"Entscheidung für 20 Jahre Glück": Warum diese Frau mit Mitte 40 den beruflichen Neustart wagt
Mit über 40 noch mal Neues wagen: Wenn nicht jetzt, wann dann, fragte sich die Neubrandenburgerin Anja Garbsch und fand zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Rückhalt.
Manchmal brauchen Träume etwas mehr Zeit. Nicht selten brauchen sie auch Anstoß, Rückhalt, Unterstützung. "Ich hab' richtig Glück gehabt", sagt zum Beispiel Anja Garbsch, für die mit Anfang 40 die richtige Portion Zeit und Unterstützung zusammentrafen, um sich einen beruflichen Traum zu erfüllen: mit einer Ausbildung zur Ergotherapeutin. "Wenn nicht jetzt, wann dann", hat sich die Neubrandenburgerin gefragt, als sie sich vor etwa einem Jahr entschied, beruflich noch mal einen neuen Weg einzuschlagen. Zum Auslöser wurde der auslaufende Mietvertrag ihres Stoffgeschäfts "Zias", das sie zwölf Jahre lang in der Vier-Tore-Stadt geführt hatte. "Ich hätte schon noch davon leben können", kommentiert sie seit der Corona-Pandemie erlebte Umsatz-Rückgänge, "aber mir wurde auch immer klarer, dass ich noch mal was anderes machen möchte". In einem Beruf, in dem sie "noch 20 Jahre glücklich sein" wollte.
Ergotherapie hatte sie schon immer interessiert. Früher allerdings habe sich ihre Familie das von größtenteils privaten Ausbildungsstätten erhobene Schulgeld nicht leisten können, und auch jetzt ohne diese Gebühr wäre es eine Herausforderung, für sich und ihr Kind vom Lehrlingsentgelt zu leben. Keinen günstigeren Zeitpunkt also hätte es geben können für einen Tipp von der AWO Neubrandenburg, die - sehr interessiert an einer angehenden Ergotherpeutin - die Arbeitsagentur mit ins Qualifizierungsboot brachte. Dort gibt es seit einiger Zeit das Programm "Vorankommen in MV", das Erwachsenen neue berufliche Perspektiven ermöglichen will und dabei eng mit dem Arbeitgeberservice von Agentur und Jobcenter zusammenarbeitet.
"Wir beraten vor allem Menschen, die im Erwerbsleben stehen und sich eine Veränderung wünschen, sei es zum Beispiel durch Weiterbildung oder Berufsabschluss, Studium oder Meisterausbildung", erklärt Peggy Lerke die "Berufsberatung für Erwachsene". Anlass könne auch der Wiedereinstieg nach der Elternzeit oder der Pflege von Angehörigen sein, um im unterdessen weiterentwickelten Arbeitsleben wieder Fuß zu fassen. Im Fall von Anja Garbsch galt es für eine interessierte Bewerberin und einen interessierten Arbeitgeber den geeignetsten Weg zur noch fehlenden Qualifikation zu finden. Als dieser Weg erwies sich, wie Beraterin Peggy Wilke vom Arbeitgeberservice erklärt, eine Förderung nach dem Qualifizierungschancengesetz, bei der die Arbeitsagentur die kompletten Ausbildungskosten sowie einen Zuschuss von maximal 80 Prozent zum Arbeitsentgelt übernimmt.
"Von solchen Möglichkeiten muss man erst mal wissen", stellt Anja Garbsch fest. Bekannter werden sollen diese und andere Unterstützungswege zum Beispiel durch Messen oder auch Beratertage in der Regionalbibliothek, so der Ansatz der Arbeitsagentur. "Wir investieren lieber in Bildung als in Arbeitslosigkeit", sagt deren Pressesprecher Ronny Steeger.Seit Jahresbeginn habe die Agentur in der Seenplatte zur "Förderung der beruflichen Weiterbildung Beschäftigter" mit rund 6,5 Millionen Euro Qualifizierungskosten und Entgelt-Zuschüssen mehr als 330 Menschen unterstützt. Und das in vielerlei Branchen: in der Pflege ebenso wie im Steuerfach, in Handwerksberufen und Gastronomie, für komplette Ausbildungen ebenso wie für spezielle Elemente wie etwa einen Lkw- oder Bus-Führerschein. Von Arbeitgebern sei auch oft zu erfahren, wie das geförderte "Upgrade" die Mitarbeiter-Bindung stärke.
Das kann Anja Garbsch schon bestätigen: Sie möchte nach ihrer Ausbildung gern weiter bei der Awo arbeiten, wo sie in vielen Bereichen von der Therapie für Kita-Kinder bis zu Senioren tätig sein könne. "Ergotherapeuten helfen Menschen jeden Alters, wieder alltagsfähig zu sein", umreißt sie das Berufsbild: Von Entwicklungsstörungen im Kindesalter über Unfall-Verletzungen bis zu Einschränkungen nach einem Schlaganfall helfe motorisches und kognitives Training, Selbständigkeit zurückzuerlangen. "Dieses Riesenspektrum ist mega-interessant", schwärmt Anja Garbsch, die sich überdies freut, mit vielen Menschen umgehen zu können, an deren Fortschritten und Erfolgserlebnissen teilzuhaben - und dazu viel über verschiedene Krankheitsbilder zu lernen.
Ohne Zweifel ist es auch eine Herausforderung , sich mit 44 noch mal auf die Schulbank einzulassen - in einer Klasse mit meist viel jüngeren Mitschülern. "Kriege ich das hin, noch mal lernen zu lernen", hat sich auch Anja Garbsch gefragt, zumal sie den Ehrgeiz habe, nicht "irgendwie" durchzukommen, sondern die Ausbildung mit guten Ergebnissen zu meistern. Aber sie habe sich schnell eingefuchst, das Fachgebiet mache Spaß, und auch die erfahrene Unterstützung durch ihren Arbeitgeber und die Arbeitsagentur stärke die Motivation: "Es ist toll, diese Möglichkeit bekommen zu haben", sagt die künftige Ergotherapeutin - und gerade auch die Praxis-Erfahrungen bestätigen ihr immer wieder , dass es die richtige Entscheidung war, sich diesen Traum zu erfüllen.