IAB Regional Hessen:
Anteil junger Menschen ohne Berufsabschluss dramatisch gestiegen
In Deutschland als auch in Hessen steigt seit Jahren die Zahl junger Menschen, die ohne Ausbildungs- oder Studienabschluss sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Dazu zählen auch Personen, deren im Ausland erworbener Abschluss in Deutschland nicht anerkannt wird.
In Hessen waren im Juni 2024 rund 147.000 junge Menschen im Alter von 15 bis unter 35 Jahren sozialversicherungspflichtig beschäftigt, ohne zuvor einen formalen Berufsabschluss erworben zu haben. Dies entspricht 19 % aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter 35 Jahren. Im Vergleich zu 2014 ist dies ein Anstieg von 84,5 % (rund 67.400 Personen). Zum Vergleich: Der Anteil der Personen ohne Ausbildung an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Hessen ist in diesem Zeitraum von 12 % auf 19 % angewachsen.
Bei der Gruppe der jungen Menschen entfällt der zwischen 2014 und 2024 zu beobachtende Anstieg zu fast zwei Dritteln (64 % bzw. rund 42.900 Personen) auf Männer und davon wiederum die Hälfte (rund 21.600 Personen) auf Ausländer. Damit ist die Zahl junger ausländischer Männer ohne Berufsabschluss am stärksten gestiegen. In 2024 war sie mehr als 2,5-mal so hoch wie noch in 2014. Zwar ist die Zahl junger deutscher Männer ohne Berufsabschluss über den gesamten Zeitraum deutlich größer, ihr Anteil ist aber von 72 % in 2014 auf 61,4 % in 2024 gesunken.
Im Vergleich dazu fällt der Anstieg bei den Frauen mit rund 24.600 von 2014 bis 2024 deutlich geringer aus; der Anteil der ausländischen Frauen am Gesamtzuwachs der Frauen beträgt dagegen nur 28,5 % (rund 7.000 Personen).
Vor allem junge Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft und/oder mit einem niedrigen Schulabschluss sind demnach besonders gefährdet, dauerhaft ohne Ausbildung zu bleiben. Erwerbsbiografien von Personen ohne Berufsabschluss sind häufig von Instabilität und kurzen Beschäftigungsdauern geprägt. Ein möglicher Erklärungsansatz: Während einer Berufsausbildung sind die Löhne niedriger im Vergleich zu einem beruflichen Direkteinstieg von gleichaltrigen Beschäftigten ohne Berufsabschluss. Dies scheint dieser Schritt für manche Berufsanfänger wirtschaftlich attraktiver zu sein. Dieser Vorteil ist jedoch nicht von Dauer, da Personen mit Berufsausbildung oder Studienabschluss ein höheres Lebensarbeitsentgelt erzielen und bessere Aufstiegschancen in ihrem Beruf haben. Bereits nach wenigen Jahren überwiegen die Vorteile eines Berufsabschlusses.
Auch für Betriebe in Hessen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, bleibt diese Entwicklung nicht ohne Folgen. In einigen Branchen, wie Pflege oder Handwerk, fehlen Fachkräfte für Tätigkeiten, die von Personen ohne eine entsprechende Ausbildung nicht übernommen werden dürfen.
Dr. Frank Martin, Vorsitzender der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, weist Arbeitgeber und junge Menschen auf die Möglichkeit hin, von einer kostenlosen Beratung bei der Arbeitsagentur Gebrauch zu machen. „Diese Beratung steht allen offen, sowohl Betrieben als auch Personen die nicht arbeitslos sind. Unser Ziel ist es, die persönliche Entwicklung junger Menschen zu fördern und Betriebe bei der Fachkräftesicherung zu unterstützen. Arbeit ohne Ausbildung limitiert nicht nur die Entwicklung jedes Einzelnen, sondern auch unser Fachkräftepotential. Dabei gibt es von den Arbeitsagenturen geförderte Maßnahmen, Arbeiten und Ausbildung miteinander zu kombinieren, ob neben dem Job, in Teilzeit oder auch wenn man schon älter ist.“ An die Verantwortlichen in der Politik gerichtet, wünscht sich Dr. Martin weitere Wege zu finden, informell erworbene Kompetenzen oder im Ausland abgeschlossene Ausbildungen in Deutschland anzuerkennen.
