Zwanzig Anrufe am Tag, über 1.100 Kontakte in der Kartei und ein Telefon, das eigentlich nie stillsteht. Wenn man auf der Insel einen verlässlichen Mann für Gas, Wasser und Wärme braucht, landet man fast zwangsläufig bei ihm. Seit 1996 trägt Jörg Suchland seinen Meisterbrief mit Stolz durch den Berufsalltag. Acht Jahre lang war er als Ein-Mann-Betrieb unterwegs, draußen bei den Menschen, Tag für Tag. Doch je näher das Rentenalter rückt, desto lauter wird eine Frage, die viele gestandene Handwerker nachts wachhält: Was wird aus all dem, wenn ich in die Rente gehe?
Dass gutes Personal im Handwerk rar ist, ist kein Geheimnis mehr. Noch schwerer wiegt diese Realität abseits der Großstädte. Wer auf der Insel Usedom arbeitet, braucht realistische Erwartungen – und vor allem ein feines Gespür für Menschen. Großbaustellen sind nicht seine Welt. Sein Herz schlägt für den Einsatz bei den Menschen auf der Insel, den Privathaushalten. Dabei arbeitet Jörg Suchland eng mit den Unternehmen vor Ort zusammen. Statt erbittertem Konkurrenzkampf pflegen die Handwerksbetriebe auf der Insel ein Miteinander. Man hilft sich aus, teilt Erfahrungswerte und schätzt die gegenseitige Arbeit.
Drei bis vier Aufträge am Tag, von der streikenden Heizungsanlage bis zum Einbau moderner Sanitär- und Lüftungssysteme. Hier geht es nicht um anonyme Auftraggeber, sondern zumeist um Stammkunden, deren Vertrauen sich Jörg Suchland über die vergangenen Jahre erarbeitet hat.
Je näher das Rentenalter kam, desto klarer wurde Jörg Suchland, dass er für seine Kunden eine verlässliche Nachfolge braucht. Den Impuls hierfür erhielt er durch den Arbeitgeberservice von Arbeitsagentur und Jobcenter. Dieser berät Unternehmen rund um die Themen Fachkräftesicherung und -gewinnung. Was ihm besonders wichtig ist? „Man muss sich mögen, wenn man Tag für Tag, Schulter an Schulter im Heizungskeller steht“, lautet das Credo des Meisters. Handwerk ist schließlich keine Fließbandarbeit, sondern ein nahezu familiäres Miteinander, bei dem ein Wort noch gilt, gemeinsam gelacht wird und man sich aufeinander verlassen kann. Seine feste Überzeugung ist, dass jeder Mensch hat eine echte Chance verdient hat, wenn er sie nur ergreifen will. Genau hier beginnt das zweite Kapitel der geplanten Betriebsnachfolge.
Jörg Suchland fand zwar keinen fertigen Alleskönner von der Stange, aber einen jungen Mann, der das Herz am rechten Fleck hat und dazu noch das nötige handwerkliche Geschick. Nico Schütz ist fleißig, bodenständig, dankbar für die Perspektive und fest entschlossen, auf der Insel beruflich Fuß zu fassen. Der gelernte Kachelofen- und Luftheizungsbauer arbeitete über 20 Jahre in verschiedensten Bereichen und war unter anderem als Messebauer in Europa unterwegs. In einer 7-monatigen Anstellung im Unternehmen lernte er das Unternehmen von Jörg Suchland kennen. Ihm war schnell klar, dass dies sein Weg werden sollte. Auch sein neuer Chef erkannte das Potenzial und nahm Kontakt mit Arne Reyher vom Arbeitgeberservice auf. Dieser erinnert sich: „Während des Gespräches kristallisierte sich heraus, dass es am besten wäre, wenn Nico Schütz eine Ausbildung absolviert. Da er bereits mehrere Jahre als Hilfskraft arbeitete und seine frühere Ausbildung auf dem heutigen Arbeitsmarkt nicht verwertbar, konnten wir im Rahmen der Beschäftigtenqualifizierung mit der Übernahme von Lehrgangskosten und Zuschüsse zum Arbeitsentgelt unterstützen. Es folgte eine 2-jährige betriebliche Umschulung, in der er das Metier von der Pike auf neu erlernte. Im September 2026 erhielt Nico Schütz endlich seinen lang ersehnten Gesellenbrief.
Doch sein Weg ist damit noch lange nicht zu Ende. Das gemeinsame Ziel ist klar gesteckt: Der Meistertitel soll her, damit er in ein paar Jahren den Betrieb fortführen kann. Drei bis dreieinhalb Jahre harter Einsatz liegen vor ihm – zwischen den Baustellen auf der Insel und der Meisterschule in Rostock. Ein Kraftakt, der zeigt, wie ernst es beiden Seiten ist. Jörg Suchland unterstützt seinen Schützling wo er nur kann.
Jörg Suchland kann nun sein Wissen Schritt für Schritt weitergeben, ohne dass seine Stammkunden ins Leere greifen müssen – und Nico Schütz wächst mit Geduld, Respekt und harter Arbeit in ein Lebenswerk hinein, das auf der Insel eine echte Zukunft hat.