02.12.2021 | Presseinfo Nr. 71

Arbeitsmarkt: Menschen mit Behinderung weiterhin benachteiligt

+++ Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten in Sachsen-Anhalt sinkt weniger stark, als Zahl der Arbeitslosen insgesamt +++ Markus Behrens: „Menschen mit Behinderung bei der Jobsuche häufig mit Vorurteilen konfrontiert +++ Knapp 70 Prozent der verpflichteten Unternehmen kommen ihrer Beschäftigungspflicht für Schwerbehinderte nicht vollständig oder gar nicht nach +++ Christian Walbrach: „Wir müssen Arbeitgeber*Innen vorhandene Ängste nehmen!“

Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung in Sachsen-Anhalt ist in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen. Das zeigt eine Datenanalyse der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen anlässlich des „Tages der Menschen mit Behinderung“ am 03. Dezember. So sank die Zahl der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen von 4.133 im November 2016 auf 3.615 im November 2021. Das entspricht einem Rückgang von 12,5 Prozent. Trotzdem bleiben Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Denn die Zahl der Arbeitslosen insgesamt sank im gleichen Zeitraum um 28,5 Prozent, von 99.517 auf 71.192. Vergleicht man den November 2021 mit dem November 2020, sank die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten um 7,5 Prozent, während die Zahl der Arbeitslosen insgesamt um 12,6 Prozent zurückging. Die Benachteiligung zeigt sich auch bei der Dauer der Arbeitslosigkeit: Im Schnitt ist ein schwerbehinderte Arbeitsloser in Sachsen-Anhalt 201 Tage arbeitslos. Bei den Arbeitslosen insgesamt liegt die Dauer der Arbeitslosigkeit durchschnittlich bei 167 Tagen.1

Behrens: „Menschen mit Behinderung müssen bei der Jobsuche oft mit Vorurteilen kämpfen“
„Menschen mit Behinderung müssen bei der Jobsuche häufig mit Vorurteilen und Berührungsängsten kämpfen. Dann steht nicht ihr Fachkräftepotential im Vordergrund, auf das Arbeitgeber mehr denn je angewiesen sind, sondern vermeintliche Einschränkungen. Diese haben aber häufig viel geringere Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit, als viele denken.“, erklärte Markus Behrens, Geschäftsführer der BA-Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen.

Behrens: „Wer integriert, der profitiert!“
Er verwies darauf, dass arbeitslose Menschen mit Behinderung häufig gut qualifiziert und besonders motiviert seien. So haben über 70 Prozent aller schwerbehinderten Arbeitslosen in Sachsen-Anhalt einen Berufsabschluss oder eine akademische Ausbildung. Zum Vergleich: Der Anteil der Menschen mit beruflichem oder akademischem Abschluss liege bei allen Arbeitslosen bei 58,3 Prozent.2 Zudem stellten die Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt im Jahr 2021 98,5 Millionen Euro für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt und Reha-Maßnahmen zur Verfügung. Damit unterstützen sie schwerbehinderte Menschen und Rehabilitanden etwa bei der technischen Ausstattung ihrer Arbeitsplätze, bei der Aus- und Weiterbildung oder zahlen Zuschüsse an Arbeitgeber. „Wer integriert, der profitiert: Von guten, motivierten und loyalen Mitarbeitern und der Unterstützung durch Arbeitsagenturen, Jobcentern und Integrationsämtern“, erklärte Behrens.

Landesbehindertenbeauftragter Christian Walbrach: „Wir müssen Arbeitgebern Ängste nehmen!“
Von den 4.394 Unternehmen, die in Sachsen-Anhalt gesetzlich zur Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen verpflichtet sind, kommen 2.954, also 67 Prozent ihrer Beschäftigungspflicht nicht vollständig oder gar nicht nach und zahlen eine gestaffelte Ausgleichsabgabe. Davon verzichten 1.270 Unternehmen ganz auf die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen. Landesweit sind damit nur 14.050 der 415.673 zu berücksichtigenden Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzt, das entspricht einer sogenannten Quote von 3,4 Prozent. Damit ist Sachsen-Anhalt Schlusslicht im Länderranking. Deutschlandweit liegt die Quote bei 4,6 Prozent.
„Wir müssen auf dem Weg zu einem inklusiven Arbeitsmarkt weiter spürbar vorankommen, indem wir Arbeitgeber*innen neben allen Appellen und Forderungen auch vorhandene Ängste nehmen, sie coachen und Hürden für sie abbauen. Arbeitgeber*innen, welche, zumal in Krisenzeiten, die Ansicht vertreten, sie hätten weder Kraft noch Zeit Menschen mit Behinderungen eine berufliche Chance zu geben, wissen noch nicht, dass diese Menschen ihnen mehr geben, als sie Ihnen Kraft oder Zeit nehmen. Es geht um die Gestaltung dieses Erlebens des menschlichen Mehrwerts und die Wiederholung der Erfolge. Dann besteht auch die Hoffnung auf einen nachhaltigen Wandel in den Köpfen,“ erklärte Dr. Christian Walbrach, Landesbehindertenbeauftragter Sachsen-Anhalt.

Hintergrund: Beschäftigungspflicht und Ausgleichsabgabe
Arbeitgeber mit durchschnittlich mindestens 20 Arbeitsplätzen sind gesetzlich verpflichtet, auf mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Diese Arbeitgeber haben der Agentur für Arbeit bis spätestens 31. März 2022 ihre Beschäftigungsdaten anzuzeigen. Diese Frist kann nicht verlängert werden. Am schnellsten geht es elektronisch. Kommen Arbeitgeber der Beschäftigungspflicht nicht nach, ist eine sogenannte Ausgleichsabgabe zu zahlen. Diese Abgabe wird auf Grundlage der jahresdurchschnittlichen Beschäftigungsquote ermittelt. Falls eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden muss, kann dies ebenso über die Software berechnet werden. 

Die Ausgleichsabgabe wird nicht pauschal erhoben, sondern ist gestaffelt.

Beschäftigungsquote für Arbeitgeber Höhe der Abgabe jeMonat und unbesetztem Arbeitsplatz
3 Prozent bis unter 5 Prozent 140,- Euro
2 Prozent bis unter 3 Prozent 245,- Euro
unter 2 Prozent 360,- Euro

Regelungen für kleinere Betriebe
Unternehmen mit weniger als 40 Arbeitsplätzen müssen einen schwerbehinderten Menschen beschäftigen. Sie zahlen je Monat 140 Euro, wenn sie diesen Pflichtplatz nicht besetzen. Unternehmen mit weniger als 60 Arbeitsplätzen im Jahresdurchschnitt müssen zwei Pflichtplätze besetzen. Sie zahlen 140 Euro, wenn sie weniger als diese beiden Pflichtplätze besetzen, und 245 Euro, wenn weniger als ein Pflichtplatz besetzt ist. Die Mittel der Ausgleichsabgabe werden zur Förderung der Teilhabe von schwerbehinderten Menschen verwendet. Darunter zählt etwa die Einrichtung eines Arbeitsplatzes oder die Förderung eines schwerbehinderten Menschen mit einem Eingliederungszuschuss.

1 Gleitender Jahresdurchschnitt 2021/ Stand Oktober 2021
2 gleitender JD November 2020- Oktober 2021