Auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten setzen Unternehmen auf Ausbildung

04.11.2025 | Presseinfo Nr. 55

Gemeinsames Fazit von IHK, HWK und Agentur für Arbeit Göttingen: Die Unternehmen in der Region setzen auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten auf die Ausbildungskarte. Obwohl weniger Ausbildungsstellen und mehr Ausbildungsinteressierte gemeldet waren, gab es auch im Berufsberatungsjahr 2024/25 insgesamt mehr Ausbildungsangebote als Bewerberinnen und Bewerber. Doch die Berufswahl und der Übergang Schule-Beruf ist und bleibt ein Thema, das die Aufmerksamkeit aller Akteurinnen und Akteure fordert. 

Insgesamt suchten im Berufsberatungsjahr 2024/25 2.269 Bewerberinnen und Bewerber mit Hilfe der Arbeitsagentur und der Jobcenter eine Ausbildungsstelle, ein Plus von 88 Jugendlichen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und ein Anstieg um 115 gegenüber dem Beratungsjahr 2022/23. 

Demgegenüber sank die Zahl der bei der Agentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsangebote auf 2.565. Das waren 502 Ausbildungsstellen (-16,4%) weniger als im Berufsberatungsjahr 2023/24 und 551 weniger als 2022/23 (-17,7%). 

Klaudia Silbermann, Chefin der Agentur für Arbeit Göttingen, erläutert diese Entwicklung wie folgt: „Der Anstieg der Bewerberzahlen hat aus meiner Sicht zwei Gründe: Zum einen gehen unsere Berufsberaterinnen und Berufsberater seit einigen Jahren bereits früher in die Schulklassen. Erste Impulse zum Thema Berufswahl und zu relevanten Aspekten für eine Berufswahlentscheidung werden mittlerweile früher, zum Teil bereits zwei Jahre vor der Abschlussklasse, gesetzt. Dadurch ist das Beratungs- und Vermittlungsangebot bei den Jugendlichen präsenter geworden. Aber auch Unsicherheit infolge der vielfältigen Krisen und Veränderungen führen dazu, Unterstützungsangebote der Berufsberatung oder der Jobcenter wahrzunehmen“, so die Expertin weiter. „Und Krisen, Umbrüche und Transformationen drücken sich auch auf Seiten der Unternehmen auf, die in diesem Jahr auch aufgrund schwieriger Marktbedingungen weniger Ausbildungsstellen bei uns gemeldet haben.“ 

Erfreulich sei aus ihrer Sicht, dass auch mehr junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bzw. Fluchthintergrund sich für eine Ausbildung interessierten. 435 Jugendliche aus anderen Nationen haben sich in diesem Jahr als Bewerberin oder Bewerber gemeldet, 62 mehr als 2023/24. Davon haben 142 in diesem Jahr eine Ausbildung begonnen, zwölf mehr als im Vorjahreszeitraum. Unter den Bewerberinnen und Bewerbern waren auch 74 junge Menschen aus der Ukraine, von denen 29 in diesem Jahr in eine betriebliche Ausbildung gestartet sind.

Trotz des Rückgangs der gemeldeten Ausbildungsstellen gab es auch im Berufsberatungsjahr 2024/25 mehr Berufsausbildungsstellen als gemeldete Ausbildungsinteressenten. Auf 100 betriebliche Ausbildungsstellen kamen 91 Bewerberinnen und Bewerber. Im Vorjahreszeitraum lag der Wert bei 72. Dieses Chancenverhältnis ist allerdings abstrakt, denn man würde voraussetzen, dass sich Angebot und Nachfrage bezüglich der konkreten Berufe deckten. „Und das Matching ist nach wie vor eine große Herausforderung. Denn es gibt Berufe, die stark nachgefragt werden, in denen also nicht jede oder jeder Interessierte zum Zuge kommen kann. Und es gibt spannende Ausbildungen, die kaum nachgefragt werden“, erläutert Silbermann. Und insbesondere diese Tatsache führt dazu, dass am Ende des Berufsberatungsjahres sowohl Jugendliche ohne Lehrstelle, als auch Unternehmen ohne Auszubildende dastehen.“ Die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber betrug im zurückliegenden Beratungszeitraum 262. Das waren 83 mehr als vor Jahresfrist (46,4%) und 101 mehr als im Berufsberatungsjahr 2022/23 (62,7%). Auf der Seite der gemeldeten Ausbildungsstellen waren zum 30.09. noch 192 Lehrstellen unbesetzt, 100 weniger als vor Jahresfrist (-34,2%) und 219 weniger als 2022/23 (-53,3%). „Auch nach dem Start der betrieblichen Ausbildungen bleiben wir natürlich am Ball, um für die unversorgten Jugendlichen möglichst noch in diesem Jahr in eine Ausbildung oder eine vorbereitende Qualifizierungsmaßnahme zu finden. Dazu sind wir auch mit den Kammern im engen Austausch.

