Kurz nach acht Uhr morgens schiebt Dirk Borrajo-Schmitz bereits den ersten Wagen durch die Gänge des REWE-Marktes von Parviz Azhari in Mülheim-Kärlich. Getränke einräumen, Waren sortieren, Online-Bestellungen zusammenstellen, scannen – der 53-Jährige ist konzentriert bei der Arbeit. Wer ihn dabei beobachtet, merkt schnell: Hier arbeitet jemand, der angekommen ist.
Dass er heute hier beschäftigt ist, war vor wenigen Monaten noch nicht absehbar.
Der Neuwieder ist gehörlos, verheiratet, Vater von zwei Kindern und war 18 Jahre lang bei einem Neuwieder Inklusionsbetrieb beschäftigt. Als dieser Ende des vergangenen Jahres Insolvenz anmeldete, verlor der gelernte Maler und Lackierer wie über 30 weitere Menschen mit Behinderung seinen Arbeitsplatz.
Für das Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald war schnell klar: Die betroffenen Menschen benötigen neue Perspektiven auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Integration von Menschen mit Behinderung ist nicht nur eine wichtige soziale Aufgabe, sondern auch ein strategisches Instrument zur Fachkräftesicherung“, sagt Mario Dieninghoff, Teamleiter Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald.
Der Impuls: Netzwerke nutzen, Chancen kreieren
Die Geschichte hinter diesem Erfolg begann mit einem Blick über die Bezirksgrenzen. Mario Dieninghoff erfuhr durch den Austausch mit seinem Kollegen der Arbeitsagentur Koblenz-Mayen von einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit den REWE-Kaufleuten. Schnell war der Kontakt zu den regelmäßig tagenden Marktbetreibern der Region geknüpft. Im Rahmen derer regelmäßigen Dialogrunden informierte er über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, Fördermöglichkeiten und Unterstützungsangebote. Dabei räumte er auch mit Stereotypen auf. Denn Behinderung ist vielfältig – oft denken Menschen sofort an Rollstühle, doch auch Sinnesbehinderungen, Autismus oder psychische Erkrankungen und viele weitere gehören dazu.
Gleichzeitig stellte sich die Frage: Gibt es geeignete Arbeitsplätze? Und sind die Kaufleute bereit, Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben?
Die Antwort fiel eindeutig aus: In vielen Märkten werden dringend Mitarbeitende gesucht. Für die Kaufleute sind einheitlich Motivation, Lernbereitschaft und ein passender persönlicher Eindruck entscheidend.
Gemeinsam mit den Reha-Spezialisten des Arbeitgeberservice, Martin Meurer und Thomas Fritsch, entwickelte Dieninghoff daraufhin mit den REWE-Kaufleuten der Region und Roderich Dörner, HR Partner Inklusion bei REWE, ein Projekt. Die Idee war, Kaufleute und potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten in zwangloser Atmosphäre zusammenzubringen mit dem Ziel, Praktika direkt vor Ort zu vereinbaren. „Gerade bei Menschen mit Behinderung baut ein Praktikum oft vorhandene Unsicherheiten ab. Arbeitgeber erleben nicht nur die Einschränkung, sondern den Menschen, seine Fähigkeiten und seine Lernbereitschaft“, weiß Thomas Fritsch.
Bei einem Vor-Ort-Termin in dem insolventen Inklusionsbetrieb wurden anschließend Interessierte herausgefiltert. Die Arbeitsvermittlung prüfte die Bewerberinnen und Bewerber auf Eignung, wie zum Beispiel vorhandene Mobilität, und erstellte Kurzprofile, die den Kaufleuten einen ersten Eindruck vermitteln sollten.
Der große Tag: Speed-Dating im Berufsinformationszentrum (BiZ) Neuwied
Der nächste Schritt war ein Kennenlernen in der Agentur für Arbeit in Neuwied. Was als klassisches Speed-Dating geplant war, entwickelte schnell eine ganz eigene Dynamik. Fünf REWE-Kaufleute mit Verantwortung für insgesamt zwölf Märkte trafen auf neun Bewerberinnen und Bewerber, die überwiegend gehörlos waren. Das Berufsbildungswerk Neuwied stellte für die Veranstaltung einen Gebärdendolmetscher zur Verfügung. Nach den ersten Gesprächen im Zehn-Minuten-Takt entstand eine lockere Gesprächsrunde. Es wurde gelacht, Erfahrungen wurden ausgetauscht und Berührungsängste verschwanden auf beiden Seiten. Ein Satz eines Bewerbers blieb den Beteiligten besonders in Erinnerung: „Ich habe in meinem Leben noch nie eine richtige Chance bekommen.“
Das sollte sich an diesem Tag ändern.
Alle Teilnehmenden erhielten Praktikumsangebote. Zwei Bewerber bekamen sogar mehrere Zusagen. Einer von ihnen war Dirk Borrajo-Schmitz. REWE-Kaufmann Parviz Azhari, der in seinen Märkten in Sinzig und Mülheim-Kärlich insgesamt 109 Mitarbeitende beschäftigt, erinnert sich noch genau an die erste Begegnung. „Ich mochte ihn vom ersten Moment an, direkt als er sich beim Speed-Dating vorgestellt hat. Er kam so fröhlich auf mich zu, war motiviert, wir haben uns gleich gut verstanden.“ Das Praktikum, eine so genannte Maßnahme bei einem Arbeitgeber (MAG), wurde zunächst verlängert und mündete schließlich zum 1. Mai 2026 in einer Vollzeitbeschäftigung.
