Engpässe und Chancen in fast allen Branchen
Die sich zuspitzende Energiekrise, Lieferengpässe, eine gedämpfte private Konsumhaltung: Die negativen Meldungen zur aktuellen Wirtschaftslage reißen nicht ab. Die Arbeitslosigkeit steigt sukzessive. Gleichzeitig gibt es kaum eine Branche, die nicht von Fachkräfteengpässen betroffen ist. Reiner Zwilling, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Rheine, erklärt, dass das nicht so paradox ist, wie es den Anschein hat und zeigt, wo die Chancen für die Region liegen.
„Es stimmt: Auch bei uns ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten leicht angestiegen“, berichtet Zwilling. Größere Entlassungswellen habe es nicht gegeben, betont der Agenturchef. „Es fehlt aber oft an Einstellungsmöglichkeiten für Menschen, die eine neue Beschäftigung suchen“, konstatiert er. Und das liege in vielen Fällen an der Lücke zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber und den Qualifikationen der Arbeitsuchenden. Acht von zehn Stellen, die Arbeitgeber bei der Arbeitsagentur gemeldet haben, richten sich an Bewerberinnen und Bewerber mit einer abgeschlossenen Berufs- oder Hochschulausbildung. Aber deutlich mehr als die Hälfte der arbeitslos gemeldeten Menschen verfügt nicht über einen Ausbildungsabschluss. „Und genau hier liegt der Grund für den scheinbaren Widerspruch“, erklärt der Arbeitsmarktexperte. „Schlicht gesagt passen Jobs und Bewerber oftmals nicht zusammen“.
Und das treffe nicht nur auf wenige Wirtschaftsbereiche und Berufe zu, so Zwilling: „Bei Fachkräfteengpässen nur an die Gesundheits- und Pflegebranche oder das Handwerk zu denken, greift zu kurz“, betont er. „Auch der Garten- und Landschaftsbau, Berufe im Rechnungswesen, im Bereich der Lebensmittelherstellung oder in Bauberufen sind betroffen“, nennt er einige Beispiele. Für Unternehmen seien damit teilweise erhebliche Herausforderungen verbunden. Dennoch will der Agenturchef das Thema nicht nur als Problem verstanden wissen. „Während wir auf der einen Seite eine angespannte wirtschaftliche Situation haben, schlummern hier auch Chancen für Arbeitsuchende“, unterstreicht er. Der Schlüssel seien Qualifizierungen, um den Menschen neue Perspektiven zu eröffnen, sagt der Arbeitsmarktexperte. Zwilling ermutigt alle, die keine Ausbildung abgeschlossen haben oder die ihre beruflichen Qualifikationen auf den neuesten Stand bringen möchten, sich mit den Themen Weiterbildung und Umschulung zu beschäftigen. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Mehr Chancen am Arbeitsmarkt, mehr Jobsicherheit und höherer Verdienst. In die berufliche Zukunft zu investieren, lohnt sich“.
Der Agenturleiter weist darauf hin, dass die Arbeitsagentur Rheine im vergangenen Jahr mehr als 800 Menschen mit einer beruflichen Weiterbildung unterstützt hat. „Das Engagement der Teilnehmenden und unser Einsatz haben sich gelohnt“, berichtet er. Mehr als 70 Prozent der Menschen, die eine Qualifizierung absolviert haben, die zu einem Berufsabschluss führt, konnten im vergangenen Jahr dauerhaft eine neue Anstellung aufnehmen. Für die Unternehmen im Kreisgebiet sei das ein wichtiger Baustein zur Fachkräftegewinnung, erklärt Zwilling: „Die Zahl der Engpassberufe ist im vergangenen Jahr deutlich gesunken“ und ergänzt: „Arbeitgeber, die dem Thema Umschulung gegenüber aufgeschlossen sind, können hier punkten“. Das gelte insbesondere dann, wenn sie offen für eine Aufstockung der Umschulungsvergütung sind. „Damit erhöhen Unternehmen ihre Attraktivität für mögliche Umschulungskandidaten.“
Er rät Personalverantwortlichen dazu, auch in den Reihen der eigenen Belegschaft Mitarbeitende in den Blick zu nehmen, die sich zur Fachkraft weiterentwickeln möchten. „Gerade Zeiten, in denen die Auftragsbücher nicht überquellen, eignen sich dazu, in Qualifizierungen zu investieren“, sagt Zwilling und weist darauf hin, dass die Arbeitsagentur in vielen Fällen eine finanzielle Unterstützung bieten kann. Einen ersten Überblick, welche Fördermöglichkeiten ihnen grundsätzlich offenstehen könnten, erhalten Personalverantwortliche, Betriebsräte und andere Interessierte auf der Website www.arbeitsagentur.de/unternehmen/finanziell mit dem neuen Tool „Fördercheck“, so sein Tipp.