Heike Hengster, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Hanau, hatte zur jährlichen Ausbildungsmarkt-Konferenz eingeladen. Gemeinsam mit Miriam Fuchs, Leiterin Ausbildung der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, Nicole Laupus, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Hanau, sowie Anett Kuykendall, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Gelnhausen-Schlüchtern, bewertete sie die aktuellen Daten zum Ausbildungsmarkt 2024/25 im Hanauer Agenturbezirk.
2.313 junge Frauen und Männer meldeten sich im abgeschlossenen Ausbildungsjahr bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur ausbildungsinteressiert, 271 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. 124 Bewerber/innen blieben unversorgt, das sind 68 mehr als im Vorjahreszeitraum.
Ausbildungsbetriebe im Main-Kinzig-Kreis meldeten 2.001 offene Ausbildungsstellen zur Vermittlung an, das waren 200 weniger als im Vorjahresvergleich. Für 139 betriebliche Ausbildungsstellen konnten keine Bewerber/innen gefunden werden, 124 weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
„Im abgeschlossenen Ausbildungsjahr haben sich mehr Bewerberinnen und Bewerber als im Vorjahreszeitraum ausbildungssuchend gemeldet. Das korrespondiert leider nicht mit dem Trend bei den gemeldeten Ausbildungsplätzen: Hier haben wir einen Rückgang zu verzeichnen“, erläutert Heike Hengster. „Dennoch blieben auch in diesem Jahr 139 betriebliche Ausbildungsplätze unbesetzt, und das, obwohl Bewerber/innen leer ausgegangen sind. Es passt eben nicht jeder Deckel auf jeden Topf. Die Anforderungen der Betriebe und das, was die jungen Leute mitbringen, gehen leider nicht immer zusammen. Dazu kommt, dass man die Jugendlichen nicht beliebig von Alternativangeboten überzeugen kann. Wer Fachinformatiker oder Kauffrau für Büromanagement werden will, nimmt nur selten eine Ausbildung in der Pflege oder im Lebensmittelhandwerk ins Visier, auch wenn es hier gute Erfolgschancen gibt. In ländlichen Gebieten ist auch Mobilität öfters ein Problem, wenn Betrieb und Berufsschule für Jugendliche schlecht erreichbar sind.
124 Bewerber/innen, das sind 68 mehr als im letzten Jahr, blieben unversorgt. Wir bleiben bei der Strategie, Bewerber/innen die nicht mit einem Angebot - sei es Ausbildungsplatz, Schulbesuch, Studium - versorgt sind, als ‚unversorgt‘ weiter zu betreuen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sie ganz von der Bildfläche verschwinden und nicht mehr für das Thema Ausbildung ansprechbar sind.
Wichtig ist: Wir kümmern uns um alle Jugendlichen, die an einer Ausbildung interessiert sind - egal ob eine duale Ausbildung oder ein Studium das Ziel sind. Dabei treffen wir vermehrt auf junge Leute mit Unterstützungsbedarf. Wir erleben häufiger überforderte Jugendliche, denen es an Alltagskompetenzen mangelt und die lieber gar nichts entscheiden, als eine vermeintlich falsche Entscheidung zu fällen.
Den Jugendlichen, die nach der Schule noch nicht ausbildungsreif sind, bieten wir vielfältige unterstützende Maßnahmen. Betriebe können, wenn sie Jugendliche mit Unterstützungsbedarf ausbilden, finanzielle Förderung und sozialpädagogische Begleitung vor und während der Ausbildung in Anspruch nehmen. Davon wünschen wir uns mehr.
Wenn von dualer Ausbildung die Rede ist, denken die meisten an den klassischen Zugang direkt nach der Schule in eine durchgängige Ausbildungszeit mit einem entsprechenden Abschluss nach drei oder dreieinhalb Jahren. So ist es auch in der Mehrzahl der Fälle.
Wir möchten aber an dieser Stelle verdeutlichen, dass Ausbildungen, die nicht stromlinienförmig zustande gekommen sind oder verlaufen, in den allermeisten Fällen ebenfalls zum Erfolg führen. Leider ist das viel zu wenig bekannt.“
Mit Unterstützung der Ausbildungsbetriebe und der Agentur für Arbeit sind viele abweichende Modelle denkbar. Es gibt Auszubildende in Teilzeit, Auszubildende, die auf mehreren Ebenen vor oder während der Ausbildung gefördert werden oder Menschen, die nicht direkt nach der Schule in Ausbildung gehen, sondern erst sehr viel später. Dennoch sind all diese Wege möglich und führen zum Erfolg.
