„Der NRW-Arbeitsmarkt hat sich im zweiten Monat in Folge besser entwickelt, als wir es noch im Frühjahr aufgrund der Abhängigkeit der NRW-Wirtschaft von einem kriselnden Weltmarkt erwartet hatten“, sagte Roland Schüßler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW Bundesagentur für Arbeit. „Dass die Zahl der Arbeitslosen im Juni zurückgeht, ist erfreulich, in normalen Zeiten mit gut laufender Konjunktur wäre das aber saisontypisch. Tatsächlich waren die vergangenen vier Jahre keine ‚normalen Zeiten‘. Hier hatten wir im Juni im Durchschnitt einen Anstieg um rund 8.000 zusätzliche Arbeitslose. In den vergangenen zwei Monaten gab es also eine Entspannung am Arbeitsmarkt. Das freut mich insbesondere für die Frauen und Männer, die davon profitieren und eine neue Arbeit aufnehmen konnten. Doch leider bedeuten zwei gute Monate in Folge noch nicht, dass eine dauerhafte und nachhaltige Trendwende am NRW-Arbeitsmarkt eingeleitet ist.“
Schüßler begründete das mit zwei Beobachtungen. „Zum einen müssen wir die zahlenmäßige Dimension einordnen, von der wir hier sprechen. Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen vier Jahren kontinuierlich gestiegen. Das wird sichtbar, wenn wir die längerfristigen Entwicklungen vergleichen. Seit Herbst 2022 steigt die Arbeitslosigkeit. 2023 wie auch in den folgenden Jahren lag die Arbeitslosigkeit im Juni durchschnittlich um rund 41.000 Personen über der des Vorjahres. In der Summe stieg damit die Zahl der Arbeitslosen in NRW um knapp 123.000 Frauen und Männer. Dass im aktuellen Monat die Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleich um rund 1.300 Personen gesunken ist, ist zwar ein gutes Signal. Doch bei der Bewertung dürfen wir nicht die Rahmenbedingungen außer Acht lassen. Die Sozialkassen sind aktuell durch eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit belastet. Gleichzeitig bleibt die Einstellungsbereitschaft in den Unternehmen eher gering, was sich in der geringen Zahl der im Juni neu gemeldeten Stellen erkennbar widerspiegelt.“ Im Juni waren in NRW 22.624 Stellen neu gemeldet worden. Zur Einordnung bietet sich ein Vergleich mit dem Job-Boomjahr 2018 an, als im Juni über 41.000 Stellen neu gemeldet wurden. Auch am Ende der Corona-Pandemie 2022 wurden in NRW mit annährend 30.000 im Juni mehr offene Stellen bei den Agenturen für Arbeit gemeldet als aktuell.
Sorge bereitet Schüßler auch eine zweite Beobachtung, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Arbeitslosenversicherung: „Die aktuelle Entwicklung der Arbeitslosigkeit geht fast vollständig auf die positive Entwicklung in der Grundsicherung zurück“, sagte Schüßler. „Hier gibt es gute Erfolge zu vermelden, zum Beispiel die kontinuierlich gelingende Integration geflüchteter Menschen aus der Ukraine in den Arbeitsmarkt.“ So stieg von Mai 2025 bis April 2026 die Zahl der in NRW sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus der Ukraine um 13.500 Menschen auf insgesamt 66.100 Beschäftigte. „Das hat zu einer Entlastung in der Grundsicherung geführt.“ In der Grundsicherung sank im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Arbeitslosen deutlich um 18.983 Personen oder 3,5 Prozent auf 522.261 Arbeitslose.
Anders hingegen sieht es in der Arbeitslosenversicherung aus: „Im Vergleich zum Vormonat ist die Entwicklung zwar unauffällig, im Vergleich zum Vorjahr sehen wir jedoch einen deutlichen Anstieg“, sagte der Arbeitsmarktexperte. Im Juni waren in der Arbeitslosenversicherung 497 Personen oder 0,2 Prozent weniger als einen Monat zuvor arbeitslos gemeldet, insgesamt 257.362 Frauen und Männer. Das waren jedoch 17.696 Frauen und Männer oder 7,4 Prozent mehr Arbeitslose als ein Jahr zuvor: „Wenn die Zahl der Arbeitslosen im Bereich der Versicherung zunimmt, sprechen wir von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die vor kurzem ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung verloren haben. Und die auch aufgrund der geringen Einstellungsbereitschaft in den Unternehmen keinen Anschluss in einem neuen Unternehmen finden konnten. Das hat vor allem konjunkturelle Gründe. Eine Belastung der Arbeitslosenversicherung durch einen langfristig zu beobachtenden Anstieg der Arbeitslosigkeit ist ein Warnsignal. Eine Trendwende am Arbeitsmarkt ist noch nicht in Sicht.“
Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung
Im Juni waren in Nordrhein-Westfalen 779.623 Menschen arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote sank im Vergleich zum Vormonat wie auch zum Vorjahr um 0,1 Prozentpunkte auf jetzt 7,7 Prozent.