Hausforderung: Übergang Schule-Beruf erfolgreich gestalten

Um junge Menschen beim Übergang Schule-Beruf zu unterstützen, da sind sich Kammervertreter und Agenturchefin einig, sind zwei Dinge besonders wichtig: Information über die Vielfalt vorhandener Ausbildungsmöglichkeiten, und Beratung, welche Berufsfelder den eigenen Talenten und Vorstellungen gut entsprechen und wie berufliche Ziele erreicht werden können. 

„Unsere Stärke ist die Neutralität in der Beratung und das Themenspektrum, das wir bedienen können. Neben Informationen zu Berufen oder Studiengängen stehen die Mitarbeitenden auch für Fragen zu Freiwilligendiensten, Auslandsprogrammen oder Praktika zur Verfügung“, erläutert Silbermann. Im zurückliegenden Beratungsjahr haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berufsberatung 5.410 Personen beraten, viele davon mehrfach. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum war das ein Plus 190 Beratenen.

Neben der Präsenz in den Schulen wirken die Beratungsfachkräfte, häufig gemeinsam mit dem Arbeitgeber-Service, an Veranstaltungen der Berufsorientierung mit, wie beispielsweise dem GöBit in Göttingen oder dem BIM in Northeim. Denn Messen bieten auch für die Berufsberatung eine wichtige Möglichkeit, junge Menschen, aber auch deren Eltern, zu erreichen.

Neben ihrem Beratungs- und Vermittlungsangebot unterstützt die Agentur für Arbeit Göttingen Jugendliche auf dem Weg in den Beruf auch ganz konkret, zum Beispiel durch die Förderung von berufsvorbereitenden oder ausbildungsbegleitenden Maßnahmen. Im laufenden Jahr stehen für Angebote zur Berufsorientierung, zur Unterstützung der Ausbildungsuche oder zur Stärkung der Ausbildung mit flankierenden Fördermaßnahmen allein rund 4,4 Millionen Euro aus dem Etat der Agentur für Arbeit Göttingen zur Verfügung[1], zuzüglich der zentral getragenen Aufwendungen für Ausbildungen in außerbetrieblichen Einrichtungen. 

Entwicklung der abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der Region

Die Berichterstattung der Agentur für Arbeit Göttingen berücksichtigt das gemeldete Angebot und die gemeldete Nachfrage für betriebliche Ausbildungen. Sie gibt in Teilen auch einen Überblick über den Verbleib der Bewerberinnen und Bewerber. Auskunft über die Gesamtzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge gibt jedoch in Gänze nur die Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), die die Meldungen der einzelnen Kammern zusammenführt. Diese ist vollständig erst zu Beginn des nächsten Jahres verfügbar. 

Einen ersten aussagekräftigen Trend für die Region bieten allerdings die Daten der beiden großen Kammern, der Industrie- und Handelskammer Hannover (IHK) sowie der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Ausbildungsbilanz – Industrie- und Handelskammer Hannover

Christian Grascha, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hannover und Leiter der IHK Geschäftsstelle Göttingen, stellte die Zahlen für seine Kammer vor. Demnach konnten bis zum 30. September 1.414 neue Ausbildungsverträge für IHK-Berufe eingetragen werden. Das waren 96 Ausbildungsverhältnisse weniger als vor Jahresfrist (-6,4%). Von den 1.414 eingetragenen Ausbildungsverträgen wurden 955 für kaufmännische Berufe und 459 für gewerbliche Berufe abgeschlossen.

Während sich der Rückgang bei den kaufmännischen Berufen auf 25 (-2,6%) beschränkte, fiel er in der Gruppe der gewerblichen Ausbildungen mit einem Minus von 71 (-13,4%) gegenüber dem Vorjahr deutlicher aus. 

