Eltern und ihre Rolle in der Berufsorientierung

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Eben erst wurde das Kind eingeschult und plötzlich soll es schon Entscheidungen über seine berufliche Zukunft treffen. Sie stehen als Eltern und Erziehungsberechtige daneben und fragen sich: Wie kann ich helfen? Und manchmal vielleicht sogar: Wie darf ich helfen? Soll ich überhaupt helfen?

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, stehen Sie nicht alleine da: diese Fragen stellen sich jedes Jahr Tausende von Menschen. Die Antworten? Sind so individuell wie Sie, Ihr Kind und seine Berufswünsche. Trotzdem gibt es einige bewährte Strategien, die Ihnen in dieser Zeit helfen können.  

Diese Aufgaben haben Sie als Eltern

Als Eltern kommt Ihnen eine besondere Rolle in der Berufsorientierung Ihres Kindes zu, an die Sie sich in den letzten Jahren vielleicht sogar schon gewöhnt haben: Sie sind Beifahrer oder Beifahrerin. Diese Rolle ist wichtiger, als sie vielleicht denken – denn Berufsorientierung ist eine Langstreckenfahrt. Sie wird bedeutend einfacher, wenn sich jemand um Unterhaltung, Navigation, Verpflegung und das eine oder andere Telefonat kümmert. Die Initiative #parentsonboard, die unter anderem vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, fasst das in vier Arten der Unterstützung zusammen: 

Egal ob Ihr Kind 8 oder 18 ist: Sie sind ein sicherer Hafen, egal ob bei der Berufsorientierung alles genau nach Plan läuft oder Rückschläge verarbeitet werden müssen. Sie trösten bei Misserfolgen, motivieren bei Ängsten, sind Zuhörerin oder Zuhörer und freuen sich über Erfolge und die Begeisterung für neue Berufsideen. 

Wenn einem plötzlich die ganze Welt der Berufe offensteht, dann kann man die Flut an Informationen und Möglichkeiten unmöglich alleine bewältigen. Um Ihr Kind an diesem Punkt zu entlasten, müssen Sie selbst kein Experte sein; unterstützen Sie einfach bei der Recherche und seien Sie Sparringspartner. Zum Beispiel, indem Sie helfen, die Vor- und Nachteile bestimmter Ausbildungswege abzuwägen. 

Einen guten Start für Ihre persönliche Recherchereise bildet zum Beispiel die Seite Podcasts für Eltern, auf der Sie eine Reihe von Podcasts zu verschiedenen Themen der Berufsorientierung finden. 

Jeder, der schon einmal selbst nach einem Job gesucht hat, weiß: Ein Assistent oder eine Assistentin für die Kontrolle der Bewerbungsunterlagen, Kalender-Checks oder ein Nachfrage-Telefonat wäre dafür wirklich praktisch. Gratulation, Sie haben die Stelle. 

Der Begriff stammt aus der Psychologie und bedeutet „sich vom eigenen Standpunkt lösen“. Das ist die schwierigste Rolle für die meisten Eltern: Sie sollen Optionen bieten, Möglichkeiten aufzeigen, Wünsche formulieren – und trotzdem akzeptieren, dass jemand anderes am Steuer sitzt. Wie das gehen soll? Tipps dazu finden Sie im nächsten Absatz.

Tipp:Gut zu wissen: Als Eltern einer oder eines Jugendlichen mit Behinderung stehen Sie vor besonderen Herausforderungen. Weiterführende Informationen zur Berufsorientierung finden Sie in diesem Fall zum Beispiel auf unserer Seite Berufsorientierung für Menschen mit Behinderung. Unterstützung bekommen Sie und Ihr Kind bei der Reha-Beratung, einem spezialisierten Team der Berufsberatung. Einen Termin können Sie unter anderem auf der Seite So hilft dir die Berufsberatung bei der Berufswahl vereinbaren. 

Podcast: Eigenverantwortung

Hinweis: Dieser Podcast wurde aus den eingestellten Portalen abi.de bzw. planet-beruf.de in das neue meinBERUF-Portal übernommen.