Der Arbeitsalltag: Hindernisse gemeinsam beseitigen
Heute beginnt Borrajo-Schmitz seinen Arbeitstag oft schon lange vor Dienstbeginn. Bis zu einer Stunde fährt er mit dem Bus von Neuwied nach Mülheim-Kärlich und abends wieder zurück. „Das ist gar nicht schlimm“, schreibt er. „Die Arbeit ist es wert.“
Sein Arbeitsplatz befindet sich mitten im Marktgeschehen. Insbesondere ist er inzwischen verantwortlich für die Zusammenstellung von Online-Bestellungen. Darüber hinaus räumt er Waren und Getränke ein. Schritt für Schritt kommen neue Aufgaben hinzu. „Lass den Dirk bloß nicht gehen“, bekam Azhari schon nach kurzer Zeit von seinem Team zu hören. Tatsächlich scheint Borrajo-Schmitz längst ein fester Bestandteil der Belegschaft geworden zu sein. Kolleginnen und Kollegen grüßen ihn im Vorbeigehen, machen kleine Scherze und beziehen ihn selbstverständlich in den Arbeitsalltag ein. Dass er seinen Platz gefunden hat, daran lässt er keinen Zweifel. Er schreibt einen Satz, der seine Begeisterung für die neue Aufgabe auf den Punkt bringt: „Ich möchte bis zur Rente bei REWE bleiben.“
Dabei mussten zunächst praktische Lösungen gefunden werden. Gebärdensprache beherrscht niemand im Team. „Die ersten Tage gab es ein paar Anlaufschwierigkeiten, aber wir haben schnell Wege gefunden, um zu kommunizieren“, sagt Parviz Azhari. Für komplexere Informationen wird das Smartphone genutzt, vieles funktioniert über Lippenlesen und feste Abläufe.
Eine besonders praktische Idee brachte Borrajo-Schmitz selbst ein. Damit Kundinnen und Kunden sofort erkennen, dass er eine Beeinträchtigung hat, trägt er auf seinem Arbeits-Shirt den Aufdruck „Gehörlos“. „Das ist für beide Seiten gut“, sagt Azhari. „Herr Borrajo-Schmitz muss sich nicht ständig erklären und die Kundinnen und Kunden wissen direkt Bescheid.“
Der Unternehmer zieht eine rundum positive Bilanz. „Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das so gut klappt. Die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur war leicht und unkompliziert. Alles wurde unbürokratisch gelöst. Und Herr Borrajo-Schmitz hat sich wunderbar ins Team eingefügt.“ Ein Kompliment, das Mario Dieninghoff gerne zurückgibt: „Es war eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe. Herr Azhari hat stets umgehend reagiert und alle Infos geliefert – so hat alles reibungslos geklappt.“ Und die Zusammenarbeit endet nicht mit dem Arbeitsvertrag. Aktuell tüfteln beide Seiten schon an der nächsten Optimierung: Eine Armbanduhr mit Lichtsignal, damit der Chef seinen fleißigen Mitarbeiter im großen Markt bei Bedarf besser kontaktieren kann. Parviz Azharis Appell an andere Arbeitgeber ist eindeutig: „Geben Sie motivierten Menschen mit Behinderung immer eine Chance.“
Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann
Auch für die anderen Teilnehmer und die Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald ist das Projekt ein Erfolg. Von den Teilnehmenden des Kennenlern-Treffens haben bereits mehrere konkrete Beschäftigungsperspektiven über die Praktika erhalten. Zwei Menschen, darunter auch Dirk Borrajo-Schmitz, arbeiten inzwischen dauerhaft in REWE-Märkten der Region, drei weitere befinden sich auf dem Weg zur Festanstellung oder in einer Probebeschäftigung. Für Mario Dieninghoff zeigt das Projekt, was möglich ist, wenn Arbeitgeber offen für neue Wege sind. „Menschen mit Behinderung bringen Fähigkeiten, Motivation und wertvolle Erfahrungen mit. Ihre Einschränkungen machen sie häufig mit besonderen Stärken wett. Es braucht nur die Gelegenheit, diese Potenziale sichtbar zu machen.“
Unternehmen, die sich über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung informieren möchten oder Personal suchen, können sich an ihren Ansprechpartner im Arbeitgeberservice wenden oder direkt Kontakt mit Mario Dieninghoff (Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe der Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald) unter Mario.Dieninghoff@arbeitsagentur.de aufnehmen. Die Agentur berät zu Fördermöglichkeiten, begleitet den Integrationsprozess und unterstützt bei der Suche nach passenden Bewerberinnen und Bewerbern.


Bildunterschriften
Foto 1: Erfolgreiche Zusammenarbeit für mehr berufliche Teilhabe: Beim Besuch im REWE-Markt Azhari tauschten sich Thomas Fritsch, Parviz Azhari, Dirk Borrajo-Schmitz und Mario Dieninghoff (v li. nach re.), über die positive Entwicklung des Projekts und den Arbeitsalltag aus.
Foto 2: Dirk Borrajo-Schmitz stellt Online-Bestellungen für Kundinnen und Kunden zusammen. Seit Mai 2026 arbeitet der gehörlose Neuwieder in Vollzeit bei REWE Azhari in Mülheim-Kärlich.
Fotograf: Agentur für Arbeit Rhein-Wied-Westerwald/ Amelie Enderle