„Nicht den Rolli-Fahrer sehen“

Zu Ansgar Steitz kommen Menschen, die sich mit den Onlinediensten der BA nicht zurechtfinden

29.07.2026 | Presseinfo Nr. 60

Seit Ende letzten Jahres arbeitet Ansgar Steitz in der Eingangszone der Agentur für Arbeit Offenbach. Als Head of Online Service Point Offenbach (OSPO) befähigt er Menschen, die Onlinedienste der Bundesagentur für Arbeit (BA) zu nutzen. Denn bei der BA werden immer mehr Dinge online erledigt - vom Erstellen eines Profils bis zum Antrag auf Arbeitslosengeld. Was den einen Spaß macht und mit leichter Hand umgesetzt wird, ist für andere ein Ärgernis oder gar eine schwer zu überwindende Hürde. Genau dann kommt Ansgar Steitz ins Spiel.

Mit viel Know-how und Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, anderen die Scheu vor digitalen Anwendungen zu nehmen. Er übernimmt nicht die Arbeit der Kunden/-innen, aber er unterstützt sie dabei, es selbst zu tun. Ansgar zeigt geduldig, welche Möglichkeiten es gibt, wie ein Onlineprofil erstellt wird und wie die App BA-Mobil funktioniert - Schritt für Schritt und in dem Tempo, das für den Kunden oder die Kundin passt. Wer länger braucht, braucht eben länger. Selbst wenn man ihm unfreundlich begegnet, nimmt er es nicht persönlich, sondern bleibt gelassen.

„Viele, die hierherkommen, sind überfordert“, weiß Ansgar. „Sie sind arbeitslos oder kurz davor und stehen unter Stress. Damit kommt nicht jeder klar“. Aber die meisten seien sehr freundlich, häufig sogar dankbar. Ansgar ist davon überzeugt, dass er als Rollstuhlfahrer leichter einen Draht zu den Menschen findet, wenn sie gerade unter Druck stehen. „Sie ahnen vielleicht, dass ich es auch nicht immer einfach hatte im Leben.“

Das stimmt. Seit seiner Geburt ist er gehbehindert. Die Zeit seiner Ausbildung zur Bürokraft war geprägt von mehreren Operationen, Schmerzen und körperlichen Problemen. Zeitweise konnte er nicht ohne einen Pflegedienst leben. Als es ihm wieder besser ging, machte der heute 25jährige bei der Sportjugend Hessen im Sportkreis Offenbach ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und den Übungsleiterschein. Er engagierte sich im Inklusionsbereich für Kinder und Jugendliche. Außerdem setzte er in dieser Zeit eine Idee für ein interessantes Projekt um: Ansgar hat Sportstätten im Kreis Offenbach auf Barrierefreiheit getestet und seine Ergebnisse den Vereinen zur Verfügung gestellt.

Überhaupt spielt Sport eine wichtige Rolle in seinem Leben. Fitnesssport, Schwimmen und Physiotherapie machen seine Behinderung nicht ungeschehen, aber sie helfen, die Auswirkungen zu lindern. Und es tut gut zu sehen, dass er mit anderen mithalten kann. Mit zwei BA-Kolleginnen war er in diesem Jahr zum ersten Mal beim JP Morgan Lauf mit dabei.

Was Kundinnen und Kunden nicht wissen: Ansgar Steitz kennt auch die Position an der anderen Seite des Tisches. Denn noch letztes Jahr war er selbst bei der Agentur für Arbeit Offenbach arbeitslos gemeldet. Seine Beraterin und jetzige Kollegin schlug ihm vor, sich direkt bei der Arbeitsagentur zu bewerben. Gesagt, getan. Er wurde zur Hospitation in die Eingangszone eingeladen und erhielt direkt danach einen Anruf der Personalabteilung mit der Frage, wann er anfangen könne.

Manche der Hilfesuchenden kommen aus der Eingangszone zu ihm, direkt nachdem sie sich arbeitslos oder arbeitsuchend gemeldet haben. Andere buchen vorher online einen Termin, um sich helfen zu lassen. „Sie kommen aus allen möglichen Berufen, allen Altersklassen und haben unterschiedliche Qualifikationen“, so Ansgar zu Merkmalen seiner Kundinnen und Kunden. „Ich hole sie dort ab, wo sie stehen. Ich glaube, dass ich ihnen ein Stück Selbstvertrauen zurückgeben kann.“

Carmen Giss, Vorsitzende der Geschäftsführung der Offenbacher Arbeitsagentur, ist froh über ihren Kollegen: „Herr Steitz ist an diesem Platz genau richtig. Er ist jeden Tag mit Leidenschaft bei der Sache und ein Beispiel für gelungene Inklusion.“

Nach der Arbeit geht Ansgar immer direkt ins Fitnessstudio. Dazu postet er Fotos und Reels auf seinem Instagram-Kanal - auch, um anderen Rollifahrern zu zeigen, was alles möglich ist. Zudem ist er sprachbegabt, spricht fließend Englisch, etwas Türkisch und lernt aktuell Spanisch. „Wichtig ist mir bei meiner Arbeit, Menschen in einer schwierigen Situation mit Respekt zu begegnen. Und vielleicht erinnern sie sich nicht an den Rollifahrer, sondern an den Menschen, der sich Zeit für sie genommen hat, und der im Rollstuhl sitzt.“