Melanie: Berufswahl begleiten: Der Podcast von planet-beruf.de für Eltern und Erziehungsberechtigte

planet-beruf.de Sprecher: Alles Wichtige zu Eigenverantwortung - kurz erklärt

Melanie: Hallo liebe Eltern! Ich bin Melanie. Heute geht es um Eigenverantwortung. Wie bringt man seinem Kind diese Stärke näher? Welche Rolle spielt sie beim Einstieg in eine Ausbildung und ins Arbeitsleben? Ich spreche dazu mit Nicole Füngerlings, Mutter von drei erwachsenen Söhnen, und Max Potrikus, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit Krefeld in Nordrhein-Westfalen. Bitte stellen Sie sich beide kurz vor. Frau Füngerlings, möchten Sie anfangen?

Nicole Füngerlings: Mein Name ist Nicole Füngerlings. Ich wohne in Geldern-Waldeck, das ist ein kleines Spargeldorf am Niederrhein nahe der niederländischen Grenze. Ich habe drei mittlerweile erwachsene Jungs, 21, 20 und 18, die sind alle drei Maurer.

Melanie: Und nun zu Ihnen, Herr Potrikus.

Max Potrikus: Ja, schönen guten Tag. Mein Name ist Max Potrikus, ich bin Berufsberater in der Agentur für Arbeit Krefeld und ich betreue derzeit ein großes Berufskolleg und betreue viele verschiedene Bildungsgänge von AVV Klassen bis zum Beruflichen Gymnasium. Das sind die Ausbildungsvorbereitungsklassen, wo Schüler die Möglichkeit haben, einen Hauptschulabschluss nachzuholen.

Melanie: Zuerst möchte ich Sie beide fragen, was für Sie Selbstständigkeit und Eigenverantwortung bedeuten. Herr Potrikus?

Max Potrikus: Also, Selbständigkeit bedeutet für mich, dass eine Person die Notwendigkeit der Eigenleistung verinnerlicht hat und auch in der Lage ist, die notwendigen Schritte zu planen und umzusetzen, um Ziele, berufliche Ziele oder sonstige Ziele, zu erreichen. Der Begriff der Eigenverantwortung ergänzt für mich den Begriff der Selbstständigkeit und meint, dass einer Person bewusst ist, dass sie für das eigene Handeln oder auch Nicht-Handeln einsteht und die Konsequenzen dann auch trägt.

Nicole Füngerlings: Ja, da sind wir uns sehr ähnlich. Also ich würde sagen, eigenverantwortliches Handeln mit allen Konsequenzen, die möglicherweise daraus entstehen, und dafür braucht es einen sicheren Stand im Leben mit Menschen im Rücken, die da sind, hinhören, anpacken und auffangen, wenn es dann auch gebraucht wird.

Melanie: Da haben Sie beide wichtige Punkte angesprochen: eine eigene Leistung erbringen, um Ziele zu erreichen, und die Konsequenzen daraus zu tragen. Wie kann man seinem Kind diese Werte näherbringen, Frau Füngerlings?

Nicole Füngerlings: Also, meine Haltung dazu ist Vorleben. Also, selbst auch als Eltern vorzuleben, wie, also, dass ich nicht aus einer Opferrolle ständig reagiere und agiere, sondern selbstverantwortliches und eigenverantwortliches Handeln und Tun im Leben habe, von dem die Kinder im besten Falle sich etwas abschauen.

Melanie: Schön gesagt. Mit Blick auf die Berufswahl: Warum sind Selbstständigkeit und Eigenverantwortung so wichtige Eigenschaften für Jugendliche, mit Blick auf die Berufswahl, Herr Potrikus?

Max Potrikus: Ja, aus meiner Sicht ist es ohne diese Kompetenzen nicht wirklich möglich, Entscheidungen fundiert zu treffen. Nur wer sich aktiv mit der Berufswelt auseinandersetzt und Eigenverantwortung in diesem Prozess übernimmt, dem wird es möglich sein, fundiert zu entscheiden.

Die Berufsberatung kann hier natürlich mit ihrer Expertise unterstützen und durch Gespräche und Analysen Interessen und Fähigkeiten sowie dazu passende Berufe herausarbeiten.

Melanie: Und wie ist die Bedeutung für den Berufseinstieg?

Max Potrikus: Also, die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu arbeiten, ist eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Berufseinstieg. Insbesondere im Vergleich zu der Schullaufbahn haben diese Kompetenzen im Arbeitsleben einen deutlich höheren Stellenwert.

