leiharbeiter im vergangenen Jahr weiter abgenommen", erklärte Markus Behrens, Geschäftsführer der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Erster Lockdown im Frühjahr 2020 führte zu mehr Entlassungen bei Leiharbeitern
Diese Entwicklung zeigt sich auch beim Blick auf die Arbeitslosenstatistik: Sowohl im April als auch im Mai 2020 verloren mehr Leiharbeiter ihren Job als im Vorjahr. So wurden beim ersten Lockdown im April 2020 1.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Leiharbeiter arbeitslos, 193 mehr als im Vorjahresmonat (+23,9 Prozent). Im Mai 2020 wurden 984 Leiharbeiter entlassen, das waren 203 mehr als im Mai 2019 (+26 Prozent). „Mit dem Ende des ersten Lockdowns ging die Zahl der Entlassungen von Leiharbeitern dann wieder spürbar zurück und lag ab Juni 2020 bis zum Jahresende sogar zwischen 20 und 30 Prozent unter dem Niveau der Vorjahresmonate. Zum einen, weil die Unternehmen bereits einen großen Teil des Leiharbeiterpotentials freigesetzt hatten, zum anderen haben sie mit dem Ende des Lockdowns auch wieder stärker auf Leiharbeiter gesetzt, weil sie ausstehende Aufträge abarbeiten mussten. Die Zahl der Neueinstellungen lag aber - nach bisherigen Daten - ebenfalls unter dem Niveau von 2019", so Markus Behrens.

Kräftenachfrage in der Zeitarbeit geht in der Krise deutlich zurück
Dementsprechend ging auch die Kräftenachfrage in der Zeitarbeitsbranche im vergangenen Jahr deutlich zurück. Die Zeitarbeitsunternehmen hatten den Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt im Jahr 2020 10.187 neue Stellen gemeldet, 3.113 weniger als 2019 (-23,4 Prozent). Der Nachfragerückgang war stärker als in anderen Branchen. Über alle Wirtschaftszweige gesehen, ging die Zahl Stellenmeldungen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019 um 18,7 Prozent zurück. „Wir sehen aber auch, dass sich die Kräftenachfrage aus der Zeitarbeitsbranche am aktuellen Rand wieder stabilisiert hat. Ich gehe davon aus, dass der Trend sich fortsetzt, insbesondere in der Zeit nach der Krise, wenn in bestimmten Branchen Auftragsspitzen zu erwarten sind. Aufgrund der gesetzlichen Regulierungen und wegen des Strukturwandels in der Industrie, wird sich die Zahl der Leiharbeiter aber wahrscheinlich auf einem niedrigeren Niveau einpendeln, als wir das etwa noch vor drei bis vier Jahren hatten", erklärte Markus Behrens.

Zeitarbeitsbranche muss mit anderen Branchen um Arbeitskräfte konkurrieren
Ein weiterer Grund für den zu erwartenden schwächeren Beschäftigungs-Trend: „Die Zeitarbeitsunternehmen müssen angesichts des demografisch bedingten Rückgangs des Arbeitskräftepotentials immer mehr mit anderen Branchen um Arbeitskräfte konkurrieren", erklärt Markus Behrens. Die Zeitarbeit sei zwar für viele eine Brücke in den Arbeitsmarkt, weil sie auch Menschen mit geringerer formaler Qualifikation oder Sprachdefiziten einen Einstieg ermöglichte, die Arbeitsverhältnisse seien aber wesentlich instabiler als in anderen Branchen und erforderten große Flexibilität von den Arbeitnehmern. Das sei nicht immer attraktiv, so Behrens. „Dazu kommt, dass Leiharbeiter statistisch gesehen weniger im Portemonnaie haben als Beschäftigte in anderen Branchen," sagte Markus Behrens.

Leiharbeiter verdienen statistisch gesehen weniger als der Durchschnitt
Ende des Jahres 2019 erzielten sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigte Leiharbeitnehmer in Sachsen-Anhalt mit 1.735 Euro ein deutlich niedrigeres mittleres Bruttomonatsentgelt (Median) als insgesamt alle sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten mit 2.702 Euro. Dieses „Pay Gap" hängt aber zu einem großen Teil damit zusammen, dass sich die Beschäftigungsstruktur in der Arbeitnehmerüberlassung von jener der Beschäftigten insgesamt merklich unterscheidet. Zum Beispiel üben Vollzeitbeschäftigte in der Zeitarbeit viel häufiger eine Helfertätigkeit aus, die mit einer niedrigeren Entlohnung verbunden ist als Beschäftigte in anderen Branchen. Spezialisten und Experten, die in der Regel mehr verdienen, kommen dagegen in der Zeitarbeit weniger häufig zum Einsatz. Auch die tarifvertragliche Wochenarbeitszeit in der Zeitarbeit in Höhe von 35 Stunden kann bei den Entgeltunterschieden eine Rolle spielen.1

1 Die BA-Statistik bietet auch die Möglichkeit der Berechnung eines sogenannten bereinigten „Pay-Gaps", in dem die strukturellen Unterschiede zwischen Leiharbeitern und Nichtleiharbeitern stärker berücksichtigt werden. So lag das bereinigte Pay-Gap zwischen Leiharbeitern und Nicht-Leiharbeitern Ende 2018 bei rund 550 Euro (21 Prozent).