Qualifizierungsstrategie 2026

Agentur für Arbeit Thüringen Südwest

1. Markteinschätzung

1.1 Aufnahmefähigkeit des regionalen Arbeitsmarktes und strukturelle Veränderungen 

Für das Jahr 2026 wird infolge struktureller Herausforderungen im Automotive-Bereich, anhaltend hoher Energiepreise, im Angesicht von Zollherausforderungen sowie globaler Konflikte eine Stagnation der regionalen Wirtschaftsleistung erwartet. In Südwestthüringen wie auch im angrenzenden bayrischen sowie hessischen Raum vollziehen sich im gewerblich-technischen Bereich größere Firmenumstrukturierungen bzw. Schließungen. Obwohl die Wirtschaft komplexe Problemlagen zu bewältigen hat, zeigt sich der Arbeitsmarkt insbesondere für Fachkräfte weiterhin aufnahmefähig. Demografische Entwicklungen stellen mittelfristig den limitierenden Faktor für den regionalen Arbeitsmarkt dar. In Abwägung der exogenen Einflussfaktoren wird die Dynamik am Arbeitsmarkt auf dem Niveau des Vorjahres erwartet. Die Engpassanalyse stellt insbesondere in den nachfolgend genannten Berufsbereichen eine hohe Nachfrage bei nur noch geringem Bewerberpotenzial heraus:

  • Medizinische Gesundheitsberufe

  • Mechatronik, Energie- und Elektroberufe

  • Metallerzeugung, -bearbeitung, Metallbau

  • Nichtmedizinische Gesundheitsberufe, Pflegeberufe

  • Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen, Steuerberatung

  • Kunststoffherstellung, -verarbeitung

  • Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe

 

Die sich wandelnde Arbeitswelt, die Verlängerung des Erwerbslebens, der Strukturwandel in der Automobilindustrie und die Digitalisierung sind wichtige Rahmenbedingungen, denen die Förderung der beruflichen Weiterbildung Rechnung tragen muss. Im Zuge der Digitalisierung benötigen Beschäftigte Qualifizierungen, um komplexere, schwer automatisierbare Aufgaben übernehmen zu können und neue Technologien als Arbeitsmittel zu beherrschen. Diese Veränderung betrifft nahezu alle Berufsbereiche. Im Kontext der Digitalisierung und der Ausweitung erneuerbarer Energien im Rahmen des Klimaschutzes werden vermehrt Bedarfe in der erforderlichen Infrastruktur bspw. für den Netzausbau zum Tragen kommen sowie in der Entwicklung neuer Formen der Energiegewinnung (z.B. Wasserstofftechnik). Zuwanderung wird bei der Deckung der Arbeitskräftebedarfe eine immer größere Rolle spielen.

1.2 Kundenentwicklung

Durch stabile Märkte und demografische Effekte sanken die Bestände Arbeit Suchender über Jahre kontinuierlich, Südwestthüringen erreichte mit Arbeitslosenquoten von unter 4 % Vollbeschäftigung. Seit 2020 führten u.a. die Folgen der Corona-Lage, des Ukraine-Krieges und die aktuell schwache Entwicklung der regionalen Wirtschaft zu einem kontinuierlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Quote lag zuletzt bei 5,4 % und damit +35 % über dem erzielten Tiefststand. Für 2026 wird eine Seitwärtsentwicklung der Arbeitslosigkeit erwartet. Dramatisch stellt sich die Entwicklung der Arbeitslosigkeit junger Menschen im Rechtskreis SGB III dar, innerhalb von drei Jahren musste ein Anstieg in Höhe von +63 % registriert werden. Eine Vermittlungs-, Förder- und Qualifizierungsoffensive der Agentur für Arbeit Thüringen Südwest soll dem entgegenwirken und eine gesellschaftlich wahrnehmbare Senkung der Jugendarbeitslosigkeit erzielen.

Der Agenturbezirk Thüringen Südwest zeichnet sich durch seine bundesweit überdurchschnittliche Beschäftigungsquote in Höhe von 66% aus, gleiches gilt für die Erwerbstätigkeit von Frauen und älteren Arbeitnehmern. Das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsvolumen schrumpft allerdings stetig, zum Vorjahr gingen über 3.000 und im Vergleich zu 2019 sogar 16.000 Arbeitsmöglichkeiten verloren (-9,5 %). 

Erwerbsmigration bleibt daher von enormer Bedeutung, aktuell entfallen bei steigender Tendenz 9,5 % aller Beschäftigten in Südwestthüringen auf ausländische Arbeitskräfte. Die Kombination von beruflicher Bildung und Erweiterung von Sprachkenntnissen stellt gleichzeitig eine besondere Herausforderung dar. Die Heterogenität der Bildungs- und Sprachniveaus erschwert die Initiierung von Projekten und Gruppenmaßnahmen. Zudem besteht leider keine Möglichkeit, Grundlagen der deutschen Sprache über die Agenturen zu fördern und damit zügig zu einem Sprachniveau zu kommen, welches für weitergehende Qualifizierungen essenziell notwendig ist.

Kunden mit gesundheitlichen Einschränkungen, welche im Rahmen der beruflichen Teilhabe gesundheitsangepasste Umschulungen benötigen, sind im Umfang des Vorjahres zu erwarten.