Melanie: Frau Füngerlings, erzählen Sie uns doch gern von einem Beispiel, als Ihre Söhne während der Ausbildung besonders verantwortungsvoll gehandelt haben.

Nicole Füngerlings: Mein ältester Sohn hat damals die Ausbildung begonnen bei einem Bauunternehmen und hat nach 8 bis 12 Wochen gemerkt, das ist nicht der richtige Arbeitgeber für mich, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Und dann hat er eigenständig - ich bin mit ihm morgens hingefahren, hatte er noch gar keinen Führerschein gehabt, da war der irgendwie 16, total jung - und ist alleine zu seinem Chef, der, ich drück es mal vorsichtig aus, ein bisschen cholerisch war und ist also hin und hat sich getraut zu sagen: "Ich möchte gerne weitermachen und nicht hier".

Melanie: Eigenverantwortung bedeutet also auch, unangenehme Situationen nicht einfach zu meiden, sondern für sich selbst einzustehen. Super, vielen Dank für das Gespräch, Frau Füngerlings und Herr Potrikus. Tschüss!

Nicole Füngerlings: Tschüss, tschüss!

Max Potrikus: Tschüss!

planet-beruf.de Sprecher: Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sind Stärken, die Ihrem Kind ermöglichen, überlegte Entscheidungen in der Berufswahl zu treffen und schließlich erfolgreich in den Beruf zu starten. Mehr Infos, wie Sie Ihr Kind während der Berufswahl unterstützen und dessen Selbstständigkeit fördern, erfahren Sie im Portal für Eltern und Erziehungsberechtigte unter Mein Kind unterstützen.

Ausbildung lohnt sich. Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, den passenden Beruf zu finden!

Erwartungen formulieren, ohne Druck auszuüben

Beifahrer oder Beifahrerin zu sein ist dann am schwierigsten, wenn der Fahrer oder die Fahrerin ganz woanders hinwill, als man selbst. Denn natürlich haben auch Sie als Eltern Vorstellungen zum Leben Ihres Kindes. Und wenn Sie und Ihr Kind in vollkommen unterschiedliche Richtungen denken, dann wird ein Gespräch über die berufliche Zukunft manchmal ganz schön schwierig.  

Versuchen Sie in solchen Fällen, aufgeschlossen und wertneutral zu bleiben, aber seien Sie dabei ehrlich. Ein Beispiel:

Was Sie vielleicht denken: „Du willst Schreiner werden? Aber mit deinen hervorragenden Noten solltest du unbedingt studieren, dann hast du später ganz andere Möglichkeiten und verdienst mehr Geld!“

Was Sie stattdessen sagen sollten: „Bei deinen guten Noten hatte ich eigentlich gehofft, dass du ein Studium anfängst. Vielleicht könntest du noch einmal überprüfen, was dich an einer Schreinerausbildung so reizt, was du vielleicht auch in einem Holztechnik-Studium ausleben kannst? Aber wenn du lieber eine Ausbildung anfängst, werden wir deine Entscheidung in jedem Fall respektieren.“

Ähnliches gilt, wenn Ihr Kind seine Fähigkeiten und Stärken anders einschätzt als Sie. Hier kann es kompliziert werden, die eigenen Gedanken zu formulieren, ohne zu entmutigen.

Was Sie vielleicht denken: „Du möchtest Bankkaufrau werden? Bei deinen Mathenoten?“

Was Sie stattdessen sagen sollten: „Ich wundere mich ein bisschen, dass dich Wirtschaft und Statistiken interessieren, weil du dich in Mathe schon etwas schwertust. Lass uns doch mal mit der Berufsberatung sprechen. Die kann dir sagen, welche Fähigkeiten du gezielt verbessern kannst oder dir Alternativen aufzeigen.“ 
 

So motivieren Sie Ihr Kind für die Berufsorientierung

Alles schön und gut, sagen Sie jetzt vielleicht, aber was mache ich, wenn mein Kind so gar nicht mit der Berufsorientierung loslegen will? Zunächst einmal sollten Sie einen Blick auf den Beitrag Dein Weg zum Beruf in 8 Schritten werfen und auf den Beitrag Fahrplan für die Berufswahl: Wann können Eltern helfen. Vielleicht ist Ihr Kind ja gar nicht zu spät dran, sondern Sie zu früh?

