Studienabbrecher als Azubis einstellen

Ein Projekt in Hamburg will Studienabbrechern Alternativen wie Berufsausbildungen aufzeigen. Warum Arbeitgeber diese Bewerbergruppe gezielt ansprechen sollten

29.05.2019Lesezeit 5 Minuten

Der Passus „Auch Studienabbrecher sind willkommen“ ist immer häufiger in Stellenannoncen zu finden, ein halbes Jahr nach dem Abbruch sind 43 Prozent der Ex-Studierenden in einer Berufsausbildung. Das Projekt shift in Hamburg versucht mit Partnern wie der Jugendberufsagentur die Beratung und Vermittlung zu bündeln. Im Interview erklären Annegret Witt-Barthel, Projektkoordinatorin von shift, und Sönke Fock, Leiter der Arbeitsagentur Hamburg, welche Vorteile Arbeitgeber bei der Einstellung von Studienabbrechern haben.

„Studienaussteiger wissen genauer, was sie wollen“

Faktor A: Wie ist der Ablauf, wenn ein Studierender sich mit Abbruchsgedanken an shift wendet?

Annegret Witt-Barthel: Die Hochschulen betreuen Studienzweifler und klären, ob doch noch ein Studienerfolg angestrebt werden kann. Wer sich zum Abbruch entschlossen hat, wird zu Beratungs- und Vermittlungsstellen wie zum Beispiel der Arbeitsagentur weitergeleitet. Und wer schon genau weiß, in welche Richtung es gehen soll, ist bei den Kammern an der richtigen Stelle. Durch shift haben diese Stellen ihre Zusammenarbeit intensiviert und für die Betroffenen eine verlässliche Beratungs- und Vermittlungskette vereinbart.

Wie bewerten Arbeitgeber einen Studienabbruch?

Nicht nur durch den Fachkräftemangel haben viele Arbeitgeber die Gruppe der Studienaussteiger als besonders interessante Nachwuchskräfte auf dem Radar. Bewusste Lebensentscheidungen nehmen viele Personalverantwortliche als positiv wahr. Wir veranstalten für Unternehmen eigene Netzwerktreffen, wo Betriebe wertvolle Hinweise und Erfahrungen rund um die Beschäftigung von Studienaussteigern austauschen und wir mit ihnen neue Wege der Ansprache entwickeln.

Und was bedeutet der Abbruch für die Betroffenen selbst?

Ihnen wollen wir mit shift zeigen, dass es auch abseits vom Hochschulstudium Berufsperspektiven gibt. Vor allem sollen Studienaussteiger erfahren, dass sie nicht allein und ungerade Lebensläufe kein Problem sind. Das Feld der Möglichkeiten ist weit, und eine Berufsausbildung eröffnet viel mehr Karrierewege, als die meisten denken. Auch ein duales Studium kann eine Option sein.

Warum ist es für Unternehmer interessant, auf Studienabbrecher zu setzen?

Annegret Witt Barthel Stiftung Hamburg
© Stefanie Thiele - Annegret Witt-Barthel leitet das Projekt shift – Hamburgs Programm für Studienaussteiger/innen.

Weil diese Menschen meist besondere Stärken mitbringen: In der Regel wissen sie genauer, was sie wollen, und sind in ihrer Persönlichkeit gereifter. Je nachdem, in welcher Phase des Studiums sie abbrechen, bringen sie neue Sichtweisen und Erfahrungen von der Hochschule mit in den Betrieb.

Annegret Witt Barthel Stiftung Hamburg

Wie können Arbeitgeber Studienaussteiger auf sich aufmerksam machen?

Die eigene Website ist zentral. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ist für Studienabbrecher bei der Neuorientierung das soziale Umfeld am wichtigsten. An zweiter Stelle kommen bereits die Websites von Unternehmen. Geht es um die Bewertung der Nützlichkeit für die Suche nach neuen Berufswegen, stehen die Unternehmenswebsites sogar an erster Stelle. Egal wie klein der Betrieb also ist, eine ordentliche Internetseite ist die beste Einladung zu einer Bewerbung.

Sollen Arbeitgeber Studienaussteiger explizit ansprechen?