 

2. Folgen für die Förderung beruflicher Bildung

2.1 Gestaltung von Maßnahmen und Maßnahmekombinationen

Auch bei schwächerem marktlichen Umfeld wird sich der der Bedarf an Arbeitskräften auf gutem Niveau verstetigen. Im Hinblick auf die zukünftige demografische Entwicklung und den weiter steigenden Bedarf an gut qualifizierten Arbeitskräften wird die Bedeutung von Weiterbildung, Umschulung oder betrieblicher Fortbildung zunehmen. Das bedeutet lebenslanges Lernen für alle. 

Neben der Qualifizierung von Erwerbslosen stellt auch die Qualifikation Beschäftigter eine wichtige Säule dar, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern und Mitarbeiter fachlich fit zu halten. Hierbei stellt die individuelle Beratung der Arbeitgeber einen wesentlichen Hebel dar, um Potenziale im Unternehmen zu identifizieren und durch Qualifizierung weiterzuentwickeln. 

Durch Umstrukturierungen und Firmenschließungen bleibt die Bedeutung von Transfergesellschaften in Südwestthüringen ungebrochen hoch. Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden, werden neben der klassischen Vermittlung auch vermehrt Bildungsmaßnahmen für Arbeitnehmer in der Transferzeit durchgeführt.

Die Qualifizierungsvorhaben sollen sowohl den Anforderungen der Wirtschaft als auch den Möglichkeiten der Bewerber entsprechen, bedürfen einer individualisierten Maßnahmegestaltung und einer wirkungsvollen Kombination von Produkten. Die Entscheidung über eine Qualifizierungsmaßnahme erfolgt individuell und bedarfsbezogen auf Basis der im Profiling festgestellten Handlungsbedarfe mit dem Ziel der dauerhaften Integration in den Arbeitsmarkt. Für Geringqualifizierte bleiben Angebote für berufsanschlussfähige Teilqualifizierungen eine ergänzende Möglichkeit, um schrittweise einen Berufsabschluss über die Externenprüfung zu erreichen.

Für junge Menschen besteht eine besondere Verpflichtung. So erhalten alle geringqualifizierten, unter 25-Jährigen das Angebot einer abschlussorientierten Maßnahme zum Erwerb des Berufsabschlusses. Zielgruppenspezifische Qualifizierungen (z.B. berufspraktische Qualifizierungen mit Praktika) sollen stärker in den Fokus rücken.

Nicht zuletzt steht die Befähigung der Vermittlungs- und Beratungsfachkräfte zu Digitalisierung, Automatisierung sowie KI im Fokus, um zu Transformationen der Arbeitswelt, neuen Qualifizierungsinhalten und -formaten professionell beraten zu können.

 

2.2 Geplante Qualifizierungsziele

Im Bereich der Agentur für Arbeit Thüringen Südwest werden nach rechtskreisübergreifender Abstimmung rund 1.299 Eintritte in Qualifizierungsmaßnahmen angestrebt (SGB III: 1.175, SGB II: 124). Der Erwerb von Berufsabschlüssen für geringqualifizierte Personen bleibt ein wichtiges Element, 208 Förderungen werden avisiert und leisten einen Beitrag zur Fachkräfteentwicklung. Die Bildungsziele werden an der Nachfrage des Arbeitsmarktes und den aktuellen Anforderungen innerhalb der Berufe unter Berücksichtigung der möglichen Rahmenbedingungen der Bewerber ausgerichtet. Die voraussichtliche Verteilung der Bildungsziele nach Berufsklassen kann der nachfolgenden grafischen Darstellung entnommen werden. In einem Umfang von etwa 9 % werden individuell erforderliche Qualifizierungsinhalte in anderen als den genannten Top 10-Berufsfeldern zu realisieren sein. 

TOP 10 der Berufsfelder im Rahmen von Qualifizierungen (Anteile in %)

  • 25% Führen von Fahrzeugen und Transportgeräten
  • 17% Berufe Unternehmensführung, -organisation
  • 11% Medizinische Gesundheitsberufe
  • 9% Erziehung, soziale Berufe
  • 8% nicht medizinische Gesundheitsberufe
  • 6% Schutz-, Sicherheitsberufe
  • 6% Metallerzeugung, -bearbeitung, Metallbau
  • 4% Informatik- und IKT-Berufe
  • 3% Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen, Steuerberatung
  • 3% Technische Entwicklung, Konstruktion, Produktionssteuerung
  • 9% Rest 

Die aus Befragungen von Bewerbern, Arbeitnehmern sowie Arbeitgebern gewonnenen Erkenntnisse zeigen eine hohe Deckungsgleichheit zwischen Nachfrage nach Qualifizierungsinhalten und bisher durchgeführten Maßnahmen. Aufgrund der Kongruenz wird die bisherige Qualifizierungsstrategie der AA Thüringen Südwest fortgeführt. Die Beratung zu Strukturwandel und künftigen Anforderungen bleibt ein Schwerpunktthema, um ggf. noch nicht erkannte Qualifizierungsbedarfe zu eruieren und in Maßnahmeangebote zu übersetzen.