Mit 32 Jahren noch einmal zurück auf die Schulbank? Was für viele erst einmal abschreckend klingt, läutete für Steffen Eickfeldt einen Wendepunkt in seiner beruflichen Laufbahn ein. Nach mehr als zehn Jahren als Helfer bei ml&s entschied er sich 2017 für eine Qualifizierung zum Industrieelektriker für Geräte und Systeme. Heute, rund acht Jahre später, ist der 40-Jährige Teamleiter und stellvertretender Abteilungsleiter: “Das war das Beste, was mir passieren konnte.“
Nach der Mittleren Reife absolvierte Eickfeldt erfolgreich eine Ausbildung zum Bürokaufmann. „Ich merkte aber schnell, dass mich der Beruf nicht glücklich macht“, erinnert er sich. 2007 begann er über eine Zeitarbeitsfirma als Helfer im Elektrobereich bei ml&s – ein Aufgabenfeld, das ihn sofort begeisterte. Er arbeitete sich schnell ein und wurde kurze Zeit später in die Stammbelegschaft übernommen.
Die ml&s manufacturing, logistics and services GmbH & Co. KG mit Sitz in Greifswald fertigt Elektronikbauteile für namhafte Auftraggeber, wie die Deutsche Bahn, Otis, Rolls-Royce und CLAAS – von der Leiterplattenbestückung bis zur Fertigung und Konfiguration komplexer Systeme.
Als 2017 kurzfristig ein Projekt wegfiel, stand ml&s vor der Herausforderung, Beschäftigte zu halten und gleichzeitig eine Auftragslücke zu überbrücken. Mit der Agentur für Arbeit Greifswald und der IHK Neubrandenburg entstand die Idee, Beschäftigte im Rahmen einer Teilqualifizierung zu einem Berufsabschluss zu führen. Das Modell war bis zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt und es sollte bundesweit das erste Mal sein, dass eine Teilqualifizierung im Bereich Industrieelektrik durchgeführt wird.
Die Teilqualifizierung ermöglicht Erwachsenen, einen Berufsabschluss Schritt für Schritt nachzuholen. Dabei wird ein Ausbildungsberuf in mehrere, aufeinander aufbauende Module unterteilt. Nach Abschluss eines Moduls absolvieren die Teilnehmenden eine Kompetenzfeststellung und erhalten bei Erfolg ein Zertifikat.
„Uns wurde schnell klar, dass enormes Potenzial in unserer eigenen Belegschaft steckt“, erklärt Janett Mechel, technische Geschäftsführerin der ml&s GmbH & Co. KG. Das Unternehmen informierte die Mitarbeitenden über die Möglichkeit, eine berufliche Qualifizierung zu absolvieren. Angesprochen wurden insbesondere Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder mit langjähriger Tätigkeit in einem fachfremden Bereich. Weitere Voraussetzungen waren ein Mindestalter von 25 Jahren sowie das Bestehen eines Eignungstests durch den Berufspsychologischen Service der Arbeitsagentur.
Ein Greifswalder Bildungsträger entwickelte gemeinsam mit der IHK Neubrandenburg die Lehrpläne für die einzelnen Module. Die Agentur für Arbeit beteiligte sich an den Lehrgangskosten und gewährte Zuschüsse zum Arbeitsentgelt. „Ein großer Vorteil der Teilqualifizierung ist, dass die Mitarbeitenden während der Qualifizierung kein Gehalt verlieren“, erläutert Klaus-Peter Köpcke, Leiter der Arbeitsagentur Greifswald.
Im Februar 2017 starteten insgesamt 21 Beschäftigte mit dem ersten Modul. „Ich war sehr aufgeregt. Es fühlte sich an wie mein erster Schultag“, erinnert sich Eickfeldt. Im Dezember 2020 hielten zehn Teilnehmende ihren Facharbeiterbrief in den Händen. Einige Teilnehmende brachen die Ausbildung aus unterschiedlichen Gründen ab – etwa wegen der hohen Anforderungen oder privater Umstände. „Aber auch sie erarbeiteten sich während der Zeit neue Kenntnisse und Fertigkeiten und erwarben entsprechende Zertifikate“, berichtet Mechel. Die Flexibilität der Teilqualifizierung ermöglicht es zudem, die Ausbildung zu einem späteren Zeitpunkt fortzuführen.
„Uns ist bewusst, dass qualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind und nicht alle dauerhaft im Unternehmen bleiben“, sagt Mechel. „Dennoch nehmen wir dieses Risiko bewusst in Kauf. Wir unterstützen unsere Mitarbeitenden gern und erleben mit Begeisterung, wie sie sich entwickeln.“
Steffen Eickfeldt ist dafür ein gutes Beispiel. Ohne die Qualifizierung wäre sein beruflicher Aufstieg kaum möglich gewesen. Unterstützung erhielt er dabei auch innerhalb des Unternehmens: „Wir bildeten während der Praxisphasen Lerngruppen und unsere Vorarbeiter und Meister unterstützten uns bei den Prüfungsvorbereitungen“, berichtet er.
Rückblickend zieht Eickfeldt ein durchweg positives Fazit: „Die Ausbildung eröffnete mir neue berufliche Perspektiven und auch privat hilft mir das Wissen“, sagt er schmunzelnd und berichtet über ein selbst installiertes Terrassenlicht. Wichtig seien vor allem Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Konzentration und Durchhaltevermögen.
Mittlerweile bildet ml&s im Rahmen der Teilqualifizierung in vier Berufen aus: Industrieelektriker/in für Geräte und Systeme, Mechatroniker/in, Fachkraft für Lagerlogistik sowie Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Aktuell befinden sich 14 Beschäftigte in einer Teilqualifizierung. Dazu absolvieren 27 Auszubildende in drei Berufen ihre reguläre Ausbildung im Unternehmen. Außerdem bietet ml&s Praktika für Dualstudierende an.
„Wir sind von der Teilqualifizierung überzeugt“, betont Geschäftsführerin Mechel. „Für uns ist sie ein wichtiger Baustein, um Fachkräfte zu sichern und berufliche Entwicklung im eigenen Unternehmen zu ermöglichen.“
„Die Digitalisierung treibt den technischen Fortschritt immer weiter voran und verändert die Anforderungen an Beschäftigte. Damit gewinnt berufliche Weiterbildung sowohl für Unternehmen als auch Beschäftigte zunehmend an Bedeutung“, verdeutlicht Agenturleiter Köpcke. Die Arbeitsagentur berät zu passenden Qualifizierungsmöglichkeiten und kann diese unter bestimmten Voraussetzungen auch finanziell fördern. Voraussetzungen sind unter anderem, dass eine Weiterbildung mindestens 120 Stunden umfasst, zertifiziert ist und die erworbenen Kompetenzen über den unmittelbaren Einsatz am aktuellen Arbeitsplatz hinaus angewandt werden können.
Im vergangenen Jahr starteten in Vorpommern-Greifswald über 300 Beschäftigte eine geförderte Weiterbildung. „Aus unserer Sicht besteht hier noch Potenzial, von dem Beschäftigte und Unternehmen profitieren können“, so Köpcke.
Unternehmen können sich für eine Beratung an ihre Ansprechperson im Arbeitgeber-Service wenden oder nutzen die kostenfreie Service-Nummer 0800 4 5555 20. Beschäftigte können sich online einen Beratungstermin buchen unter www.arbeitsagentur.de/greifswald.