Virtueller Betriebsrundgang bei Global Foundries

Gefahrlos, ortsunabhängig, was fürs Langzeitgedächtnis: Halbleiter-Produzent Global Foundries hat mit seinen Betriebsführungen in der Virtual Reality aus der Not eine Tugend gemacht.


10.06.2025 - Matthias Haft -4 Minuten

Wenn unter Hochsicherheitsbedingungen gearbeitet wird, ist Werbung für die eigene Arbeit eine Herausforderung. Wie vermittelt man Nachwuchskräften Eindrücke von Berufen in der Chip-Industrie, wenn Werkhallen nicht besichtigt werden können? Das Personalmarketing von Global Foundries hat am Standort Dresden eine Lösung dafür gefunden. Eine Lösung, die aufgrund vieler Vorteile auch für Unternehmen ohne Hochsicherheitsbereiche interessant sein dürfte.

Die Warteschlange am Gate 1 des Betriebsgeländes von Global Foundries ist acht Uhr morgens zum ersten Werktag des Monats ziemlich lang. Ein Zustand, über den sich der Halbleiter-Produzent freuen dürfte, denn an dem Wachhäuschen am Standort Dresden stehen vor allem neue Mitarbeitende an, die an diesem Montag ihren ersten Arbeitstag antreten. Wer schon einen Schritt weiter ist, wartet in der Lobby. Hier sammeln sich die Neuankömmlinge und blättern in einem Flyer mit Sicherheitshinweisen, bis sie nach und nach von der Personalabteilung in Empfang genommen werden: Das Onboarding steht an.

Mit VR die Arbeit sichtbar machen

Vor allem in der Produktion sucht das Unternehmen mit Hauptsitz in den USA nach Fachkräften, erklärt Steve Federow, Personalmarketer bei Global Foundries. Er muss laut sprechen, denn im Innovation Lab des Standorts dröhnen, piepsen und pfeifen die Maschinen. Hier werden in der Sandbox u.a. neue Transportwege zwischen den einzelnen Produktionsstationen getestet. Eine geeignete Umgebung, um zu erklären, wieso Global Foundries einen „digitalen Zwilling“ seiner Fabrik braucht.

Federow hantiert mit einer VR-Brille, während er erzählt. Er fährt sie hoch, hält sie sich prüfend vor die Augen: „Dass wir in Reinräumen produzieren und da nicht so einfach Führungen anbieten können, war sicher der wichtigste Grund, wieso wir eine VR-Version unserer Anlagen erstellt haben. Aber wir haben auch das Problem, dass die Besucherinnen und Besucher in den Werkhallen nicht viel sehen können. Die Maschinen sind geschlossen. Man sieht gar nicht, was da vor sich geht. Wenn wir potentielle Bewerberinnen und Bewerber ansprechen wollen, ist das unpraktisch, einfach ein bisschen langweilig.“

Deswegen hat sich Federow vor einiger Zeit vorgenommen, einen virtuellen Betriebsrundgang zu schaffen. Gemeinsam mit der Fachhochschule Dresden konnte er diesen im vergangenen Jahr umsetzen. Zuletzt sei auch die Auflösung der 360-Grad-Videos verbessert worden. Davor habe es ein langes Hin und Her gegeben zwischen Global Foundries und dem Konzern Meta, über dessen VR-Technologie das Ganze laufe. „Es gibt immer etwas, das man noch verbessern kann. Das Projekt ist mein kleiner Side Hustle“, sagt Federow mit einem Grinsen. „Wir müssen kreativ sein, wenn wir neue Leute gewinnen wollen. Bei vielen Menschen in der Region ist AMD präsenter als wir, obwohl das Unternehmen ja seit 2009 gar nicht mehr in Dresden tätig ist.“ Er und seine Kolleginnen und Kollegen schrauben daher an der Arbeitgebermarke. Sie wollen, dass die Menschen in der Region beim Stichwort Halbleiter nicht zuerst an die Konkurrenz denken, sondern an Global Foundries. Eine Innovation wie der virtuelle Betriebsrundgang passe natürlich perfekt dazu.

