Mit gesundem Rücken durch den Berufsalltag

So können Beschäftigte ihren Rücken fit halten und Sie als Arbeitgeber die Rückengesundheit Ihrer Mitarbeitenden fördern. 


28.01.2026 - Marta Potužníková-König -5 MinutenArbeitswelt gestalten

Wer im Berufsalltag viel sitzt, sich wenig bewegt, schwer hebt oder über dem Kopf montieren muss, kann Probleme mit dem Rücken bekommen. Oft spielt auch Stress im Arbeitsalltag eine Rolle. Die Einflüsse auf die Rückengesundheit sind vielfältig und können sehr belastend sein – physisch und psychisch. Egal ob im Handwerk oder in einem Bürojob, der Rücken wird jeden Tag gefordert. Regelmäßige Pflege ist angesagt, am besten präventiv. Auch der Arbeitgeber kann helfen: von Arbeitsschutz-Maßnahmen über Schulungen und ergonomische Arbeitsplatzgestaltung bis hin zu Gesundheitsprogrammen.

Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten in Deutschland leiden im Jahr wiederholt an Rückenschmerzen. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage von YouGov, die die Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. beauftragt hat. Am häufigsten sind Schulter- und Nackenbereich (73 Prozent) betroffen, 68 Prozent der Befragten geben an, Beschwerden mit dem unteren Rücken zu haben. Der obere Rückenbereich bereitet mehr als der Hälfe (54 Prozent) Schwierigkeiten. 

Interessant ist außerdem: Laut Studie sind 28 Prozent der Teilnehmenden, die über eine ergonomische Arbeitsplatzausstattung verfügen, beschwerdefrei. Bei Befragten, die keine solche Ausstattung haben, sind es lediglich 5 Prozent. Wenn also die Arbeitgeber in eine entsprechende Ausstattung investieren, profitieren sowohl die Gesundheit der Mitarbeitenden als auch die Arbeitgeber von weniger Krankheitsausfällen.  

 

Faktor A hat Larissa Muswieck, Gesundheitswissenschaftlerin und erfahrene Physiotherapeutin aus Nürnberg, zur Rückengesundheit am Arbeitsplatz befragt. Im Interview verrät sie, wie Beschäftigte ihren Rücken gesund halten und Sie als Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden bei der Rückengesundheit unterstützen können.  

Faktor A (FA): Warum ist Rückengesundheit am Arbeitsplatz so wichtig?

Larissa Muswieck (LM): Rückengesundheit ist überall wichtig. Der Arbeitsplatz spielt eine wichtige Rolle, weil wir dort insgesamt viel Zeit verbringen. Die Tätigkeiten, die wir ausüben, sollen so rückenfreundlich wie möglich ausgeführt werden.  

FA: Was spielt aus Ihrer Sicht bei der Rückengesundheit eine große Rolle?

LM: Z. B. einseitige Tätigkeiten, viel Sitzen, zu wenig aktive Pausen und viel Stress. Pauschal kann man das aber nicht sagen. Rückenbeschwerden sind sehr komplex und haben multifaktorielle Ursachen. Bei verschiedenen Tätigkeiten treten unterschiedliche Beschwerden auf, sie können sehr individuell sein.

FA: Welche Rückenbeschwerden treten häufig am Arbeitsplatz auf?  

LM: Rückenbeschwerden treten typischerweise im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule auf; im oberen Bereich können sich diese dann aber auch in der Schulter- oder Kopf-Kieferregion äußern. Häufige Ursache ist eine eingeschränkte Beweglichkeit, die meistens von der Brustwirbelsäule kommt. Die Schwachstelle ist in der Regel die Rumpfmuskulatur, die von vielen nicht richtig genutzt wird. Dies führt zu Überlastungen und Verspannungen von Muskeln, die Aufgaben übernehmen, obwohl dies nicht deren Hauptaufgabe ist. Vor allem bei handwerklichen Berufen ist dies ein Thema. Bei anderen ist es grundsätzlich der Bewegungsmangel.  

FA: Was würden Sie präventiv empfehlen?

LM: Bewegung und Entspannung. Diejenigen, die nur sitzen, sollten so viele aktive Pausen wie möglich einbauen: die Treppe nehmen, den Gang zum Drucker laufen, sich etwas zum Trinken holen oder beim Telefonieren aufstehen. Das gilt auch für die Zeit nach der Arbeit: Da könnte man z. B. eine Busstation früher aussteigen und nach Hause laufen. Man sagt: Eine moderate Aktivität für ca. 30 Minuten sollte es am Tag sein. Wir benötigen eine Art „Ausgleichstraining“, so wie Sportler. Sie trainieren Muskeln und auch ihre Gegenspieler-Muskeln, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Zitat:

In manchen Bereichen versuche ich zu einem Perspektivwechsel zu motivieren: Arbeit nicht nur als Arbeit, sondern als Trainingsmöglichkeit für den Körper zu sehen.

Portraitbild von Larissa Muswieck
Bild: Larissa Muswieck, ©Marie-Therese Muswieck

Es ist immer gut zu überlegen, welche Tätigkeit ich ausübe, und dann die Muskeln zu trainieren, die man während der Arbeit nicht einsetzt. Auch Dehnübungen kann ich empfehlen. Ergonomie kann dazu natürlich auch einiges beitragen, z. B. über höhenverstellbare Tische und ergonomische Bürostühle, die eine Sitzbewegung in verschiedene Richtungen zulassen.