Im Juni meldeten sich 41.282 Frauen und Männer nach dem Ende einer Erwerbstätigkeit arbeitslos. Das waren 4.597 Personen oder 10,0 Prozent weniger als einen Monat zuvor. Beenden konnten ihre Arbeitslosigkeit mit der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit 37.295 Frauen und Männern - 4.919 Personen oder 11,7 Prozent weniger als im Vormonat. Die Arbeitslosenquote von Männern lag im Juni bei 8,1 Prozent und blieb damit auf dem Stand des Vormonats und des Vorjahres. Bei Frauen sank die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr 0,2 Punkte auf nun 7,3 Prozent.
Die Unterbeschäftigung sank im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent oder 10.107 Personen auf 946.017 unterbeschäftigte Menschen. Im Vergleich zum Vormonat sank die Zahl ebenfalls - um 7.247 Personen oder 0,8 Prozent. Die Unterbeschäftigung fasst die Gesamtzahl aller Menschen zusammen, die im System der Arbeitsvermittlung entweder als arbeitslos gemeldet sind oder als Teilnehmerinnen und Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen vorübergehend nicht als arbeitslos gelten. Auch Kundinnen und Kunden der Arbeitsagenturen und Jobcenter, die kurzfristig arbeitsunfähig sind oder beispielsweise mit einem Gründungszuschuss versuchen, eine Selbständigkeit zu etablieren, gelten nicht als arbeitslos, aber unterbeschäftigt.
Neu gemeldete Stellen bleiben auf niedrigem Niveau
Die Zahl der neu gemeldeten offenen Stellen sank im Juni. Gemeldet wurden 22.624 Stellen, das waren 2.283 oder 9,2 Prozent weniger als vor einem Monat. Im Juni 2022 wurden rund 30.000 Stellen neu gemeldet - die Einstellungsbereitschaft in den Unternehmen ist aktuell eher gering, wie der Vergleich zeigt.
Deutlich zeigt sich am Arbeitsmarkt in NRW ein sogenanntes Mismatch. Nachgefragt werden von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern hauptsächlich Fachkräfte. Jedoch verfügen 55,2 Prozent der arbeitslosen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht über eine solche oder eine vergleichbare Qualifikation. Während für Fachkräfte mit einer dualen Ausbildung im Juni 99.944 Stellen angeboten wurden, richteten sich nur 23.429 Stellenausschreibungen oder 14,8 Prozent an Menschen ohne eine abgeschlossene berufliche Ausbildung. Daher ist die Konkurrenz um die sogenannten einfachen Helfertätigkeit sehr hoch: Rechnerisch bewarben sich im Juni auf 100 Stellen rund 1.838 Personen. Bei den Fachkräften mit dualer Ausbildung ist die Lage entspannter. Hier gab es 213.871 Bewerberinnen und Bewerber, auf 100 offene Fachkraftstellen kamen damit rechnerisch 214 Bewerberinnen und Bewerber. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch für Fachkräfte die Arbeitsmarktlage schwieriger geworden ist. Dennoch sind sie seltener arbeitslos als Menschen ohne Qualifikation und haben auch bessere Chancen, zurück in Arbeit zu kommen.
In der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gab es im April, dem aktuellen Datenstand, einen geringfügigen Rückgang um 2.400 Personen auf nun 7.357.400 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das waren 3.500 Personen weniger als vor einem Jahr.
Der Arbeitsmarkt in den NRW-Regionen
Die Heterogenität der sechs NRW-Arbeitsmarktregionen zeigte sich auch im Juni: Als Zugpferde für den leichten Rückgang der NRW-Arbeitslosigkeit zeigten sich das Münsterland und Ostwestfalen Lippe sowie das Rheinland. In Südwestfalen und im Bergischen Land stagnierten die Arbeitsmärkte, während es im Ruhrgebiet sogar zu einem leichten Anstieg kam.
In Ostwestfalen Lippe waren im Juni 73.624 Menschen arbeitslos gemeldet, 931 Personen oder 1,2 Prozent weniger als einen Monat zuvor. Im Münsterland sank die Arbeitslosigkeit ebenfalls um 1,2 Prozent. 569 Menschen waren hier weniger arbeitslos gemeldet, als vor einem Monat, insgesamt 46.423 Personen. Im Rheinland sank die Zahl der Arbeitslosen um 627 Personen oder 0,2 Prozent auf jetzt 268.720 Frauen und Männer. Im Bergischen Land waren mit 76.895 Menschen 16 Personen mehr arbeitslos gemeldet als im Mai. Auch auf dem Niveau des Vormonats blieb der Arbeitsmarkt in Südwestfalen. Hier waren 59 Menschen oder 0,1 Prozent mehr arbeitslos als im Vormonat. gemeldet. Die Zahl der Arbeitslosen lag bei 49.591 Personen. Im Ruhrgebiet stieg die Arbeitslosigkeit leicht um 702 Personen oder 0,3 Prozent. Aktuell sind hier 264.370 Menschen arbeitslos gemeldet.
Mit 4,7 Prozent lag im Juni die Arbeitslosenquote im Münsterland am niedrigsten. Im Bergischen Land lag sie mit 7,7 Prozent im NRW-Durchschnitt, im Ruhrgebiet kam es sogar zu einem Anstieg der Quote um 0,1 Punkte auf 10,5 Prozent.
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