Betriebsrundgang to go

Mit den VR-Führungen wurde das Unternehmen auch für den Deutschen Fachkräftepreis 2025, den das Bundesministerium für Arbeit und Soziales vergibt, nominiert. Gewonnen hat das Projekt zwar nicht. Stattdessen wurde in der Kategorie Digitales und KI die sächsische Servicestelle Arbeit und Migration für ihre mehrsprachige Plattform zur Fachkräftegewinnung für den ländlichen Raum ausgezeichnet. Federow ist trotzdem stolz auf das Erreichte: „Das Tolle ist ja, dass der VR-Rundgang überall stattfinden kann. Die VR-Brillen nehmen wir mit auf Berufsmessen oder zu wichtigen Terminen außer Haus. Drei unserer Brillen fahren auch im Fabmobil (einem fahrenden Kunst-, Kultur- und Zukunftslabor für die Oberlausitz, Anm. des Redakteurs) mit. Jugendliche, die über einen technischen Beruf nachdenken, können also auch auf dem ostsächsischen Dorf erfahren, was wir tun.“

Im VR-Video können Interessierte einen Einblick erhalten, der normalerweise nicht so ohne weiteres möglich ist. Das Ganze ist dazu spielerisch verpackt. Bevor es in die Reinräume geht, wird der Umkleide ein Besuch abgestattet, um die sterile Arbeitsmontur in der richtigen Reihenfolge anzuziehen. In den Werkhallen selbst herrscht dann geschäftiges Treiben: „Im Video ist alles ein bisschen gerafft. Die Halbleiterproduktion dauert ja seine Zeit, die einzelnen Schritte finden nicht nahtlos nacheinander statt. Bei einem echten Rundgang hätten wir also immer auch Leerlauf. Im Video können wir dagegen den Mitarbeitenden bei mehreren Arbeitsschritten gleichzeitig über die Schulter schauen.“

Escape Game mit Mehrwert

Neben dem Video hat Federows Team ein Escape Game entwickelt. An zwei Stationen können Spielerinnen und Spieler den Produktionsprozess eines Halbleiters simulieren. Sie stellen die korrekte Temperatur und Brenndauer am Diffusionsofen ein und versuchen anschließend, den Wafer, eine dünne Scheibe aus Silizium, zu belichten. Das Team arbeite aktuell noch an weiteren Produktionsschritten, um den gesamten Prozess abzubilden. Was auffällt, ist die Eingängigkeit des Spiels. Ein komplexer Prozess, der im Rahmen einer Führung wohl sehr abstrakt anmuten würde und wenig greifbar wäre, bekommt durch das Erspielen im VR-Game eine ganz andere Direktheit. Das sorgt dafür, dass man besser versteht und sich leichter abspeichert, was man soeben erfahren hat.

Und so hat Global Foundries mit seinem VR-Angebot ein Recruiting-Instrument an der Hand, das auf mehreren Ebenen wirkt. Das Unternehmen zeigt, wofür es als Arbeitgeber stehen möchte. Führungen durch die Produktionsanlagen werden nun erstmals auch im großen Maßstab möglich – und das sogar fernab des eigenen Standorts. Nicht zuletzt der Erinnerungswert, den die VR-Erfahrung schafft, könnte dafür sorgen, dass sich Nachwuchskräfte das nächste Mal für Global Foundries entscheiden und nicht für die Konkurrenz. So zumindest die Hoffnung von Steve Federow und seinem Team. Nur logisch, dass sie weiter an der VR-Anwendung arbeiten. Das Sprachenangebot soll nun ausgebaut werden, immerhin rekrutiere man ja weltweit. 
 


Titelbild: ©AdobeStock/Ivan