Wer kennt sie nicht, die Hinweise beim Besuch der Fachärztin oder des Hausarztes, dass leider mit Wartezeiten oder Umständlichkeiten zu rechnen ist – weil zu wenig medizinisches Fachpersonal anwesend ist. Wenn es um die eigene Gesundheit geht, möchte man das eigentlich nicht.
In Offenbach absolviert eine junge Frau eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten in Teilzeit - wenn man ihre Geschichte erfährt, hofft man, dass man beim nächsten Arztbesuch jemandem wie ihr begegnet.
Denn Maryam N. musste einige Hürden überwinden, bevor es so weit war. Sie kam vor zehn Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. In Afghanistan hatte sie einen Hochschulabschluss erworben und wollte Ärztin werden. Dann wurde die Situation in dem krisengeschüttelten Land immer unerträglicher und sie beschloss, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Als sie in Offenbach ankam, war sie voller Optimismus, hatte aber noch keine ausreichenden deutschen Sprachkenntnisse.
Maryam N. hat alle Wege hin zur gefragten Fachkraft in enger Abstimmung mit den Beraterinnen der Agentur für Arbeit Offenbach gemacht. Aber für das Gelingen ist vor allem sie selbst verantwortlich: ihre Ausdauer, ihr Fleiß und ihre Zielstrebigkeit, mit der sie auch Hürden überwindet.
Der Spracherwerb stand für die junge Frau an vorderster Stelle. Alle Sprachkurse bis zum B2-Level hat sie in kürzester Zeit absolviert. Sie konnte auch ihre Zeugnisse aus Afghanistan anerkennen lassen. Es kristallisierte sich in den intensiven Beratungsgesprächen heraus, dass sie eine duale Ausbildung machen würde, denn sie wollte in Deutschland bleiben und sich auch beruflich integrieren.
Ihre größte berufliche Chance sah sie in gesundheitlichen Berufen. Sie absolvierte auf Anraten ihrer Berufsberaterin mehrere Praktika und entschied, dass ihr das Berufsbild der medizinischen Fachangestellten am meisten entsprach. Die Mischung aus medizinischem Wissen, dem empathischen Zugang zu Menschen sowie dem technischen und kaufmännischen Know-how, das in diesem anspruchsvollen Beruf erforderlich ist, lag genau auf ihrer Linie.
Die Schwangerschaft brachte Maryam N. nicht von ihrem Ziel ab. Sie musste den Ausbildungsbeginn verschieben, ließ in ihren Bemühungen aber nicht nach. Sobald die Kinderbetreuung für ihre Tochter gesichert war, entschloss sie sich, die Ausbildung in Teilzeit zu machen. Das ist machbar, wenn auch der Ausbildungsbetrieb mitspielt.
Eva Seyrling, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Offenbach: „Es war ein längerer Prozess, bis Frau N. ihre Ausbildung starten konnte. Aber sie hat sich in allen Stadien ihres Vorhabens ausführlich beraten lassen - so konnten alle Möglichkeiten durchgesprochen werden. Das ist wichtig. Dass eine Ausbildung auch in Teilzeit absolviert werden kann, kann Müttern und Vätern neue Wege eröffnen. Frau N. hat auch unsere Vermittlungsvorschläge ernst genommen und als das genutzt, was sie sind: eine Chance. Aber überzeugt hat sie mit ihrer Persönlichkeit.“
Dass es die Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit gibt, ist wenig bekannt. Gründe können Erziehungszeiten, aber auch die Pflege von Familienangehörigen sein.
Im September 2023 begann Maryam N. mit ihrer Ausbildung. Ausbildung in Teilzeit bedeutet, dass alle theoretischen Ausbildungsabschnitte voll belegt werden, aber die Praxisanteile verringert oder zeitlich gestreckt stattfinden. Deswegen kann eine Teilzeit-Ausbildung auch auf vier Jahre verlängert werden. Maryam N. wird ihre Ausbildung aber voraussichtlich in der Regelzeit schaffen. Die Betreuung ihrer Tochter hat sie gemeinsam mit ihrem Mann so geregelt, dass sie genügend Lernzeiten hat.
„Es ist sehr anstrengend“, lacht sie. „Aber es macht auch Spaß und ich habe noch mein ganzes Berufsleben vor mir. Durch die Beratungsgespräche wurde mir klar, dass man mit einer Ausbildung in Deutschland sehr viele Möglichkeiten hat. Bis jetzt habe ich es noch keinen Tag bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben.“
Tipp:Informationen zur Ausbildung in Teilzeit
Sonja Schicktanz
Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt
Tel.: 069 82997 822
Offenbach.bca@arbeitsagentur.de
Tipp:Berufsberatung zur Ausbildung in Teilzeit
Eva Seyrling
Studien- und Berufsberaterin
Offenbach.berufsberatung@arbeitsagentur.de