04.09.2020 | Presseinfo Nr. 45

Gleich zwei Bayerische Staatspreisträger nach Altenpflege-Abschluss aus Weilheim

Stranic und Trautwein durchlaufen Förderprogramm der Agentur für Arbeit

„Das sind mit die schönsten Termine, die man als Mitglied der Geschäftsleitung in der Agentur für Arbeit wahrnehmen darf,“ schwärmte Oliver Wackenhut, kommissarischer Leiter des Agenturbezirkes Weilheim bereits vor der Feierstunde. Er hatte eingeladen: „Um zwei Personen wenigsten einen kleinen Teil von der Wertschätzung entgegenzubringen, die sie verdienen.“ Zwei frischgebackene Altenpfleger und beide mit derart herausragenden Leistungen, dass sie im Zuge ihrer Zeugnisübergabe in den Heimerer Schulen sogar mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet wurden. Die Durchschnittsnote von 1,5 eint Ana Stranic und Thomas Trautwein. Gemeinsam haben sie auch, dass sie mit nicht alltäglichen Voraussetzungen in die 3jährige Ausbildung gestartet sind. Frau Stranic, ursprünglich aus Kroatien stammend, war erst 2 Jahre in Deutschland, als sie sich für den Schritt entschied, sich weiterzubilden. Herr Trautwein entschloss sich mit bereits über 50 und nach einer langjährigen Karriere im Personalmanagement eines großen Textilunternehmens, seiner Berufslaufbahn noch einmal eine ganz andere Wendung zu geben. Ansonsten führten die beiden jedoch ganz verschiedene Wege in diesen verantwortungsvollen Beruf.

 

Frau Stranic hatte bereits in ihrem Heimatland prägende Einblicke in Altenheime erlebt, war dann aber in Deutschland angekommen, beruflich erst einmal in die Gastronomie eingestiegen. Sie träumte allerdings von einer Beschäftigung im Altenheim und bewarb sich auf ein entsprechendes Stellenangebot. Voller Motivation besuchte sie dann auch gleich den Einrichtungsleiter und als dieser ihr mitteilte, dass er gerade erst ihre Unterlagen prüft, meinte Frau Stranic nur: „Ich bin schon da“. Daraufhin konnte sie als Helferin einsteigen, wollte sich aber unbedingt weiterbilden. Eine Kollegin erzählte ihr dann von einer Fördermöglichkeit durch die Bundesagentur für Arbeit.

 

Die zuständige Vermittlerin im Arbeitgeberservice, Inge Lesser unterstützte Frau Stranic und genehmigte die Förderung „WeGebAU “, die seit dem 1. Januar 2019 „QCG - Qualifizierungschancengesetz“ heißt. „Die Weiterbildungsinitiative bietet Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Möglichkeit, fehlende Berufsabschlüsse nachzuholen, ohne jedoch ihre Arbeit kündigen zu müssen. Das bringt den Vorteil, dass trotz Weiterbildung keine finanziellen Einbußen entstehen. Die überwiegenden Kosten der Lehrgänge werden von der Agentur für Arbeit übernommen. Zusätzlich erhält der Arbeitgeber einen Arbeitsentgeltzuschuss, durch den die ausfallenden Arbeitszeiten aufgrund der Ausbildung finanziell ausgeglichen werden,“ erläutert Lesser. Für Personen, die bereits mitten im Leben stehen und finanzielle Verpflichtungen haben, ist dies oft die einzige Chance einen Abschluss zu erhalten, da das gängige Ausbildungsgehalt nicht ausreichen würde.

 

Auch Frau Stranic ist sehr dankbar, dass ihr die Agentur für Arbeit Weilheim diese Unterstützung bot, denn es gab auch andere Stimmen in ihrem Umfeld, die nicht dieses Vertrauen in ihre Kompetenzen hatten: „Ich wurde gefragt, ob ich nicht vorher einen Deutschkurs machen möchte. Aber das hat mich noch mehr motiviert, mein Bestes zu geben,“ berichtet die 32jährige. „Anfangs war die Schule für mich wirklich eine Katastrophe. Ich wusste manchmal gar nicht was ich lerne, aber ich wollte nicht aufgeben und habe immer weitergekämpft.“ Und nicht nur diese Kämpfermentalität zeichnet die junge Frau aus, sondern auch eine ganz besondere Herzenswärme. „Menschlichkeit lernt man nicht, damit wird man geboren,“ ist Stranic überzeugt. So berichtet sie, dass sie keine Berührungsängste mit alten Menschen habe und erzählt viele Anekdoten von ihren Lieblingsbewohnern. Manchmal fällt es ihr schwer, dass sie nicht mehr Zeit für die Pflegebedürftigen hat. „Die Dokumentation unserer Arbeit ist schon wichtig, aber wir verbringen zu viel unserer Arbeitszeit damit, alles aufschreiben zu müssen. Noch mehr für die Menschen da sein zu können, wäre schön, denn vor allem die stark dementiell Erkrankten spüren umso mehr unsere Nähe.“ Für Ana Stranic hat sich der harte Weg auf jeden Fall gelohnt: Ab dem 1. September ist sie bei ihrem Arbeitgeber als Altenpflegerin angestellt, nicht mehr als Helferin.

