Nico Fischer hat eine Lernbehinderung und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Trotzdem konnte er eine Ausbildung abschließen und ist heute fester Bestandteil des Teams bei Niedringhaus-Agrar in Petershagen-Friedewalde. Wie Offenheit, Motivation, Disziplin und Unterstützung zusammen eine Chance eröffneten, die zum Erfolg führte.
Um 7 Uhr morgens geht es los auf dem Hof Niedringhaus in Petershagen-Friedewalde. In einer Teambesprechung werden Aufgaben verteilt und der Tag geplant. Mit dabei ist auch Nico Fischer. Er arbeitet seit 2025 im Betrieb – als einer von sieben Mitarbeitern. Doch seine Geschichte ist eine ganz besondere.
Der 23-Jährige hat ADHS und eine Lernbehinderung. Durch seine Einschränkungen fallen ihm einige Aufgaben schwerer. Und doch: Mit Motivation und Disziplin hat er seine Fachpraktiker-Ausbildung für die Landwirtschaft absolviert. „Das war für mich schon ein bisschen schwierig, aber ich habe mich bemüht, das durchzuziehen“, erinnert er sich heute. Eine Fachpraktiker-Ausbildung ist eine theoriereduzierte Ausbildung mit einem hohen Praxisanteil. Sie ermöglicht es Menschen mit Schwächen im theoretischen Bereich einen Berufsabschluss zu erlangen.
Dass Nico Fischer gerade bei praktischen Arbeiten aufblüht, wird schon bei der Begründung für seine Berufswahl deutlich: „Ich wollte auf keinen Fall einen Bürojob, sondern lieber eine Aufgabe an der frischen Luft. Ich arbeite auch gern mit Tieren.“ Diese Tätigkeiten durfte er bereits während der langen Praktikumsphasen in der Ausbildung bei Niedringhaus-Agrar kennenlernen.
Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung ging es dann jedoch um eine Weiterbeschäftigung als Helfer. Inhaber Helge Niedringhaus und Julia Niedringhaus waren anfangs skeptisch: „Wir haben uns schon gefragt, ob wir genug für Nico passende Aufgaben haben, um seine Arbeitszeit zu füllen. Aber da wir ihn schon aus dem Praktikum kannten, und daher wussten, dass er zuverlässig ist, haben wir uns entschieden, ihm eine Chance zu geben. Natürlich auch in Rücksprache mit dem restlichen Team und zunächst mit 15 Arbeitsstunden in der Woche.“ Außerdem erhielt der Betrieb im ersten halben Jahr einen Gehaltszuschuss von 70 Prozent von der Arbeitsagentur – um den erhöhten Einarbeitungsaufwand auszugleichen. „Dieser sogenannte Eingliederungszuschuss soll Arbeitgebern, die einen erhöhten Aufwand bei der Einarbeitung von Menschen mit Behinderung haben, eine finanzielle Entlastung geben. Ziel ist es, für behinderte Menschen die Chancen auf eine Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt zu erhöhen“, so Miriam Böckstiegel. Sie ist Spezialistin für Berufliche Rehabilitation und Teilhabe bei der Arbeitsagentur Herford und berät Unternehmen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen oder beschäftigen möchten.
Da stellt sich die Frage: Lohnt sich das? Im Fall von Nico Fischer lautet die Antwort eindeutig: Ja. Seit September 2025 arbeitet er bei Niedringhaus-Agrar. Er hilft bei der Fütterung und dem Aus- und Umstallen der Schweine. Gemeinsam im Team werden die Ferkel geimpft und mit Ohrmarken ausgestattet. Er kümmert sich um das Beschäftigungsmaterial für die Tiere, verteilt Heu und Stroh, hilft bei Reinigungsarbeiten und der Kartoffelernte. Seine Lieblingsaufgaben? „Den Stall mit dem Hochdruckreiniger sauber machen. Mir ist wichtig, dass es den Tieren gut geht, dass alles sauber ist. Ich mag auch die Teamarbeit und die Kartoffelernte im September.“
Und genau hier zeigen sich dann auch seine Stärken: „Nico kann sich unglaublich gut auf einzelne Tätigkeiten fokussieren, wie beispielsweise das Aussortieren von Steinen bei der Kartoffelernte. Da kann das ADHS auch ein Vorteil sein“, weiß Detlef Fischer, Nicos Vater. Und auch Helge Niedringhaus, der viel Feedback von seinen Mitarbeitern zum Arbeitsalltag mit Nico erhält, bestätigt: „Die Reinigung der Ställe und die Arbeit bei der Kartoffelernte erledigt er wirklich sehr ordentlich und gründlich.“
Auch im Team bringt Nico sich wunderbar ein, holt seit neuestem auch das gemeinsame Team-Mittagessen beim Catering-Service ab. „Tatsächlich läuft es so gut, dass wir Nicos Arbeitszeit von den anfänglichen 15 Wochenstunden auf jetzt 25 Wochenstunden erhöhen konnten“, so Helge Niedringhaus.
„Ich würde anderen Betrieben empfehlen: Wenn ihr Teamaufgaben habt, Dinge, die gemeinsam erledigt werden können, gebt Menschen wie Nico eine Chance. Ich verstehe die Skepsis, auch wir hatten sie anfangs, aber Nico hat viel Potenzial und es zeigen sich im Arbeitsalltag viele Stärken. Die Unterstützung und Förderung durch die Arbeitsagentur und andere Stellen kann zusätzlich helfen, Aufwand auszugleichen“, so der Inhaber des Betriebs, der neben der Schweinezucht auch Ackerbau betreibt.
Nicos Geschichte zeigt: Eine Behinderung ist nicht automatisch auch ein Hinderungsgrund für eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt. Er hat bewiesen, dass harte Arbeit, Durchhaltevermögen und Zuverlässigkeit es ermöglichen, dass er trotz seiner Einschränkungen erfolgreich am Arbeitsleben teilnehmen kann. Detlef Fischer betont: „Einen Betrieb mit einer solch einfühlsamen Leitung und verständnisvollen und geduldigen Mitarbeitern zu finden und dabei dann zusätzlich die notwendige Unterstützung zu bekommen, das war ein Glücksgriff. Es ist einfach super, dass es diese Angebote gibt und Arbeitgeber, die eine Chance geben.“
Arbeitgeber, die sich die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung vorstellen können, aber eine Beratung zu Unterstützungsmöglichkeiten und ähnlichen Fragestellungen wünschen, können sich unter 05221 985 264 oder miriam.boeckstiegel@arbeitsagentur.de an Miriam Böckstiegel wenden. Die Beratungsdienstleistungen sind kostenlos und stehen allen Unternehmen aus den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke offen.