In Berufen, in denen man schwer heben muss, wie z. B. in der Logistikbranche oder der Pflege, sollte man auch Hilfsmittel zur Entlastung des eigenen Körpers nutzen, etwa höhenverstellbare Arbeitsflächen, Betten oder auch Exoskelette (eine äußere Tragstruktur, die an einen menschlichen Körper angebracht wird, und ihn verstärken, schützen oder entlasten kann: Anmerkung der Redaktion).

FA: Und wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter schon Rückenprobleme hat, was empfehlen Sie für eine nachhaltige Rückengesundheit?

LM: Bei Personen, die bereits Rückenbeschwerden haben, ist Kontinuität sehr wichtig. Sie sollten dranbleiben und regelmäßig Übungen machen. Viele hören schnell auf, wenn sie eine Verbesserung spüren. Das sollten sie lieber nicht tun. Einfach weiter machen und an der Routine festhalten.

FA: Haben Sie Tipps für Arbeitgeber, was diese für ihre Mitarbeitenden tun können?

LM: Ich persönlich sehe einen großen Vorteil, wenn sich der Arbeitgeber um die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmert. Ich verstehe, wenn das als weitere und zusätzliche „Aufgabe“ des Arbeitgebers wahrgenommen wird. Allerdings ist das meiner Meinung nach eine Investition, die sich lohnt. Sowohl für die Mitarbeitenden als auch für den Arbeitgeber ist es ungünstig, wenn die Mitarbeitenden ausfallen. Unsere Autos müssen auch zum TÜV oder Maschinen werden regelmäßig gewartet, sonst gehen sie kaputt. Der menschliche Körper ist wesentlich komplexer, braucht aber genauso Aufmerksamkeit, damit wir uns auf ihn und seine Funktionen „verlassen“ können.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden unterstützen können. Sie können beispielsweise eine Mitgliedschaft im Sportverein oder Fitnessstudio bezuschussen. Für gesetzlich Versicherte gibt es die Möglichkeit, dass sich Arbeitgeber innerhalb der Betrieblichen Gesundheitsförderung an den Kosten von Präventionskursen beteiligen. Alternativ kann eine Teilnahme an einer im Betrieb organisierten aktiven Pause oder eines Bewegungskurses auch als Arbeitszeit angerechnet werden.

Das menschliche Gehirn braucht Pausen. Nach der Pause ist es wieder mit mehr Sauerstoff und Energie versorgt und kann sich effektiv den neuen Aufgaben widmen. Effizient können auch Walk and Talk Meetings sein – Dienstbesprechungen einfach mal draußen stattfinden lassen.  

Zitat:

Sebastian Kneipp hat einmal in dem Sinne gesagt, wer keine Zeit für seine Gesundheit hat, wird irgendwann viel Zeit für seine Krankheiten brauchen.  

FA: Welche Übungen können im Arbeitsalltag einfach integriert werden? Würden Sie spezielle Hilfsmittel oder Geräte empfehlen?

LM: Für den Berufsalltag empfehle ich mobilisierende Bewegungen wie sich zur Seite drehen, die Schultern und das Becken kreisen oder einfach aufstehen und sich Wirbel für Wirbel von oben nach unten beugen. Auch Dehnungen für das Gesäß und den vorderen Oberschenkel lassen sich prima im Sitzen und im Stehen integrieren. Es muss nicht immer ein mehrstündiges Training sein, es reicht auch mal, nur um den Block spazieren zu gehen. Spezielle Hilfsmittel oder Geräte sind meiner Meinung nach dafür nicht zwingend notwendig – da gibt es dann auch keine Ausreden, nicht aktiv werden zu können.

FA: Welche Fehler begegnen Ihnen häufig in der Praxis bzgl. der Rückengesundheit am Arbeitsplatz?  

LM: Bei den sitzenden Tätigkeiten ist es das „aufrecht sitzen müssen“. Bandscheiben werden durch den Wechsel von Belastung und Entlastung ernährt, also sollten unterschiedliche Sitzpositionen gewählt werden. Allgemein würde ich aber sagen, dass der schlimmste Fehler ist, gar nichts zu tun. Jede Bewegung zählt. Immer wenn man die Möglichkeit hat, sollte man die Bewegung wählen. Aufstehen, Fenster aufmachen und lüften, Treppe laufen. Das ist immer noch besser als nichts.

FA: Welche Warnzeichen sollten Mitarbeitende ernst nehmen, wann sollten sie zum Arzt gehen?

LM: Wenn die Rückenbeschwerden länger als sieben Tage andauern, sollten sie ärztlich abgeklärt werden. Treten Rückenschmerzen auf, die in Arme oder Beine ausstrahlen und mit einer Muskelschwäche und/oder einer Sensibilitätsstörung verbunden sind, sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden.  

FA: Vielen Dank für das Gespräch Frau Muswieck!

 

 

 


 

 

 


Headerbild: ©AdobeStock/Krakenimages.com