Ausbildung in Teilzeit
Die Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen bilden in jedem Jahr sieben bis neun Personen im Ausbildungsberuf „Kaufmann für Büromanagement“ (m/w/d) aus. Als einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Region können fünf verschiedene Wahlqualifikationen angeboten werden.
Seit einigen Jahren bilden die Main-Kinzig-Kliniken sehr erfolgreich auch in Teilzeit aus. 2022 wurde die erste Auszubildende in Teilzeit eingestellt, die nach der regulären Ausbildungszeit von 3,5 Jahren kurz vor der Abschlussprüfung steht. In der Zwischenzeit sind zwei weitere Teilzeitauszubildende dazugekommen. Eine von ihnen hat die Prüfung vorzeitig abgelegt und ist seitdem als festangestellte Mitarbeiterin in Teilzeit beschäftigt.
Mittlerweile wurde die Ausbildung in Teilzeit in den Main-Kinzig-Kliniken vollständig integriert - ohne jeglichen Qualitätsverlust. Es wurden vorbildliche flexible Karrierechancen für Mütter oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen geschaffen. Vorbildlich ist auch, dass das Unternehmen damit bewusst Chancengleichheit und Vielfalt fördert und gleichzeitig langfristig qualifizierte Nachwuchskräfte für sich selbst sichert.
„Wir haben die Teilzeitausbildung ohne Kompromisse in unser Unternehmen integriert und gewährleisten eine qualitativ hochwertige Ausbildung auf gleichem Niveau wie in Vollzeit“, so Selina Kling, Ausbildungsleitung kaufmännische Ausbildung. „Das macht mich stolz, denn so ermöglichen wir Menschen - oft Personen in besonderen Lebenssituationen oder mit gesundheitlichen Einschränkungen - eine flexible, chancengleiche Karriere und schaffen ein solides berufliches Fundament. Teilzeitausbildung ist für uns gelebte Vielfalt und ein wichtiger Baustein, um qualifizierten Nachwuchs langfristig an unser Unternehmen zu binden.“
Ausbildung mit Verspätung
Manchmal kommt die Entscheidung für eine Ausbildung auch auf Umwegen und mit Verspätung zustande. Ein zuvor begonnenes Studium oder eine nicht passende Ausbildung kann eine falsche Entscheidung gewesen sein - das ist kein Beinbruch. Danach muss man neu überlegen. Und kann mit etwas Verspätung erfolgreich werden.
Das Hanauer Handwerksunternehmen Elektro Knaak hat bereits sieben Auszubildenden mit Hilfe von Fördermaßnahmen der Agentur für Arbeit Gelegenheit geboten, sich vom ungelernten Helfer zum Gesellen zu entwickeln. Einer von ihnen ist Jens Eckert, der als Helfer bei Knaak einstieg und sich im Alter von 28 Jahren entschloss, eine Ausbildung zum Elektroniker zu absolvieren.
Mit finanzieller Unterstützung der Hanauer Agentur für Arbeit im Rahmen der Beschäftigtenqualifizierung begann Jens Eckert seine Ausbildung, die er dann verkürzen konnte und mit einem der besten Gesellenabschlüsse Hessens bestand.
Mittlerweile hat er das Fachabitur nachgeholt und ein Lehramtsstudium drangehängt. Zurzeit unterrichtet er an der Ludwig-Geisler-Schule Hanau künftige Auszubildende im Elektro-Handwerk.
„Wir haben schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Kollegen, die die Chance ergriffen und durch die Förderung der Agentur noch eine Ausbildung nachgeholt haben, einen super erfolgreichen Werdegang hingelegt haben“, berichtet Ausbildungsleiter Tobias Knaak. „Es ist unerheblich, ob jemand vorher eine Ausbildung abgebrochen oder bisher eher ziellos gejobbt hat. Als Ausbildungsbetrieb muss man Leuten eine Chance geben und nicht von vornherein abwinken. Wer die Kurve kriegt, lebt am Ende auch ein erfülltes Berufsleben und ist ein Gewinn für den Betrieb.“