Frühestens ab der 7. Klasse ergibt es Sinn, über Berufsorientierung nachzudenken, Studienorientierung passiert sogar erst ab etwa der 10. Klasse. Und dann darf die Orientierung ganz klein beginnen: mit Gesprächen über die Interessen und Stärken Ihres Kindes zum Beispiel oder mit einem unverbindlichen Gespräch bei einer Berufsberaterin oder einem Berufsberater Ihrer örtlichen Agentur für Arbeit. Wichtig ist, dass Sie das Thema aktiv halten, ohne Druck auszuüben und anbieten statt zu fordern. Das kann zum Beispiel so aussehen:

  • Besuchen Sie gemeinsam Ausbildungs- und Berufsorientierungsmessen – aber ohne konkrete Erwartungen. Eine Messe in Ihrer Nähe finden Sie im Beitrag Inspiration auf Ausbildungs- und Berufsmessen erhalten
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, Berufsorientierungstests wie Check-U zu absolvieren und sprechen Sie danach über die Ergebnisse. Mehr erfahren Sie auf der Seite Check-U: Der Berufsorientierungstest.
  • Sprechen Sie weniger über konkrete Ausbildungen oder Studiengänge, sondern mehr über allgemeine Wünsche für die berufliche Zukunft: viel Reisen, Sicherheit, Menschen helfen, mit den Händen arbeiten – was davon liegt Ihrem Kind?
  • Machen Sie Ihrem Kind klar, dass es nicht von jetzt auf gleich alle Antworten finden muss – aber, dass es oft schon hilft, wenn man Fragen wie „Was ist mir in meinem späteren Job besonders wichtig?“ eine Weile mit sich herumträgt.

Vor allem aber sollten sowohl Sie als auch Ihr Kind sich nicht unter Druck setzen. Natürlich ist die Wahl eines Studiums oder einer Ausbildung eine große Entscheidung – aber auch danach stehen Ihrem Kind weiter alle Bildungswege offen. Warum also nicht erst eine Ausbildung machen und später studieren, wenn das Kind sich damit gerade wohler fühlt? 

Tipp:Tipp: Welche Schritte in der Berufswahl kann ich begleiten und habe ich die auch wirklich alle im Blick? Damit Sie und Ihr Kind bei Berufsorientierung und Bewerbung nichts vergessen, nutzen Sie doch unsere praktische Eltern-Checkliste als PDF-Download

Netzwerke richtig nutzen

Sie haben zufällig einen guten Freund oder eine gute Freundin, Bekannte oder Verwandte, die im Wunsch-Job Ihres Kindes arbeitet? Super! Zumindest, wenn es darum geht, Informationen aus erster Hand und einen lebensnahen Eindruck von der Arbeit zu bekommen. Etwas komplizierter kann es dagegen werden, wenn Sie nach einem Gefallen fragen. Vor allem wenn es nicht „nur“ um ein Praktikum geht, sondern vielleicht sogar um eine Ausbildungsstelle.

Wenn Ihr Kind damit einverstanden ist oder Sie vielleicht sogar von sich aus gebeten hat, einen Kontakt aus Ihrem Netzwerk nach einem Vorstellungsgespräch zu fragen, dann sollten Sie das auch tun. Dabei ist es aber sehr wichtig, dass Sie alle ehrlich zueinander sind: Sagen Sie Ihrem Kontakt offen, dass es Ihre Beziehung nicht negativ beeinflusst, wenn es am Ende nicht zu einer Einstellung kommt. Auch Ihrem Kind muss klar sein, dass Ihr Bekannter oder Ihre Bekannte es nicht „böse meint“, wenn aus der Stelle am Schluss leider doch nichts wird.

Niemand in Ihrem Netzwerk hat eine Stelle, die für Ihr Kind interessant ist? Dann denken Sie Ihr Netzwerk einfach größer: Ermutigen Sie Ihr Kind, selbst auf die Suche zu gehen und Kontakte mit Freunde von Freunden, Nachbarn oder örtlichen Betrieben zu knüpfen. Hier tun sich die jungen Menschen oftmals schwer, ein Schubser in die richtige Richtung kann daher viel bewirken. 

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