 

Auch Thomas Trautwein kam über Umwege zu Frau Lesser, die ihm eine Weiterqualifizierung über „Qualifizierungschancengesetz“ anbot. Seine Geschichte erzählt sich aber ganz anders. Viele Jahre war er im Personalmanagement beschäftigt und wollte irgendwann aus dem Kreislauf von immer mehr Profit ausbrechen. Wie er selbst berichtet, ist er „All in“ gegangen, hat gekündigt und wollte gerne einer sozialen Tätigkeit nachgehen. „Anfangs hatte ich an die Arbeit mit behinderten Kindern gedacht, auf jeden Fall ein sinnhafter Beruf. So habe ich zuerst einen Lehrgang zum Alltagsbegleiter abgeschlossen und während eines Praktikums im Altenheim hat mich der Einrichtungsleiter gefragt, ob ich nicht bleiben möchte.“ Herr Trautwein weiß, dass man schnell merkt, ob die Altenpflege das richtige ist: „Ich habe noch keinen Tag bereut und bin froh, dass ich es gemacht habe. Mehrere Zufälle haben mich in meinem Leben genau da hin gespült, wo es passt.“ Und auch er ist Frau Lesser und der Agentur dankbar: „Ohne Förderung wär es nicht gegangen, ich bin ja schließlich keine 18 mehr. Und ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt, es gab da jemanden, den ich immer anrufen konnte.“

 

Verbesserungswürdig sieht Trautwein allerdings das Standing des Berufes in der Gesellschaft und wünscht sich ein professionelles Ansehen des Berufsstandes. Denn es ist bei Weitem nicht so, dass diese Arbeit jeder machen kann oder der Weg in eine Pflegetätigkeit führt, wenn nichts Anderes mehr möglich ist. Auch verbesserte Rahmenbedingungen, Tarifverträge und geordnete Strukturen braucht es, um den Beruf attraktiver zu machen. Dennoch wäre ihm Jammern zu einfach: „Wir Fachkräfte müssen mehr dafür einstehen, unsere Tätigkeit so auszuüben, wie es fachlich auch richtig ist und nicht in Lethargie verfallen, dass am System nichts zu ändern ist.“ Denn bei allem gibt es laut Trautwein eine Maxime: „Der zu pflegende Mensch sollte im Mittelpunkt stehen, um ihn herum muss alles so gebaut werden, dass er die größtmögliche Würdigung und Wertschätzung erhält.“ Und auch der mittlerweile in der ambulanten Pflege tätige 54jährige berichtet von den emotionalen Erlebnissen, dem engen Kontakt und, dass viele in diesem Lebensabschnitt angekommen, niemanden anderen mehr haben. Thomas Trautwein unterstreicht seine Beziehung zu den von ihm zu betreuenden Personen mit einem Zitat von Albert Camus: „Geh nicht vor, vielleicht folge ich dir nicht. Geh nicht hinter mir, vielleicht kann ich dich nicht führen, geh einfach neben mir - und sei mein Freund.“

 

Inge Lesser freut sich über den Bilderbuch-Werdegang Ihrer Schützlinge: „Wenn wir dieses tolle Förderinstrument schon haben, dann müssen wir es nutzen - auch, um unseren besonderen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen. Es ist eine wunderbare Aufgabe, die Menschen zu ermutigen, ihren Weg weiterzuführen.“

Vor allem Oliver Wackenhut zeigt sich begeistert von dem angenehmen Nachmittag: „Wenn man diese bemerkenswerten Absolventen erleben darf, erkennt man sofort, dass die Fördermittel der Agentur für Arbeit bestens angelegt sind und welch gute Arbeit unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten.“

 

Neben den herausragenden Leistungen von Frau Stranic und Herrn Trautwein kann sich die Agentur für Arbeit Weilheim zudem über zwei Altenpflegefachhelferinnen freuen, die jeweils die Weiterbildung mit einem Notendurchschnitt von 1,4 abgeschlossen haben. Auch die beiden erfolgreichen Absolventinnen und ihr Arbeitgeber wurden durch die Agentur gefördert und starten nun mit der 3-jährigen Weiterbildung zur Pflegefachfrau.