Skill-based Hiring: Warum Abschlüsse allein nicht mehr ausreichen

Kompetenzen statt Zeugnisse: Wie Unternehmen mit einem hybriden Recruitingansatz bessere Talente finden.


02.06.2026 - Matthias Haft -3 Minuten

Sind Studien- und Berufsabschlüsse noch der beste Maßstab für die Personalauswahl? In vielen Berufsfeldern gewinnen aktuelle Fähigkeiten und Soft Skills zunehmend an Bedeutung. Der Beitrag beleuchtet die Chancen und Grenzen des Skill-based Hiring und zeigt, warum hybride Recruitingmodelle für viele Unternehmen der sinnvollste Weg sind.

Was sagt das 2006 erworbene Diplom im Studiengang Informatik im Jahr 2026 eigentlich noch über die Eignung einer Person für eine Position in der Software-Entwicklung aus? Betrachtet man übliche Rekrutierungsprozesse, könnte man zu dem Schluss kommen: sehr viel. Immerhin werden bei den meisten Unternehmen am Beginn des Rekrutierungsprozesses formale Kriterien oft als Sieb verwendet, in dem nur hängenbleibt, wer die richtigen Abschlüsse mitbringt. Tatsächliche Kompetenzen und was jemand in den 20 Jahren seit Studienabschluss gemacht hat, spielen erst danach eine Rolle. Es ist ein kleines Detail im Auswahlprozess der Rekrutierung, aber es beeinflusst sehr stark, ob ein Unternehmen die richtigen Mitarbeitenden findet oder nicht.

Technologische Veränderung gab es immer, aber heute verläuft sie schneller. Während die Industrialisierung in Europa im 18. und 19. Jahrhundert trotz ihres Beinamens mehr Evolution statt Revolution gewesen ist und sich über viele Jahrzehnte hinzog, fegt im Informationszeitalter eine Technologie die andere weg. Dabei bringt technologische Veränderung meist auch neue Produktionswege mit sich, und damit neue berufliche Tätigkeiten, die ausgeübt, neue Kenntnisse und Fähigkeiten, die benötigt werden. Ein Rekrutierungsverfahren, das stark auf berufliche Abschlüsse abzielt, läuft Gefahr, diese Veränderungen nicht im ausreichenden Maße adressieren zu können.  

Skill-based Hiring vs. Degree-based Hiring

Skill-based Hiring, also das Rekrutieren auf Basis von Kompetenzen, verlagert den Fokus weg von Ausbildungs- und Studienabschlüssen hin zu aktuellen Fähigkeiten und Kenntnissen von Bewerbenden. Damit ist dieser Hiring-Ansatz eine schlüssige Konsequenz von Recruiting-Teams, die vor der Herausforderung stehen, in dynamischen Branchen neue Mitarbeitende zu finden. Insbesondere in der IT, aber im Allgemeinen in Arbeitsfeldern, in denen Digitalisierung eine große Rolle spielt, wird deshalb besonders und zuallererst auf Kompetenzen geschaut. Da ist die Fachinformatikerin, die in den letzten drei Jahren mit genau den aktuellen Programmiersprachen gearbeitet hat, die Sie im Unternehmen einsetzen. Und da ist der Informatiker, der diese Sprachen zwar nicht kennt, aber ein Diplom hat. Wen nehmen Sie?

So funktioniert skill-basiertes Recruiting

Das kompetenzbasierte Einstellen von Fachkräften funktioniert in den Berufsfeldern gut, in denen es bereits seit vielen Jahren eine Kultur des Quereinstiegs gibt: z. B. in der IT, im Marketing, in der Data Science. In diesen Bereichen ist es üblicher als in anderen Berufsfeldern, dass zentrale Kenntnisse erst im neuen Job vermittelt werden – und das, ohne das zwingende Ziel, auch einen Abschluss zu erreichen. Rekrutierung für Quereinstiege hat daher immer Potentiale im Blick. Hat der oder die Bewerbende die nötigen Grundfertigkeiten und zeigt sich außerdem lernfähig, motiviert und offen für Veränderungen? Dann könnte der Quereinstieg klappen. Skill-basiertes Rekrutieren teilt diesen Ansatz: Es wird stark auf aktuelle fachliche Kompetenzen, aber auch auf Soft Skills geschaut, die benötigt werden. Ob bestimmte berufliche Abschlüsse vorliegen, ist zweitrangig. Und zwar auch dann, wenn die

Der Vorteil: Organisationen, die stärker auf Skills als auf Abschlüsse schauen, können Stellen tendenziell passgenauer besetzen. Sie finden eher die richtige Person. Wieso? Sie schließen im Rekrutierungsprozess nur aus, wer die nötigen Fähigkeiten, Kenntnisse und Potentiale nicht mitbringt. Ein fehlender Abschluss ist hingegen kein zwingendes Ausschlusskriterium. Noch fehlender Kompetenzen können über Weiterbildungen vermittelt werden. Außerdem führt der Rekrutierungsansatz in der Regel zu kürzeren Stellenbesetzungsverfahren, da der Talentpool nicht verkleinert wird.

Deshalb ist Abschluss-basiertes Recruiting weiterhin wichtig

Eine Branche, in der ebenfalls viel über Quereinstiege eingestellt wird, ist die Pflege. Hier würde ein rein kompetenzbasiertes Hiring jedoch nicht ohne Weiteres funktionieren, da zur Ausübung bestimmter Tätigkeiten zwingend ein bestimmter beruflicher Abschluss vorliegen muss. Einfach nur die nötigen Kompetenzen zu vermitteln, reicht hier nicht. Am Ende muss auch der Abschluss vorliegen. Dennoch ist es auch in der Pflegebranche ein guter Ansatz, auf Soft Skills von Bewerbenden zu schauen, insbesondere auf diejenigen, die Schlüsse darüber zulassen, ob jemand dauerhaft in der Pflegebranche Fuß fassen kann oder nicht.

In manch anderer Branche ist ein Quereinstieg und damit ein rein skill-basiertes Recruiting noch weit weniger denkbar: Der Weg zur Ärztin, zum Richter oder zur Architektin führt über ein Studium, nicht über einen Quereinstieg. Personalabteilungen können bei diesen und anderen Berufsgruppen formale Grundlagen wie Studienabschlüsse deshalb nicht hintenanstellen. Was nicht heißt, dass aktuelle Kompetenzen und Soft Skills irrelevant wären.

Hybride Recruitingansätze für die Zukunft

In den meisten Unternehmen gibt es Tätigkeiten, die zwingend von Menschen ausgeübt werden müssen, die formal dazu qualifiziert sind. In den meisten Unternehmen gibt es jedoch auch Tätigkeiten, bei denen das eben nicht der Fall ist. Arbeitgeber sollten sich also nicht fragen, ob sie nun künftig nur noch abschluss-basiert oder skill-basiert rekrutieren sollten: Sie werden beide Wege beschreiten, je nachdem, welche Rolle zu besetzen ist. So können stabile Strukturen, die auf festen Rollen basieren, durch flexible Strukturen ergänzt werden – überall da, wo es keine formalen Hürden braucht. Richtig eingesetzt wird ein skill-basierter Organisationsansatz so zum Motor für interne Mobilität.


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