Grascha bewertet diese Ergebnisse wie folgt: „Der Ausbildungsmarkt befindet sich in einer Sandwich-Lage. Auf der einen Seite finden viele Betriebe nicht die passenden Bewerberinnen und Bewerber. Auf der anderen Seite zeigen sich auch erste Spuren der wirtschaftlichen Krise der letzten Jahre. Insgesamt ist der Ausbildungsmarkt angesichts der Lage immer noch stabil und die Unternehmen investieren sehr viel in eine gute Ausbildung. Um die betriebliche Ausbildung zu stärken“, so der Kammervertreter weiter, „müssen die Berufsorientierungsmaßnahmen in den Schulen sowie das Marketing für die Berufsausbildung weiter verstärkt werden. Mit unseren Angeboten werden wir dies weiter unterstützten."

Ausbildungsbilanz - Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen 

Positive Nachrichten kommen für die Region von der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen (HWK). „Entgegen dem allgemeinen Trend verzeichnen wir erneut ein leichtes Plus bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Das zeigt: Das Handwerk bleibt 2025 eine starke, krisenresistente Karriereoption“, so Ralf Panzieri, Leiter der Beruflichen Bildung bei der HWK. Mit 781 eingetragenen Ausbildungsverhältnissen stieg die Zahl der Berufsanfänger im Handwerk in der Region gegenüber dem Vorjahr um 9,9 Prozent.

Besonders erfreulich sei, dass immer mehr Abiturientinnen und Abiturienten die duale Ausbildung als attraktive Alternative zum Studium entdeckten. „Unsere Betriebe bieten nicht nur sehr gute Gehaltsperspektiven, sondern vor allem Sinn, Stabilität und Entwicklungsmöglichkeiten – vom Gesellen bis zum Meister.“ Ein weiterer Fokus liegt auf der inklusiven Ausbildung. „Das Handwerk öffnet Türen – auch für Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen“, betont Panzieri. „Durch Nachteilsausgleiche und spezialisierte Fachpraktiker-Ausbildungsgänge schaffen wir echte Teilhabe und Perspektiven für alle.“

Große Bedeutung misst die Kammer auch der Berufsorientierung bei: Mit elf erfahrenen Fachkräften konnte die HWK im Jahr 2025 über 4.500 junge Menschen auf mehr als 170 Veranstaltungen im Kammerbezirk erreichen – von Schulbesuchen über Wettbewerbe wie „Mach was!“ bis hin zu gemeinsamen Projekten mit Stadt, Wirtschaftsförderung und Schulen. „Wir erleben eine wachsende Offenheit der Schulen, praxisnahe Angebote einzubinden – und genau das ist der Schlüssel, um Begeisterung für das Handwerk zu wecken.“

Panzieri zieht ein positives Fazit: „Das Handwerk steht für Verlässlichkeit, Perspektive und Zusammenhalt. Wir werden auch weiterhin alles daransetzen, für junge Menschen die Chancen einer Ausbildung im Handwerk erlebbar zu machen.“

Die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt der Agentur für Arbeit Göttingen – Agenturbezirk und Landkreise, Stand 30.09.2025 

(in Klammern jeweils Veränderungen zum Vorjahr)

 Agenturbezirk GöttingenLandkreis GöttingenLandkreis Northeim
Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen

2.565
(-502)

1.790 
(-345)

775 
(-157)
Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen

192
(-100)

134
(-73)

58
(-27)

Zahl der gemeldeten Ausbildungsbewerber

2.269
(+88)

1.450 
(+14)

819 
(+74)

Zahl der unversorgten Ausbildungsbewerber

262
(+83)

175 
(+45)

87
(+38)

Abgeschlossene Ausbildungsverträge in der Zuständigkeit der IHK

1.414
(-96)

1.054 
(-76)

360 
(-20)

Abgeschlossene Ausbildungsverträge in der Zuständigkeit der HWK

781
(+70)

552
(+63)

229 
(+7)


 


[1] In dieser Summe enthalten sind Aufwendungen für Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, Assistierte Ausbildung, Berufsorientierungspraktikum, Einstiegsqualifizierung, Berufseinstiegsbegleitung und Berufsausbildungsbeihilfe.