Arbeitgeber sollten bei Lehrstellenangeboten konkret darauf hinweisen, dass auch Studienaussteiger sich bewerben können. Das Unternehmen signalisiert dem Aussteiger dadurch, dass er gebraucht wird und es ein passendes Angebot gibt.
Im Rahmen von shift erproben wir gerade das neue interaktive Online-Tool myshift. Dort können Betriebe ihre Orientierungsangebote einstellen, wie Praktika, Work-Shadowing (Begleitung im Arbeitsalltag) oder Austausch mit Auszubildenden. Studienaussteiger und Arbeitgeber können so direkt miteinander in Kontakt treten. Das ist insbesondere für Klein- und mittelgroße Betriebe interessant.

Interview

Barrierefreiheit für alle

Selbst für kleine Unternehmen bietet sich ein barrierefreies Webdesign der Firmen-Homepage an. Jörg Morsbach von der Düsseldorfer Agentur anatom5 beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dieser Art von Relaunch und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Faktor A: Warum ist das barrierefreie Web so wichtig?

Jörg Morsbach: Weil immer mehr Alltagstätigkeiten über das Internet stattfinden, gleichzeitig aber immer mehr ältere Menschen und Personen mit Behinderung das Netz nutzen. Der demografische Wandel ist Fakt. Gleichzeitig wird die Zeit der Erwerbstätigkeit immer weiter verlängert. Wie sollen Menschen mit einer fortgeschrittenen Sehbehinderung im Netz arbeiten, wenn Kontraste nicht ausreichen oder die Schriftgröße zu klein und nicht vergrößerbar ist? Wie sollen Menschen eine Maus bedienen, wenn die motorischen Fähigkeiten nicht mehr ausreichen? Ich glaube, ein barrierefreier Zugang zu digitalen Inhalten wird immer wichtiger.

Wie wird ein Relaunch umgesetzt?

Barrierefreies Internet bedeutet, dass eine Internetseite für jeden Benutzer lesbar und bedienbar ist. Das betrifft die technischen Aspekte wie Browser, Betriebssystem, Endgerät und so weiter. Aber auch die inhaltlichen. Nicht nur blinde Menschen, sondern auch Menschen mit motorischen Einschränkungen können häufig keine Computermaus verwenden. Also würde man zum Beispiel eine spezielle Tastatursteuerung entwickeln. Auch Schriftgrößen und Kontraste lassen sich verändern – und für blinde Menschen kann man Internetseiten ebenfalls so entwickeln, dass sie sie vollständig nutzen können: Die Internetseite wird ihnen mit spezieller Software vorgelesen.

Wie finden Unternehmer eine passende Agentur?

Eine Agentur, die sich wirklich mit dem Thema auskennt, erkennt man an guten Referenzen. Es gibt aber auch Experten für barrierefreies Webdesign, die bei der Auswahl helfen können. Wer sich hier richtig informiert, erspart sich in der Folge viel Ärger, denn Erfahrung spielt im Bereich Barrierefreiheit eine sehr große Rolle. Es empfiehlt sich, nach Fertigstellung der Seite einen BIK-Test zu durchlaufen. Das ist ein vom Bund gefördertes Zertifikat für eine barrierefreie Seite. Für Unternehmer ist es ohne Test praktisch unmöglich, zu sagen, ob wirklich alles umgesetzt wurde, was beauftragt wurde. Das ist alles mit komplexen Arbeitsschritten verbunden. Die Funktionsfähigkeit lässt sich durch den Test aber gut nachprüfen.

Wie lange dauert ein solcher Relaunch, und was kostet er?

Der Relaunch einer kleinen Seite kann vier oder fünf Wochen dauern. Komplexere Vorgänge dauern schon mal sechs Monate oder mehr. Klar ist: Barrierefreiheit kostet Geld. Auftraggeber und -nehmer müssen Know-how erwerben, um Barrierefreiheit erreichen zu können. Wenn Kunden nicht wissen, wie sie Internetseiten auf Barrierefreiheit testen können, wer übernimmt dann die Verantwortung? Auch das Personal des Auftraggebers, zum Beispiel die Online-Redaktion, muss regelmäßig geschult werden.

Autor: Julia Fröhleke
Titelfoto: © Bonninstudio/Stocksy